Marias Eden ohne Gärtnerinnen

15. April 2009, 17:04
  • Noch bevor Mann sich um ein Flugticket nach Thessaloniki kümmert, sollte er das Diamonitirio in Händen halten. Dieses Dokument erlaubt höchstens zehn Personen täglich den maximal viertägigen Aufenthalt in der autonomen Republik Berg Athos. Ausgegeben wird es in Ouranoupolis, wohin Pilger (ein solcher ist man offiziell immer) von Thessaloniki aus problemlos auch mit dem Bus kommen. Infos zum Prozedere: www.mountathosinfos.gr
Wertvolle Tipps für die Vorbereitung erhält man auch von der Griechischen Zentrale für Fremdenverkehr: Opernring 8, 1010 Wien, Tel. 01/512 53 17, Fax: 01/513 91 89 oder E-mail: grect@vienna.at 
 
 
    foto: pixelio.de/kanadier

    Noch bevor Mann sich um ein Flugticket nach Thessaloniki kümmert, sollte er das Diamonitirio in Händen halten. Dieses Dokument erlaubt höchstens zehn Personen täglich den maximal viertägigen Aufenthalt in der autonomen Republik Berg Athos. Ausgegeben wird es in Ouranoupolis, wohin Pilger (ein solcher ist man offiziell immer) von Thessaloniki aus problemlos auch mit dem Bus kommen. Infos zum Prozedere: www.mountathosinfos.gr

    Wertvolle Tipps für die Vorbereitung erhält man auch von der Griechischen Zentrale für Fremdenverkehr: Opernring 8, 1010 Wien, Tel. 01/512 53 17, Fax: 01/513 91 89 oder E-mail: grect@vienna.at

     

     

  • Das ehemalige Kloster Zygos, das nicht mehr vollständig erhalten ist, liegt nur 40 Meter außerhalb der offiziellen Grenze der Mönchsrepublik und wurde bereits 1190 von den Mönchen verlassen. Es gilt allerdings als "echtes", nur eben nicht mehr bewohntes Athos-Kloster, das als Museum wiedereröffnet werden soll. Was dort auch bei Ausgrabungen zutage gefördert wird, ist durchaus sehenswert. Von Ouranoupolis führt ein unbefestigter Fahrweg rund zweieinhalb Kilometer am Meer entlang zur Grenze der Republik - der Weg dorthin ist schon lohnend. Das Gelände ist bis auf die von den Archäologen abgesperrten Bereiche frei zugänglich.
    foto: pixelio.de/manfred rose

    Das ehemalige Kloster Zygos, das nicht mehr vollständig erhalten ist, liegt nur 40 Meter außerhalb der offiziellen Grenze der Mönchsrepublik und wurde bereits 1190 von den Mönchen verlassen. Es gilt allerdings als "echtes", nur eben nicht mehr bewohntes Athos-Kloster, das als Museum wiedereröffnet werden soll. Was dort auch bei Ausgrabungen zutage gefördert wird, ist durchaus sehenswert. Von Ouranoupolis führt ein unbefestigter Fahrweg rund zweieinhalb Kilometer am Meer entlang zur Grenze der Republik - der Weg dorthin ist schon lohnend. Das Gelände ist bis auf die von den Archäologen abgesperrten Bereiche frei zugänglich.

  • Ein Blick durchs Schlüsselloch auf den Athos bleiben die Mini-Kreuzfahrten rund um diesen Chalkidiki-Finger. Empfehlenswert ist etwa das Angebot, täglich von April bis Oktober mit einem kleinen Schiff von Ormos Panagias aus (auf der Halbinsel Sithonia) zumindest den Klöstern am Wasser nahezukommen. Der Preis für die Tagestour beträgt EURO 30 pro Person (Info: www.giarenis.net). Eine Innenschau bietet seit gestern und noch bis zum 5. Juli das Pariser Petit Palais: Dort werden 180 Exponate (Ikonen, Manuskripte und Artefakte) erstmals außerhalb der Mönchsrepublik gezeigt. Informationen zur Ausstellung unter: www.petitpalais. paris.fr
    foto: pixelio.de/kanadier

    Ein Blick durchs Schlüsselloch auf den Athos bleiben die Mini-Kreuzfahrten rund um diesen Chalkidiki-Finger. Empfehlenswert ist etwa das Angebot, täglich von April bis Oktober mit einem kleinen Schiff von Ormos Panagias aus (auf der Halbinsel Sithonia) zumindest den Klöstern am Wasser nahezukommen. Der Preis für die Tagestour beträgt EURO 30 pro Person (Info: www.giarenis.net). Eine Innenschau bietet seit gestern und noch bis zum 5. Juli das Pariser Petit Palais: Dort werden 180 Exponate (Ikonen, Manuskripte und Artefakte) erstmals außerhalb der Mönchsrepublik gezeigt. Informationen zur Ausstellung unter: www.petitpalais. paris.fr

