Grün, schattiert

4. Juni 2009, 17:00
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Die Zeit, als nur kleine Marken auf Öko-Mode setzten, ist vorbei - Auch Handelsriesen bieten mittlerweile "Green Clothes" an - Daniel Kalt fragt, ob das mehr ist als ein Feigenblatt

Ökologisches Bewusstsein boomt, auch und gerade in der trendabhängigen Mode. Bedeutet die aktuelle Begeisterung für Green Fashion aber ein echtes Interesse für Nachhaltigkeit?

Die Zahlen scheinen zu stimmen: Das Aufkommen ökologisch angebauter Baumwolle ist von 2007 auf 2008 um 150 Prozent auf weltweit 145.000 Tonnen angestiegen. Für Wachstumsraten von jährlich 50 Prozent setzt sich die Organisation Organic Exchange ein. Sie vertritt das Who's who der Massenmode. Im Nischensegment grünt es schon länger: Da tummeln sich Ökoveteranen wie Hess Natur oder Avantgardelabels wie Göttin des Glücks oder House of the Very Island's... aus Wien. Eine Biobaumwoll-Pionierin ist seit den Achtzigerjahren Katharine Hamnett, deren Slogan-T-Shirts gerade ein Revival erleben.

Neu ist aber, dass auch Handelsriesen einen Teil ihres Sortiments auf ökosensible Kundenbedürfnisse abstimmen: H&M, C&A oder The Gap haben Grün für sich entdeckt. American Apparel, Adidas oder Levi's unterhalten ebenfalls Organic Lines. Immer größer wird die Zahl der um Ökogunst buhlenden Labels: Soeben hat Unterwäschehersteller Skiny zwei Biobaumwoll-Kollektionen ins Rennen geschickt. Auch beim deutschen Konzern Marc O'Polo wirft man sich in dieser Saison mit einem erweiterten Segment ins Zeug. Vorstand Andreas Baumgärtner erklärt, warum gerade jetzt Umdenken angesagt ist: "Werte werden wieder wichtiger, auch in der Kleidung, die man trägt und kauft. Qualität bedeutet hier aber auch Nachhaltigkeit."

Centre for Sustainable Fashion

Dennoch ist nicht immer einfach zu beurteilen, wie ernstgemeint solche Vorstöße der großen Unternehmen sind. Spielt Opportunismus in der Auseinandersetzung mit dem Endverbraucher eine Rolle? Lydia Matzka-Saboi von Global 2000 begrüßt die Entwicklung, fordert aber Seriosität: "Wir sprechen uns dagegen aus, wenn Green Fashion ein Feigenblatt ist. Wenn nur ein Mini-Sortiment in die Produktpalette aufgenommen wird, ist das nicht ernstgemeint."

Zugleich steht außer Frage, dass solche Offensiven für frischen Wind in grünen Gefilden sorgen. Öko ist längst nicht mehr schmuddelig, so dass sich auch Fashion Victims umweltbewusste Lippenbekenntnisse abringen können: Immerhin ist eine Modeszene so attraktiv wie die Designtalente, die sie befeuern. Am London College of Fashion hat man erkannt, dass es bereits während der Ausbildungszeit anzusetzen gilt. Den Studierenden steht das Centre for Sustainable Fashion offen, wo die Grundlagen ökosensibler Mode vermittelt werden. Besonders aufmerksam sollte der Werdegang der Absolventin Ada Zanditon betrachtet werden, deren bemerkenswerte Kollektionen aus Biofasern und Recyclingmaterial selbst Stella McCartneys "vegane" Mode blass aussehen lassen.

Ob vegan oder bio, organic oder eco: Wie grün ist das handelsübliche Green eigentlich? Sonja Wöhrenschimmel betreibt als Frau Jona&son einen auf ökosensible Mode spezialisierten Blog und ist Mitorganisatorin der Wear Fair Messe in Linz: "Die Bezeichnung ,Green Cotton' ist oft auf die Herstellung der Baumwolle beschränkt. Die weiteren Verarbeitungsschritte wie Ausrüsten, Färben etc. erfolgen oft noch konventionell. T-Shirts aus Biobaumwolle sind häufig nicht grün, weil mit Chemie behandelt. Dazu empfiehlt sich immer, die Etiketten genau anzusehen."

Fair Trade Gütesiegel

Gerade diese Etiketten aber stellen bei näherer Betrachtung einen undurchdringlichen Dschungel dar. Der Qualitätssiegel gibt es viele, und oft erschließt sich erst nach akribischer Recherche, welche Kriterien im Einzelfall herangezogen werden. Unter Experten herrscht Einverständnis darüber, dass die unabhängige GOTS-Zertifizierung den derzeit vertrauenswürdigsten Rahmen darstellt. Dieser Biotextilstandard wurde von einer Arbeitsgruppe mit Teilnehmern aus Deutschland, den USA, Großbritannien und Japan erstellt und bezieht sich auf das Endprodukt, sodass auch Garn und Farbe mitberücksichtigt werden.

Doch selbst wenn durch die Einhaltung strenger Regeln Ökosensibilität gewährleistet wird, bleibt der Aspekt sozialer Nachhaltigkeit oft ausgeklammert. Andrea Reitinger spricht für EZA Fairer Handel, wo man sich seit Jahren für gerechte Arbeitsbedingungen einsetzt: "Aus unserer Sicht wird nach wie vor zu wenig über die sozialen Aspekte in der Textilproduktion gesprochen. Die Sicherstellung einer menschenwürdigen Produktion ist aber mindestens genauso wichtig. Die Verwendung von Ökobaumwolle allein ist dafür keine Garantie." In dieser Hinsicht stellt das Fair Trade Gütesiegel eine jedenfalls verlässliche Kontrollinstanz dar. Wer nicht allein auf zeitgeistkompatible Grünfärberei setzen möchte, sollte auch auf diese Auszeichnung achten.

Echt nachhaltiges Konsumentenverhalten erfordert eben ein gesteigertes Maß an Aufmerksamkeit. Man sollte sich der Tatsache bewusst sein, dass Ökosensibilität und soziale Fairness sich jenseits der schnellen Zugänglichkeit von massenproduzierter Ware ansiedeln. Nachhaltigkeit und Wegwerfgesellschaft lassen sich nur schwer auf einen Nenner bringen. (Daniel Kalt/Der Standard/rondo/05/06/2009)

  • Die 80er-Jahre Mode-Ikone und Grande Dame der Öko-Mode Katharine Hamnett meldet sich mit Slogan-T-Shirts zurück - sie liegt damit ganz im Trend.
    foto: hersteller

    Die 80er-Jahre Mode-Ikone und Grande Dame der Öko-Mode Katharine Hamnett meldet sich mit Slogan-T-Shirts zurück - sie liegt damit ganz im Trend.

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