"Destination Ich"

4. Juni 2009, 17:01
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Freiwilligenarbeit, Spiritualität und Sinnsuche werden den Tourismus der Zukunft prägen, ist der Trendforscher Eike Wenzel überzeugt

DER STANDARD: Die Finanzkrise hat alle Lebensbereiche erfasst, trotzdem verzeichnen bestimmte nachhaltige Tourismusangebote wie Bio-Urlaub zweistellige Zuwachsraten - wieso?

Eike Wenzel: In Zeiten der Krise stellt sich umso mehr die Wertefrage. Die Menschen wollen vermehrt immaterielle und spirituelle Bedürfnisse erfüllt wissen. Leute, die sich Urlaub leisten können, geben bewusst relativ viel Geld dafür aus und treten an anderer Stelle kürzer. Sie wollen im Urlaub ein Sinnbedürfnis befriedigen.

DER STANDARD: Sie nennen das "Sinnmarkt Tourismus". Was kann man sich darunter vorstellen?

Wenzel: Die Menschen wollen Erfahrungen machen, die sie im Alltag nicht mehr machen können, z. B. ein vernünftiges Gespräch führen. Angebote wie Volunteering funktionieren deshalb so gut, weil viele, die sonst im Büro sitzen, es schätzen, etwas mit eigenen, bloßen Händen zu bearbeiten und nach einer Woche ein Ergebnis zu sehen. Frei nach dem Motto "Urlaub machen, um mal richtig was zu arbeiten". Auch längere Aufenthalte wie z. B. ein Sabbatical für ein halbes Jahr werden sicher Themen werden für Touristiker.

DER STANDARD: Auch Angebote wie Pilgerreisen und Kloster auf Zeit boomen. Warum?

Wenzel: Dahinter steckt das Bedürfnis, sich zu verändern. Pilgerreisen stehen für die Idee, über das Wandern auch eine innere Bewegung zu vollziehen. Dass ein Buch über den Jakobsweg wie Ich bin dann mal weg von Hape Kerkeling ein derartiger Bestseller werden konnte, zeigt, dass es längst nicht mehr um Destinationen geht. Was man heute möchte, ist die Destination Ich.

DER STANDARD: Sprechen wir da nicht nur über eine ganz kleine, privilegierte Schicht? Wer kann sich schon ein Sabbatical leisten?

Wenzel: Da würde ich widersprechen. Es ist ja nicht so, dass wir hier in Mitteleuropa an der Armutsgrenze leben. Das Segment der LOHAS (Lifestyle of Health and Sustainability, Anm. d. Red.), also jener Konsumenten, die durch ihre gezielte Produktauswahl Gesundheit und Nachhaltigkeit fördern wollen, liegt bei gut einem Drittel der Bevölkerung, eher sogar 40 Prozent.

DER STANDARD: Sie sprechen in Ihrem Buch vom Tourismus als Big Business, das sich radikal verändern wird. Wird die Pauschalreise ganz verschwinden?

Wenzel: Die Pauschalreise wird nicht sterben. Ihr Tod ist ja schon öfter vorhergesagt worden. Das Segment der billigen Pauschalreise wird auch in den nächsten zehn Jahren weiter funktionieren. Aber da gibt es einen hohen Kostendruck und eine große Konkurrenz zwischen den Veranstaltern. Ein Großteil der Konsumenten wird sich nicht mehr zufriedenstellen lassen mit den Billigstangeboten, weil wie gesagt das Bedürfnis nach Sinnmärkten so groß ist. Es gibt ja jetzt schon eine Zweiteilung in ein Premium- und ein Billigsegment. Die, die sich tatsächlich überlegen müssen, ob sie überhaupt Urlaub machen können, werden vielleicht eher Urlaub zu Hause machen, auch Wandern in der näheren Umgebung wird interessanter. (Tanja Paar/DER STANDARD/Rondo/5.6.2009)

Informationen:
Zukunftsinstitut

  • Zur Person: Der deutsche Trendforscher Eike Wenzel war der Erste im deutschsprachigen Raum, der sich mit den LOHAS beschäftigte.
"Die Sinnmärkte - Der Wertewandel in den Konsumwelten". Erschienen Mai 2009, 145 Seiten, 40 Abbildungen, Euro 220, ISBN: 978-3-938284-46-9
Eike Wenzel ist Autor der Studie "Die Sinnmärkte" des Zukunfts- instituts. 
 
    foto: zukunftsinstitut

    Zur Person: Der deutsche Trendforscher Eike Wenzel war der Erste im deutschsprachigen Raum, der sich mit den LOHAS beschäftigte.

    "Die Sinnmärkte - Der Wertewandel in den Konsumwelten". Erschienen Mai 2009, 145 Seiten, 40 Abbildungen, Euro 220, ISBN: 978-3-938284-46-9

    Eike Wenzel ist Autor der Studie "Die Sinnmärkte" des Zukunfts- instituts.

     

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    Wohin geht die Reise in Zukunft? In Richtung Befriedigung immaterieller und spiritueller Bedürfnisse, ist Eike Wenzel überzeugt.

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