Auf dem Europagipfel der großen Ausnahmen: Ohne Frau im Kellion und mit Arsenios zur Kelle. Gast sein auf dem Berg Athos

Das entfernte Gemurmel schwillt an, wird wieder leiser. Es wechselt die Tonlagen von heller, hoher Mehrstimmigkeit zu tiefem Monoton. Nach einiger Zeit sind wir hellwach. Fünf Uhr dreißig: Die Frühmesse hat längst begonnen.

Wir teilen uns eine einfache Kammer im Kellion Agia Anna. Das Gehöft mit winziger Kirche liegt fünf Kilometer südlich von Karyes, dem Verwaltungsort der Mönchsrepublik Berg Athos im Norden Griechenlands. Als wir den Katholikon schließlich betreten, verlässt ein Mönch sofort den Kirchenraum. Nicht unsretwegen, wie uns versichert wird, er kümmert sich ums Frühstück. Pater Antipas, der Vorsteher des Kellion, spricht unterdessen hinter der Tür der Ikonostase mit einem fremden Mönch, der am Tag zuvor spät gekommen war. Sie versuchen nicht, besonders leise zu sein. Der Mönch ist ein gefragter Fachmann für mittelalterliche Ikonen und soll sich hier um die Restaurierung kümmern.

Theodosius, der älteste Mönch, hat bereits mit dem Vorlesen begonnen. Durch ein schmales Fenster fällt die erste Morgensonne in dicken Bündeln in den dunklen Kirchenraum. Einige von uns stehen nun in diesem unwirklichen Strahlenkranz, angelehnt an die schmalen Sitze aus Holz. Erst nach einer Stunde verlassen wir die Kirche, andere kommen. Das fällt als erstes auf: Der orthodoxe Gottesdienst ist bewegt. Die Rituale sind nie starr und die Grenzen zwischen Messe und Alltag fließend.

Beim Frühstück auf der Terrasse beherrschen eine kräftige Morgensonne, Pater Antipas und Tassos das Gespräch. Tassos Vassilikos, von dem die Einladung zu dieser Reise ausging, ist in den 1960er-Jahren als Student nach Graz gekommen, hat eine Familie gegründet und besitzt eine griechische Taverne im Zentrum. Antipas kennt er seit vielen Jahren, und der bewirtet uns nun großzügig.

Wein wird schnell gelesen

Selbst in der kleinsten Eremitage auf Athos bekommen wir Kaffee, Lukumi-Würfel und Ouzo immer mit Herzlichkeit serviert - im Kloster Iviron, zu dem auch unser Kellion gehört, sogar ein ausgiebiges Abendmahl. Gemeinsam mit den Mönchen und anderen Gästen sitzen wir schweigend an zwei langen steinernen Tafeln im Speisesaal. Wir sind gewarnt und schnell genug: Sobald die Lesung bei Tisch zu Ende ist, wird das Essen abgeräumt und somit auch der hausgemachte kräftige Wein. Einige Gäste müssen das Ritual erst lernen und gehen ein wenig hungrig zu Bett.

"Ora et labora" - hier scheint die Regel des heiligen Benedikt zu leben. Die Klöster sind streng koinobitisch organisiert: Die Mönche leben und arbeiten zusammen, einfach und besitzlos. Zumindest macht es den Eindruck. Tatsächlich verfügen viele der zwanzig Klöster außerhalb der autonomen Republik über Tausende von Immobilien und hatten erst vor wenigen Monaten Anspruch auf Ländereien erhoben, die angeblich auf alte Besitztitel zurückgehen. Athos hat Juristen viel zu bieten.

Es gibt keinen zweiten heiligen Berg auf der Welt, der in einer waschechten Verfassung geregelt ist. Es darf kein neues Kloster hinzu- und kein altes wegkommen. Festgeschrieben ist nur die Anzahl der Klöster, nicht jene der Mönche. Diese wechselt stark. Gab es am Ende des 19. Jahrhunderts noch über 8000 Mönche auf Athos, so sind es jetzt rund 2500. Langsam steigt die Zahl wieder. Vor allem durch rumänische, russische und serbische Mönche seit dem Fall der atheistischen Regime in Osteuropa.

