Aus Facebook aussteigen

19. März 2009, 17:00
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Mit ihr geh ich nämlich heute aus - In ein echtes Kino - Oder: Wie sollte man sonst erfahren, dass Ute Glühbirnen kauft?

+++Pro
Von Michael Hausenblas

Dabei kündigte ich es an: "Ich bin der Gruppe 'Ich trete in zehn Minuten aus Facebook aus' beigetreten." Keiner meiner 114 Freunde erhob Einspruch, nahm das Zeichen ernst. Also verlor ich sie auf einen Mausklick. Das klingt hart. Tut aber gut. Ich muss jetzt nämlich nicht mehr wissen müssen, dass Freundin 27 nicht weiß, was sie frühstücken soll. Ich kann vergessen, dass Freund 99 der Gruppe, "Wenn ich betrunken bin, will ich was mit Fleisch" beigetreten ist. Die Schmach, dass Nr.34 sich dazu bekennt, ein Fan der Pet Shop Boys zu sein – sie ist never on my mind again. Ich muss nicht mehr die Schneid aufbringen, die Freundschaftsanfrage der mir unbekannten rumänischen Philologin abzulehnen. Ich habe es verwunden, dass mich nur elf von 175 Millionen Facebookern sexy finden und mich nur vier davon küssen würden. Und es kann mir sogar egal sein, dass Freundin 114 mich nie mehr über Facebook zu einer Party einladen wird. Mit ihr geh ich nämlich heute aus. In ein echtes Kino mit echten Rumkugeln. Und eine Telefonnummer hat sie auch.

Contra---
Von Roman David-Freihsl

Es heißt zwar, man solle aufhören, wenn's grad am schönsten ist – aber daran hab ich mich noch nie gehalten. Was schön ist, kann immer noch besser werden, und wer vermag mit absoluter Sicherheit zu sagen, dass genau jetzt, in diesem Moment das Maximum erreicht sei? Schön ist es, dass ich endlich wieder mit der Freundin in Australien Kontakt halte und erfahre, dass sie lachen muss, wenn die Entenküken die ersten Flugversuche machen. Schön ist es zu verfolgen, wenn der Freund in Seattle die Absender eines schwindligen "Business-Proposal" wochenlang verarscht. Aber ist das schon das Schönste in Facebook? Es geht noch besser: Wie sollte man sonst erfahren, dass Ute Glühbirnen kauft? Dass Christian ein Schlüsselwerk des litauischen Genres Fallschirmspringerroman liest? Dass Tex nie aufs Klo geht und Kollege Helmut am Gang ein Ei versteckt hat? Würde man so etwas per E-Mail verkünden? Eben. Noch schöner ist es, dass ich im Facebook-"Bandenkrieg" gleich den 47. Massagesalon kaufe. Aber der 48. wird noch schöner sein. (Der Standard/rondo/20/03/2009)

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    Es heißt zwar, man solle aufhören, wenn's grad am schönsten ist,...

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