Suche bessere Zeiten

4. Juni 2009, 17:00
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Nachhaltigkeit hat sehr viel mit Flohmärkten zu tun - Des einen Müll, des anderen Nutzen - Eine Betrachtung von Christian Schachinger

Wenn man in einem sehr unsentimental veranlagten Haushalt aufwächst, kann es schon einmal passieren, dass über Nacht persönlicher Besitz verschwindet. Die alten Comics-Hefte von Superwastl oder Häuptling Umpah-Pah, der Soundtrack des Clockwork-Orange-Films auf Original-Vinyl-Pressung, die gute alte Wildleder-Jacke mit den hübschen, öligen Flecken aus harten Zeiten in Keller-Clubs, alles muss raus. Das alte Gerümpel und hässliche Zeug braucht nämlich niemand - und schon gar nicht ich! Heute habe ich der Mutter längst verziehen. Wer ein Haus mit dem gesamten Hausrat verkauft und mit drei Autoladungen in ein neues Leben zieht, verdient aufgrund seiner Konsequenz und pragmatischen Grundhaltung schließlich Respekt. Erinnerung is nur a Reifenspur im Sand.

Immerhin hätte man theoretisch ja die Möglichkeit, seinem alten Leben wieder dadurch Sinn zu geben, dass man ihm über den Umweg karitativer Einrichtungen und ihrer Flohmärkte nachstellt. Da ich nicht annehme, dass meine Sachen einfach so in den Müll wanderten - obwohl ich mir als Kind einer Zeit vor der Mülltrennung da nicht wirklich so sicher bin -, könnte ich theoretisch immerhin Gutes tun und versuchen, meiner Jugend als Schnäppchenjäger und -sammler nachzustellen.

Besseren Zeiten nachtrauern

Der Reiz des Flohmarkts erschließt sich vielfach auch darüber, dass die Kundschaft besseren Zeiten nachtrauert. Diese versucht man zumindest über die Wiederinbesitznahme verloren gegangener oder damals entbehrter materieller Schätze wiederherzustellen. Was die einen nicht mehr brauchen können oder wollen oder mit dessen Weggabe das eigene Fleisch und Blut ärgern wollen, ist den anderen oft gutes Geld wert.

Davon leben auf dem elektronischen Flohmarkt Ebay in Österreich mittlerweile rund 10.000 professionelle Online-Händler, beziehungsweise rund zwei Millionen Privatpersonen. Die suchen dann neben Clockwork-Orange-Soundtracks oder Comics mit dem Superwastl nicht unbedingt nach Kindheits- und Jugenderinnerungen. Bei einem Gesamtumsatz von knapp fünf Milliarden Euro im Jahr 2007 bestimmten rund 660.000 Suchanfragen nach Kraftfahrzeugen das Kerngeschäft. Dabei schoss ein Steyr-Traktor mit einem Verkaufspreis von 14.000 Euro auf die Rekordmarke im Land.

Vintage-Gräulichkeiten aus Nylon

Dem Wiederfinden von Superwastl hilft das wenig. Zwar wurden ebenfalls 2007 insgesamt 9,2 Millionen Produkte über Ebay verkauft. Ein Superwastl-Heft ist allerdings Mitte 2009 über diese Schiene nicht aufzutreiben. Zu viele professionelle Händler grasen das Terrain mittlerweile ab, suchen Seltenes wie sehr seltene Comics-Hefte, um sie dann entsprechend selten teuer an notleidende Suchende abzugeben. Der Sammlermarkt, er findet längst nicht mehr über Ebay statt. Er hat sich längst wieder auf die traditionelle Variante zurückbesonnen und geht zurück auf den physischen Flohmarkt.

Wie professionelle Flohmarkthändler zumindest in Ostösterreich bestätigen, ist die Laufkundschaft zwar zu Teilen auf den elektronischen Markt abgewandert; neben Pkws werden auf Ebay vor allem auch bestimmte, oft nicht mehr produzierte Markenartikel abgesetzt. Antike Jet-Skihosen, wenig kleidsame, dafür hippe Carrera-Sonnenbrillen, Vintage-Gräulichkeiten aus Nylon für die Trendsport-Jugend. Mit der vielgepriesenen Nachhaltigkeit als weiterem Aspekt des Geschäfts mit Waren aus zweiter und dritter Hand habe dies allerdings wenig zu tun. Hier gehe es um den Hipnessfaktor oder darum, sich mit selten Gesehenem von der Masse abzugrenzen. Ein gewisser Trend zum virtuellen Caritas- und Humana-Lager für nobligere Trendsetter sei hier durchaus festzustellen.

Das eigentliche Geschäft auf Flohmärkten macht man dann ohnehin mit Sammlern. Man braucht jetzt nicht extra zu erwähnen, dass sich hier zwischen seltenen Hirschhornknopfjanker-Knöpfen, Bierdeckeln, Postkarten, Schallplatten, Zierrat für die Bauernstube und Uhren, die schreien wie ein Kuckuck ein weites Feld auftut. Neben skurrilen Nischensuchern will allerdings auch eine, sagen wir, normalere Kundschaft vorher leibhaftig sehen, was sie kauft. Wer sich für Wilhelmsburger Porzellan oder altes Silberbesteck und Mokkatassen von Meinl vor dessen Sündenfall interessiert, weil ihm daraus das Essen einfach besser oder so wie bei Oma schmeckt, hat bei Ebay nichts verloren.

Fabrikation Wilhelmsburg

Nachhaltigkeit, ein zentraler Begriff in unserer zunehmend umweltbewusst ausgerichteten Gesellschaft, bedeutet schließlich auch eines: Das Zeug soll auch noch lange nach dem Kauf halten oder zusammenhalten, was es verspricht. Der Gebrauchswert eines Dinges erschließt sich heute längst nicht mehr nur über dessen Modernität, Zweckmäßigkeit oder Fabriksneuheit. Ein Teller mit kleinen Sprüngen oder Absplitterungen erfüllt seinen Zweck schließlich genauso wie eine Salatschüssel namens Blanda von Ikea. Dass viele Sammler hier dann oft auch auf der Rückseite so eines Salz- und Pfefferspenders aus der Fabrikation Wilhelmsburg heute längst verbotene Insignien aus dem Dritten Reich suchen, freut schließlich auch den Händler.

Möglicherweise aber besitzt das Gut der Erinnerung doch den größeren Wert an Nachhaltigkeit. Die Lederjacke ist verloren, das Tragen von Tierhäuten ohnehin nicht mehr hoch im Kurs. der Superwastl unauffindbar. Clockwork Orange lädt man sich auf die Schnelle bei iTunes herunter (oder billiger irgendwo in der russischen Elektrosteppe). Und Umpah-Pah? Den findet man schnell, schnell in einem Nachdruck neu bei Ebay. (Christian Schachinger/Der Standard/rondo/05/06/2009)

  • Nachhaltigkeit als zentraler Begriff einer umweltbewusst ausgerichteten Gesellschaft bedeutet auch eines: Das Zeug soll auch noch lange nach dem Kauf halten oder zusammenhalten, was es verspricht.
    foto: robert newald

    Nachhaltigkeit als zentraler Begriff einer umweltbewusst ausgerichteten Gesellschaft bedeutet auch eines: Das Zeug soll auch noch lange nach dem Kauf halten oder zusammenhalten, was es verspricht.

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