Ein Reisetagebuch - Die Ränder der Welt

21. März 2009, 16:56
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In Papua-Neuguinea, Patagonien, Bhutan und im nord-deutschen Teufelsmoor nähert sich Michael Obert dem Fremden

Ein Mann löst sich aus einer Staubwolke, nimmt meine Tasche auf und trägt sie davon. Einfach so. Ohne ein Wort. In einem Dorf, irgendwo im Norden des Sudan.

Mir bleibt nichts anderes, als ihm nachzulaufen. Will er mich in eine dunkle Gasse locken, wo ich überfallen werde? Oder in einen Basar, um mir einen Teppich anzudrehen? Kurz darauf schäme ich mich für meine Bedenken: Der Mann führt mich in ein schlichtes Haus, stellt mein Gepäck vor ein Bett und serviert mir Minztee. Wenig später essen wir mit den Händen scharf gewürztes Bohnenpüree aus einer gemeinsamen Schüssel. Weil niemand von uns die Sprache des anderen spricht, schweigen wir. Am Morgen bringt der Mann Ei und Kisra-Brot an mein Bett, eine Bezahlung lehnt er ab. Als wir uns zum Abschied umarmen, weiß ich nicht mehr von ihm als seinen Namen: Nuri.

Die "Ränder der Welt" versprechen unerwartete Begegnungen. Mit dem anderen, mit dem Fremden, in dem wir - wie in einem Spiegel - unsere eigene Herkunft, unsere Kultur betrachten können. In touristischen Gegenden ist das meist aussichtslos, weil die Rollen der Besucher und der Einheimischen vorgegeben sind. An den Rändern hingegen ist der Reisende noch Gast, ein Mensch unter Menschen. Schon deshalb lohnt es sich, die Ränder zu erkunden.

Aber was ist das überhaupt, ein Rand? Wir neigen zur Ansicht, die Mitte sei stets dort, wo wir leben. Je weiter wir fortgehen, desto wahrscheinlicher ist es in dieser Weltsicht, dass wir uns einem Rand nähern. Wir wissen aber auch, dass unsere Erde eine Kugel ist. Und auf einer Kugel ist jeder Punkt eine Mitte - und jede Gegend ein Rand: die letzten entlegenen Zauberreiche ebenso wie krisengeschüttelte Regionen, Haiti, Tadschikistan und Patagonien, Malawi und das Königreich Bhutan. Aber auch der Bauernhof mit den seltenen Nutztierrassen im norddeutschen Teufelsmoor. Die Ränder der Welt sind überall. Und noch etwas spricht dafür, sich mehr für die Ränder zu interessieren: Die Uhren gehen dort anders. Vor einer strohgedeckten Hütte im Hochland von Papua-Neuguinea sitzt Chief Pupune. Seinen kostbarsten Besitz trägt er an einer Schnur um den Hals: eine runde Steinscheibe mit sieben kreisförmig angeordneten Löchern. Ein letzter Zahn schiebt sich zwischen seine Lippen, während er erzählt, wie er die Scheibe von einem Missionar bekommen hat. Damals, als er ein kleiner Junge war, am Ende jener Zeit, in der die Tage keine Namen hatten. Sein ganzes Leben hat Chief Pupune jeden Morgen ein Hölzchen von einem Loch ins nächste gesteckt. Wenn es oben ankommt, dort, wo die Scheibe an der Halsschnur hängt, weiß er, dass es Sonntag ist, der siebte Tag, an dem er ruhen und zur Kirche gehen soll.

Und wie steht es um unsere Zeit? An den Rändern der Welt entdecken wir nicht nur sie, sondern auch uns selbst ständig neu. Wir häuten uns. Und je näher wir den "Rändern" kommen, desto weiter entfernt sich die "Mitte", von der aus wir einst aufgebrochen sind - sie wird selbst zu einem Rand. Denn die Nuris und Chief Pupunes dieser Welt haben eine Botschaft für uns: Das Fremde ist gar nicht so fremd. (DER STANDARD/Rondo/20.3.2009)


Das neue Buch von Michael Obert:
"Die Ränder der Welt. Patagonien, Timbuktu, Bhutan & Co"
Malik Verlag, 2. Auflage 2009
288 Seiten, 24 Farbbildtafeln, Landkarte, 19,90 Euro
ISBN-10: 389029353, ISBN-13: 978-3890293530

Lesetour in Österreich:

Graz, 30. 3. 2009, 19 Uhr, Afro-Asiatisches-Institut Graz
Judenburg, 31. 3. 2009, 19.30 Uh, Judenburger Theater
Wien, 1. 4. 2009, 18.30 Uh, Museum für Völkerkunde
Salzburg, 2. 4. 2009, 20 Uhr, Afro-Asiatisches Institut Salzburg
Steyr, 3. 4. 2009, 19 Uh, Museum Arbeitswelt Steyr

  • Artikelbild
    foto: malik verlag
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