Überall auf Athos wird gebaut, Russland und die EU helfen bei der Erhaltung jener Klöster, die die Unesco 1988 zum Weltkulturerbe erklärt hat. Wladimir Putin hat sich von den Baufortschritten im russischen Kloster Panteleimon selbst ein Bild gemacht - allerdings noch bevor Iviron Eigentumsansprüche auf Moskaus Roten Platz erhob. Die kleinen Kellien hingegen, wie eben Agia Anna, erhalten keine Fördergelder. Pater Antipas ist auf Spenden angewiesen, für die er auf Reisen in der EU wirbt.

Der griechische EU-Beitrittsvertrag enthält übrigens Ausnahmeregelungen für Athos. So gilt einmal die Niederlassungsfreiheit nicht, der Gleichheitsgrundsatz ist außer Kraft gesetzt: Frauen dürfen den Mönchsstaat nicht betreten.

Die Männer, die ihr Kloster, das Kellion oder die Skite verlassen, gehen auf Athos meistens zu Fuß auf den schmalen Monopathia, den Pfaden mit unbehauenen Steinen. Für Geländewagen sind die wenig befahrenen Straßen recht abenteuerlich, immer wieder trifft man auf abgestürzte Autos - schaurig, zumal Athos normalerweise der Berg der schönen Legenden ist. Dort, wo das Kloster Iviron steht, soll Maria wegen eines Sturmes an Land gegangen sein. Die paradiesische Natur der Halbinsel habe sie tief beeindruckt, was auch Athos' schmückende Bezeichnung als "Garten der Mutter Gottes" erklärt.

Am dritten Tag erreicht unsere kleine Gruppe das Kloster Karakalou mit seinem gewaltigen Wehrturm. Vor der dunkelrot getünchten Kreuzkuppelkirche treffen wir auf die stattliche Gestalt des klösterlichen Küchenchefs Arsenios - kein werbeträchtiger Name für einen Koch. Vor sechs Jahren hat er seinen Beruf als Volksschullehrer an den Nagel gehängt und seitdem das Kloster nicht mehr verlassen. Nicht einmal zu einem Besuch in einem der Nachbarklöster.

Konturen von Europa

Auf dem riesigen schwarzen Herd, der mit Kastanienholz befeuert wird, steht ein großer Kessel mit würzig duftendem Gemüseeintopf. Während der Küchenchef umrührt, erzählt er uns von der Zeit, als er mit Interrail durch ganz Europa getrampt war. Mit der triefenden Kelle beschreibt er in der Luft die Konturen des Eiffelturms und der Rialtobrücke. Als er hört, dass wir aus Österreich kommen, beginnt er zu schwärmen: von Schönbrunn, Sachertorte und Milchrahmstrudel. Dann schaltet er einen alten Kassettenrekorder ein und spielt uns Songs aus "Christmas in Vienna" vor - im Frühling.

Am nächsten Tag wollen wir Bruder Josef treffen. Der Eremit lebt in einem Haus an der schroffen Steilküste, direkt am Fuß des 2033 Meter hohen Athos, im äußersten Süden der Mönchsrepublik. Über die ganze Stirnseite der Hauskirche erstreckt sich vom Boden bis zur Decke eine Ikonostase. Josef hat sie in jahrelanger Arbeit mit feinsten Kunstschnitzereien versehen - ohne dass er das Schnitzen je gelernt hätte.

Von der Einsiedelei aus haben wir einen atemberaubenden Blick auf die Ägäis. Josef zeigt uns stolz ein Foto, auf dem er vor seinem bescheidenen Haus die griechische Fahne schwenkt. Ein Militärpilot hat die Aufnahme von einem Düsenjet aus gemacht. Hin und wieder kommen die Piloten auch als Pilger, und einmal haben sie ihn sogar zu einem Hubschrauber-rundflug eingeladen. Als Erinnerung bekam er einen Pilotenanzug mit seinem Namen geschenkt.

Bevor wir uns auf den Heimweg machen, stärken wir uns mit Bergtee und Ouzo. Das Kellion Agia Anna beginnt zu ruhen, das letzte Licht färbt die Wolken rot, und ein sanfter Abendwind streicht kühlend über die Hügel. Das Gezwitscher der Vögel wird schläfrig, mischt sich in den Singsang der Abendlesung im Katholikon, und wir hören zum letzten Mal das Simantron. Die hölzerne Stundentrommel schlägt ihre eigene Zeit auf dem Berg Athos. (Bernd Schilcher und Alexander Warzilek/DER STANDARD/Printausgabe/11./12.4.2009)

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1 Posting
Genial

Eine Reise, die ich mein Leben lang nicht mehr vergessen werde. 3 wunderschöne Tage waren das und ich komme sicher wieder!

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