Nackig, eckig oder rund

21. März 2009, 16:00
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Starke Frauen tragen breite Schultern: So war's in den Achtzigern - Jetzt ist der Trend wieder da - glücklicherweise auch in feminineren Varianten als bei Joan Collins und Co

Die Entwicklung war laut und erwartbar und wurde am Ende doch von vielen Uhs und Ahs und Ohs begleitet. Erst zogen sich die Club-Kids Neonjacken und hohe Baseballkäppis über, dann schlüpften die Mädchen auf den Straßen in silberne und goldene Leggings. Auf den Modeschauen waren vereinzelt übergroße Mäntel zu sehen, später dann allerorten. Und schließlich zeigte Maison Martin Margiela bei ihrer Modeschau in Paris monströse eckige Schultern. Das war vor genau einer Saison, und Moderedakteurinnen fragten sich mit besorgter Miene, ob denn jetzt wirklich die Power-Silhouetten der Achtziger zurückkämen.

Ja, sie sind zurück, und die Redakteurinnen von einst tragen ihre Männerschultern mit einem strahlenden Lächeln spazieren. Auf den Laufstegen von New York bis Paris waren sie in den vergangenen Wochen der kleinste gemeinsame Nenner der vielen unterschiedlichen Rezessions-Kollektionen. Modeinteressierte werden das Wort "Schulterpolster" wieder in ihren Grundwortschatz aufnehmen müssen. Daraus wurde es ungefähr zu jener Zeit verbannt, in der Grace Jones anfing, in Dorfdiscos aufzutreten. Insofern ist das Revival der Achtziger-Jahre-Kastenformen nur allzu logisch.

Gorilla-Outfits

Genauso wie die Jamaikanerin den Sprung von den Cover-Versionen der Achtziger zu einem richtig ausgereiften Album zwanzig Jahre später schaffte, haben sich auch die breiten Schultern gemausert. Die Gorilla-Outfits von Giorgio Armani oder Thierry Mugler sind einem verspielten Look für Großstadtkatzen gewichen. So könnten es (etwas schwülstig) die PR-Abteilungen von Ferré oder Balmain formulieren und damit nicht ganz falschliegen. Die beiden Modehäuser gehörten in den vergangenen Wochen zu jenen, die am raffiniertesten den Trend der breiten Schultern umsetzten. Spitz in die Höhe ragend, auf Drapierungen und komplizierte Schnitte setzend, ähneln die Trägerinnen im besten Fall eher modernen Kleopatras als den Nachfahren von Melanie Griffith und Joan Collins. Im schlimmsten Fall konnten sie allerdings auch locker als Protagonistinnen in "Mars Attacks" durchgehen.

Breite Schultern sind oft näher an der Karikatur, als es den Designern lieb ist. Das erfuhren etwa die Jungs von Dolce & Gabbana, als sie im Herbst kreisrunde Schulterstücke an elegante Etuikleider nähten und sich daraufhin als Ausstatter von Minnie Maus schimpfen lassen mussten. Als das Supermodel Eva Herzigova in eben einem dieser Kleider vor zwei Wochen zur jüngsten Show von Dolce & Gabbana kam, verzogen sich im Publikum nicht wenige Gesichter.

Standfestigkeit gefragt

Vielleicht weil Frauen mit mächtigen Schultern noch immer wilde Deutungen herausfordern. Unter den Erklärungen, warum es gerade jetzt zu einem Revival von Schulterpolstern und Co kommt, ist jene von der Vermittlung von Sicherheit in stürmischen Zeiten die verbreitetste. In der Krise ist Standfestigkeit gefragt. Schulter an Schulter stehen Frauen ihren Mann. So oder so ähnlich tönt es von den Designern - als ob das Selbstbewusstsein von Frauen (bei Männern sind Schulterpolster noch nicht auszumachen) von ausstaffierten Schultern abhinge.

In den Achtzigern, als Frauen die Führungsetagen erklommen, waren breite Schultern ein sichtbares Zeichen der erreichten Macht. Heute sind sie eine Laune der Mode. Sie fügen sich wunderbar in die Achtziger-Jahre-Welle ein - und sind eine schöne Antwort auf die Wirtschaftskrise. In ein, zwei Saisonen werden sie wieder verschwunden sein. Bis dahin darf man sich an richtig attraktiven Schultern erfreuen. (Stephan Hilpold/Der Standard/rondo/20/03/2009)

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    Schultern müssen nicht immer eckig sein, dachten sich die Jungs von Dolce & Gabbana.

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    Mode von Aquilano & Raimondi

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    Balmain

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