Musik aus der Fabrik

19. März 2009, 17:07
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Die Box "Factory Records Communications 1978-1992" huldigt dem Kultlabel aus Manchester

Von isolationistischen Verzweiflungsstücken über Reggae bis zu drogenseligen Raver-Hymnen, von der Dancefloor-Revolution bis zum kalten Funk, von sperrigen Experimenten bis zu fast schon spektakulär bravem Pop hat das britische Label Factory Records in den Jahren 1978 bis 1992 alles abgedeckt. Das in den dunklen 1970ern in Manchester von Tony Wilson, Martin Hannett, dem Grafiker Peter Saville und zwei weiteren Mitstreitern gegründete Label schrieb mit Bands wie Joy Divison, New Order, Happy Mondays oder OMD (Orchestral Manoeuvres In The Dark) Musikgeschichte.

Gerade die frühen Nullerjahre haben anhand eines ausufernden Postpunk-Revivals vor Augen geführt, wie visionär Wilson und Produzent Hannett in vielen Dingen waren: Die Faszination für Joy Division oder die Dancefloor-Melancholiker von New Order hat nicht nur nie nachgelassen, ganze Legionen junger Bands beziehen aus dem Werk dieser beiden immergrauen Formationen ihre Inspiration und ihre (oft geringe) eigene Wirkung. Auch filmisch wurde der Einfluss des Labels in den letzten Jahren mehrfach behandelt - etwa mit Anton Corbijns Bio-Picture Control über den verstorbenen Joy-Division-Sänger Ian Curtis, dem Spielfim 24 Hour Party People von Michael Winterbottom oder der Doku Shadowplayers über die Manchester-Szene.

Alles löbliche bis ausgezeichnete Würdigungen. Nun gesellt sich mit Factory Records Communications 1978-1992 die erste umfangreiche Label-Präsentation seit der Werkschau Palatine aus 1991 in den Würdigungsreigen. Optisch angelehnt an die erste Veröffentlichung des Labels, also in kühlem Silbergrau und Schwarz gehalten, verdeutlicht die Box auf vier CDs samt einem üppigen Begleitbuch die Bedeutung des Labels. Über Joy Division und New Order ist ohnehin alles gesagt, aber auch die weniger bekannten bis obskuren Künstler, die auf Factory oft nur eine Single veröffentlicht haben, bestehen (fast) ausnahmslos den Test der Zeit.

Chronologisch belegen vor allem die letzten beiden CDs mit Acts wie Section 25, Stockholm Monsters oder James, wie die Gründerzeitästhetik von späteren Labelkollegen weitergeführt wurde - bis zu den hedonistischen Eskapaden der Happy Mondays. Diese kreativen wie kommerziellen "glory days", in denen Wilson auch Manager des legendären Hacienda Clubs in Manchester (dessen Eigner hießen New Order) war, sollten jedoch nicht allzu lange dauern. 1992 meldete Factory Records Communications Konkurs an.

Das war zwar bitter, arbeitete der Legendenbildung jedoch bestens zu. Anders als bei anderen Legenden, die sich bei näherer Betrachtung als Schall und Rauch erweisen, belegt Factory Records Communication 1978-1992 (Rhino/Warner) diese Einschätzung allerdings ohne Einschränkung. (Karl Fluch, RONDO - DER STANDARD/Printausgabe, 20.03.2009)

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    foto: der standard
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