Räudig und verwischt

19. März 2009, 11:47
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Musik von Pete Doherty, Dan Auerbach und dem Blues-Mann Seasick Steve

Eine aufwändige Single, ein verwischtes Meisterwerk und ein endlich auch bei uns erhältliches Werk.

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Still ist es um ihn geworden, und ehrlich gesagt, vermisst wurde er nicht. Zu lange und penetrant war der britische Junkie-Darsteller, Teilzeitmusikant und Ex von Supermodel Kate Moss in den Schlagzeilen für niedrige Instinkte. Dort ließ er sich genussvoll herumreichen und erschien dabei meist so, als sei er seit 30 Stunden wach und seit mindestens 40 ungeduscht. Dann kam mit Amy Winehouse die noch beschädigtere, aber ungleich erfolgreichere Tragödin und lenkte das Interesse auf ihr Tun. Nun hat Pete Doherty, Brite und mit Bands wie The Libertines und Babyshambles oberster Vertreter eines faltig-zerzausten Schrammel-Punk, ein Soloalbum veröffentlicht. Dieses klingt, als sei es Teil einer Bewährungsauflage. Also ein Pflichtstück und keine Überzeugungstat. Grace/Wasteland ist das Album betitelt, deutet also bereits eine imagemäßige Fortsetzung des öffentlichen Kasperltheaters an, mit dem der Sänger und Gitarrist als verschwendete Rampensau bisher Musikgeschichte und Schlagzeilen geschrieben hat. Eröffnet wird das Werk mit einer nicht unsympathischen, leicht countryesken Sing-along-Nummer, dann folgt der einsame Höhepunkt: das als Single ausgekoppelte Stück Last Of The English Roses. Ein angedeutetes Reggae-Stück - sehr super -, das wie dem Spätwerk von Blur entnommen wirkt und Hoffnung auf den Rest des Albums macht. Allein - diese Hoffnung erfüllt sich nicht. Es folgen Kleinode, die Straßenmusikanten-Elendsaura verbreiten. Und Fadgas. Auch eine Barjazznummer - The Sweet By+By - rettet Doherty nicht. Sie wirkt wie ein Fremdkörper, gefunden auf der Suche nach Ideen. Was bleibt? Die Einsicht, dass man mit dem Erwerb der Single bestens bedient ist, der Rest ist akustische Makulatur.

Ungleich überzeugender ist das erste Soloalbum von Dan Auerbach. Den Mann mit dem verwitterten Bart kennt man als dominante Hälfte der US-amerikanischen Band The Black Keys. Bei der ist er Sänger und Gitarrist. Die Black Keys spielen einen Blues-trunkenen Sumpf- und Dumpf-Rock, der zwecks Behauptung im Jetzt in die Vergangenheit schielt, allerdings mit der Erkenntnis des Punk dargereicht wird. Keep It Hid zeigt Auerbach deshalb auch nicht wirklich auf Neuland oder Abwegen. Dafür klingt das Album, als wäre es auf schon gebrauchten Tonbändern aufgenommen worden, zu räudig, verwischt, patiniert. Drecksgitarre, Wah-Wah-Pedal, Wabberorgel arbeiten einer Ästhetik zu, die an eine windschiefe Bretterbude in den Hügeln Ohios erinnert. Ein bisschen unwirtlich, die Bewohner möglicherweise bewaffnet. Das zieht Auerbach konsequent bis zum Ende durch und ist dabei aufregender als mit seiner absehbar gewordenen Stamm-Band.

Endlich auch bei uns veröffentlicht wird (Anfang April) das jüngste Album des von der britischen Fachpresse beknieten Blues-Mannes Seasick Steve mit dem schönen Titel: I Startet Out With Nothin' And I Still Got Most Of It Left. Darauf überzeugt der zirka 65-jährige Steven Gene Wold mit einem groovigen Trümmer-Blues, den ein schwarzer Damenchor mit einem Bein im Gospel ebenso unterstützt wie die einschlägig vorbelasteten Herren von Grinderman, dem weitgehend balladenfreien Nebenprojekt von Nick Cave. Noch Fragen? - Gut. (Karl Fluch, RONDO - DER STANDARD/Printausgabe, 20.03.2009)

  • Pete Doherty: Grace/Wasteland (EMI)
  • Dan Auerbach: Keep It Hid (V2)
  • Seasick Steve: I Startet Out With Nothin' And I Still Got Most Of It Left (Warner)
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  Der Kopf wiegt schwer, das neue Album eher nicht. Pete Doherty gelingt nämlich nicht mehr als eine längliche Single. 
    foto: emi

    Der Kopf wiegt schwer, das neue Album eher nicht. Pete Doherty gelingt nämlich nicht mehr als eine längliche Single. 

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