Gegen alles, so heißt es, sei ein Kraut gewachsen. Nur nicht gegen die Blödheit, sagt Ute Woltron
Das Lernen ist die großartigste Sache überhaupt, das steht fest. Das Lernen beginnt natürlich bereits lange vor dem Lesen-und-Schreiben-Lernen, und es endet im besten Fall erst mit dem In-die-Grube-Sinken. So etwas wie exzellente Schulen zwischendurch wirken, nebenbei bemerkt, außerordentlich befördernd für die Prozesse des Lernens und sind die Basis für alles, alles, alles. Und nur bereits völlig vertrottelte untergehende Gesellschaften wie die, in der wir derzeit offenbar herumgrundeln, agieren nach dem Motto: Wissen ist Macht. Wir wissen nix. Macht nix.
In Anbetracht des gerade eben wieder fulminant demonstrierten, beängstigenden politischen wie gesellschaftlichen Unvermögens, die institutionellen Lern-Anstalten mit Titel "Schule" in fruchtbarere Bereiche zu manövrieren, darf der Umstand beklagt werden, dass gegen alles, nur nicht die Blödheit, ein Kraut gewachsen ist.
Was uns zum eigentlichen Thema befördert, nämlich den Pflanzen, die diesen Titel tragen. Stichwort Lernen: Ein Moment der Erkenntnis senkte sich zum Beispiel vor einigen Jahren über mein gesamtes Ich, als mir eine professionelle Kräutergärtnerin mit erdzerfurchten Pranken ein flauschig weiß behaartes, eben aus einem Wirrwarr verschiedener Kräuterpflanzen abgerissenes Blättchen reichte und mich darauf herumkauen ließ.
Der Geschmack war unbeschreiblich: erst mild-süß, gleich darauf scharf-würzig, insgesamt jedenfalls sensationell aromatisch. Die Kräuterhexe blickte mich erwartungsvoll an. So etwas, entfuhr es mir, hätte ich noch nie gekostet, ein kulinarischer Lernprozess habe eben stattgefunden, der auf jeden Fall augenblicklich fortgesetzt werden müsse.
Es handelte sich dabei um Kretischen Origano, der auf keinen Fall mit dem griechischen Verwandten und schon gar nicht mit dem sizilianischen Vetter oder den vielen anderen Origanosorten verwechselt werden darf. Denn, so die Erkenntnis, Kraut ist überhaupt nicht gleich Kraut. Es macht sich ungeheuer bezahlt, in die Sortenvielfalt der einzelnen Kräuterarten einzutauchen. Nicht nur Origano, sondern auch Thymian, Minze, Basilikum und viele andere sogenannte Küchenkräuter gibt es in unzähligen, höchst vielfältigen Varianten. Beispielsweise den geschmacklichen Unterschied zwischen Portugiesischem Thymian und Zitronenthymian Klavier spielen zu können hieße, ungefähr den dritten Satz der Mondscheinsonate fehlerfrei zu beherrschen - in Wilhelm Backhausen'scher Qualität. Wer den lernen will, muss übrigens sehr früh und von guten Lehrern angeleitet zu üben beginnen, sonst wird das nie was Ordentliches. Doch zurück zur Botanik: Allein die Minzen sind ein derart weites Feld, in das zu vertiefen sich ebenfalls lohnt. Apfelminzen, Spearmint, Marokkanische Minze sind nur drei von mindestens vier Dutzend Sorten, von denen man auf jeden Fall ein paar in seinem Garten heimisch machen sollte. Lernen Sie also Kräuter. Aber nicht alle in einen Kräutertopf stopfen, das mögen sie nicht. Individualförderung ist angesagt - wenigstens auf dem Balkon. (Der Standard/rondo/30/04/2009)
Tipp:
Es gibt mittlerweile hierzulande einige Gärtnereien, die sich erfreulicherweise auf Kräutervielfalt verlegt haben. Eine großartige Quelle selbst für ausgefallene Kräutersorten ist der Bio Feigenhof von Ursula Kujal und Harald Thiesz im 11. Wiener Gemeindebezirk. In deren säuberlichen Glashäusern und Feldern tun Sie wahrlich einen Blick in das Kräuterparadies! Es zahlt sich in Anbetracht der gebotenen Vielfalt aus, die Produktliste vorab aus dem Internet herunterzuladen und genau zu studieren - und bitte die Öffnungszeiten (Samstag 10 bis 17 Uhr) zu beachten. Nähere Infos unter www.feigenhof.at