Winterschlafen

26. März 2009, 17:00
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Ihr Kopf ruhte auf zarten violetten, rosa und weißen Schneerosen, Leberblümchen und Blausterne

"Yvonne, Sie sind schon wieder eingeschlafen!" Die Stimme kam von weit weg, gelangte langsam von links hinter ihrem Kopf bis zu Yvonnes Ohren, die die Worte zunächst wie ein lästiges Insekt wegfächelten. Doch Yvonnes Chef war mittlerweile bis an ihren Schreibtisch gekommen und brüllte ihr in den Nacken: "Halten Sie hier einen Winterschlaf ab? Nur Haselmäuse verhalten sich wie Sie!"

Yvonne war überzeugt, dass das Verhalten ihres Chefs für ihre Gesundheit sehr schädlich war. "Haselmäuse würden sterben, wenn sie gewaltsam am Schlafen gehindert würden", erklärte sie ihm. "Und solange es draußen nicht 15 Grad hat, bin auch ich in einem energetischen Sparzustand, meine Empfindlichkeit gegenüber Reizen von außen ist sehr gering." Die Gereiztheit ihres Chefs, des Evolutionsbiologen nahm indes zu. "Unterschreiben Sie mir diesen Zettel, dass Sie krank sind!", forderte er Yvonne auf, die ihren Kopf wieder auf den Oberarm hatte sinken lassen. "Geht nicht, mein Arm ist eingeschlafen", sagte sie. "Dann gehen Sie nach Hause!", befahl er. "Unmöglich, meine Füße schlafen auch", antwortete sie ihm.

Ab diesem Zeitpunkt hörte Yvonne nichts mehr, sie war wieder in ihrem Traum gelandet: Ihr Kopf ruhte auf zarten violetten, rosa und weißen Schneerosen, Leberblümchen und Blausterne kräuselten sich hinter ihren Ohren herauf, Schneeglöckchen streichelten ihre Stirn, und die Himmelschlüsserln wuchsen zwischen ihren Fingern durch. Yvonne beschloss, erst dann wieder aufzuwachen, wenn auch die Palmkätzchen weich auf ihre Wangen fielen. (Adelheid Wölfl/Der Standard/rondo/27/03/2009)

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    Halten Sie hier einen Winterschlaf ab?

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