Modezar in Wien

18. März 2009, 11:24
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Die jüngere Generation kennt den Modeschöpfer nicht mehr - Dabei prägte er die Wiener Nachkriegsmode wie kein Zweiter

  Am 16. März würde er 100 Jahre alt - Stephan Hilpold über einen Couturier der alten Schule.

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Als am vergangenen Freitag die Supermarkt-Kollektion von Nhut La Hong die Hofer-Regale erreichte, und dabei immer wieder von Haute Couture die Rede war, hätte sich ein Mann im Grabe umgedreht. Ein Mann, der ein Synonym für Haute Couture aus Wien war. Dieser Tage würde Fred Adlmüller 100 Jahre alt. Von dem, was manche heute unter Couture verstehen, war er in etwa so weit entfernt wie Hofer vom Meinl am Graben.

Fred Adlmüller wer? Einer jüngeren Generation ist der Herr, der von der Wiener Kärntner Straße aus über die Garderobe der feinen Wiener Gesellschaft herrschte, kaum mehr bekannt. Dabei prägte der 1909 geborene Nürnberger, der Koch lernte und über Umwege nach Wien und zur Mode kam, den Wiener Chic wie kein Zweiter. Vielleicht weil er die Gesellschaft, für die er schneiderte, so gut kannte - und selbst kein unwichtiger Teil von ihr war.

Kompliziertes Procedere

Im Unterschied zu jener Clique, die heute ihre Kleider am Marchfelderhof spazieren führt, kaufte bei Adlmüller die illustre Spitze aus Politik, Oper, Film und Wiener Bürgertum ein. Wobei der Begriff "einkaufen" ein wenig in die Irre führt. Adlmüller betrieb einen Couture-Salon, sprich: Man schaute zur Anprobe vorbei, nippte am Hochriegel und erzählte, wie es Hund und Familie geht. Der Kaufakt war ein kompliziertes Procedere, bei dem der Meister höchstpersönlich Regie führte. Er überließ nichts dem Zufall. Viermal im Jahr reiste er nach Paris, um sich Stoffe zu besorgen und "Anregungen" für die eigenen Kollektionen zu holen. Die Pariser Mode adaptierte er für den Wiener Geschmack.

Das hört sich einfacher an, als es war. Es galt, die Kapricen der Designer an der Seine zu entschärfen und sich gleichzeitig international zu geben. Lokale Schneider-Größen gab es in Wien genug, die Käufer verlangten nach dem Odeur der großen weiten Welt. Fred Adlmüller war der richtige Mann für sie.

Adlmüller-Stipendien

Mit Curd Jürgens fuhr er im Rolls-Royce spazieren, Filme, unter anderen jene von Willi Forst, stattete er aus. Als einer der Ersten bestieg er die Concorde, und noch in den Achtzigerjahren unterstützte er die U-Mode im Wiener U4. Dort zeigte die junge Generation ihre Mode. Für den Wiener Modezaren, der in den Siebzigern der letzte reguläre Modeprofessor an der Angewandten war, hatten sie meist nur ein sanftes Lächeln übrig. Die Prêt-à-porter-Mode hatte die Haute Couture abgelöst. Doch Fred Adlmüller war seiner Welt der aufwändig gearbeiteten und oft reich bestickten Modekreationen, der Welt der Kreativität und weniger des Geschäfts, treu geblieben - sogar bis über den Tod (1989) hinaus.

Sein Vermögen von zehn Millionen Schilling vermachte er der Hochschule für angewandte Kunst. Sie finanziert damit die jährlich an sechs Studenten vergebenen Adlmüller-Stipendien. Ob die Preisträger allerdings immer wissen, wer hinter ihrem Stipendium steckt, darf bezweifelt werden. (Stephan Hilpold/Der Standard/rondo/13/03/2009)

  • In der Sala terrena im Heiligenkreuzerhof in Wien veranstaltet die
Angewandte eine Ausstellung zu Adlmüller und seinen Stipendiaten. Bis
30. April.
    foto: hersteller

    In der Sala terrena im Heiligenkreuzerhof in Wien veranstaltet die Angewandte eine Ausstellung zu Adlmüller und seinen Stipendiaten. Bis 30. April.

  • Fred Adlmüller war ein Mann von Welt: In Wien hatte er sein Hauptgeschäft, in München und Bad Gastein betrieb er Dependancen. 1985 hing er sein Metier an den Nagel - und verkaufte an Palmers.
    foto: hersteller

    Fred Adlmüller war ein Mann von Welt: In Wien hatte er sein Hauptgeschäft, in München und Bad Gastein betrieb er Dependancen. 1985 hing er sein Metier an den Nagel - und verkaufte an Palmers.

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