Väter und Söhne

12. März 2009, 17:38
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Biblische Zeiten und Fußball schaut Ernst Strouhal im libyschen Ghadames

Der wichtigste Mann ist der Mann mit dem Kübel. Er sitzt im Schatten einer Nische der Yunis-Moschee und schöpft Wasser aus dem vorbeifließenden Kanal. Durch ein kleines Loch im Boden entleert sich der Kübel alle drei Minuten, der Mann knüpft als Zeichen einen Knoten in ein junges Palmblatt, und die Prozedur beginnt von Neuem, den ganzen Tag, das ganze Jahr hindurch, seit mehr als zweitausend Jahren. Die Wasseruhr dient der gerechten Aufteilung des Quellwassers in Ghadames, einer Oasenstadt in der Sahara, rund 700 Kilometer südlich von Tripolis. Jedem Bauern steht eine gewisse Bewässerungszeit zur Versorgung seines Gartens zur Verfügung, ist die Zeit abgelaufen, wird der Wasserfluss an den Nachbarn umgeleitet. Zwanzig Knoten ergeben eine Stunde, einmal im Jahr, im Mai, wird die Uhr festlich neu kalibriert.

Heute ist die Altstadt von Ghadames Unesco-Weltkulturerbe, Wasseruhr und Wasserfest sind nur noch Folklore. Etwa 8000 Menschen leben hier. Vielleicht auch weniger, so genau weiß das keiner im Café gegenüber dem Haupttor zur Altstadt. Das Café wird zurzeit renoviert, es kommen jetzt mehr Touristen, heißt es, aber viele Junge ziehen hinauf an die Syrte, nach Tripolis und Benghazi, wo es zwar weniger Zeit, dafür aber Arbeit gibt.

Der Altstadtkern von Ghadames ist vollständig aus Lehm gebaut und von einer sieben Kilometer langen Mauer umgeben. Die Stadt bot für einige tausend Familien Raum und Schutz. Die labyrinthischen Gassen sind mit einer Decke aus Palmblättern überdacht, die in unregelmäßigen Abständen von Lichteinlässen unterbrochen wird. Das Licht ist magisch, ohne Führer verliert man sofort die Orientierung. Alle Wohnhäuser sind zweistöckig, einige dürfen besichtigt werden. Über eine Treppe gelangt man in einen reich dekorierten, fast würfelförmigen Hauptraum, eine weitere Treppe führt zur Küche auf dem Dach. Alle Dächer weisen die gleiche Höhe auf und sind miteinander verbunden, wodurch sich eine zweite Stadtebene über den dunklen Gassen ergibt. Auf den Dachterrassen lebten, vor fremden Blicken geschützt, die Frauen, für Männer war der Aufenthalt auf dem Dach verboten.

Die Macht in Ghadames, die Herrschaft über die Zeit, das Wasser und die Palmen, teilten sich zwei Berberstämme. Beide waren in Großfamilien organisiert, sie bildeten ein hochdifferenziertes Justiz- und Wasserversorgungssystem aus, eine nach außen wie nach innen funktionierende, stabile Stammesherrschaft. Über zwei Jahrtausende hinweg ist es weder den Römern noch dem byzantinischen Episkopat, weder den Arabern noch den italienischen Faschisten gelungen, die tribalistische Herrschaft und ihre Regeln in der Wüstenstadt zu brechen.

Schon zwei Jahre, nachdem sich Muammar Gaddafi im September 1969 in Libyen an die Macht geputscht hatte, wurden die ersten Pläne zur Errichtung einer Neustadt gefasst. Die endgültige Absiedlung in die neuen Ziegelbetonhäuser mit mehr Komfort und besserer sanitärer Versorgung erfolgte 1986. Die Lehmbauten wurden nicht weiter gepflegt und verfielen, schließlich wurde die baufällige Altstadt gesperrt. Die Trauer über ihren Verlust hielt sich bei den Bewohnern in Grenzen. Zurück will hier niemand, nur im Sommer, wenn die Hitze zu groß wird, ziehen noch einige Familien für ein paar Wochen um. Dennoch: Kaum einer verkauft sein altes Haus.

Die Tage sind lang in Ghadames, man steht spät auf und geht früh zu Bett. Der Souvenirshop verkauft Spielzeugkamele, Kinderrasseln und "Das Grüne Buch" von Gaddafi. Im Café wird im TV ein Match aus der italienischen Serie A übertragen. Es folgen ausführliche Zusammenfassungen von der deutschen Bundesliga, aus England und Spanien. Sie dauern stundenlang, unterbrochen werden sie nur von Inserts, die anzeigen, dass es nun Zeit zum Gebet ist.

2003 hat sich Libyen für die Ausrichtung der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 beworben. Die Bewerbung war im Vorhinein aussichtslos, doch die islamisch-sozialistische Volksrepublik präsentierte sich der Welt erstmals als moderner, weltoffener Staat: Acht Stadien mit internationalen Komfort- und Sicherheitsstandards sollten am Syrtebogen entstehen, in neue Infrastrukturen für Verkehr, Tourismus und Telekommunikation würden fünf Milliarden Dollar investiert. Man weiß in Tripolis, wie man im Westen neue Freunde gewinnt. Auch Ghadames hat eine eigene Mannschaft, aber sie könne, gesteht die fußballbegeisterte Runde im Café ein, beim besten Willen nicht mit Al-Ittihad und Al-Ahly um den Titel mitspielen. Der Fußballplatz befindet sich im Nordwesten der Stadt hinter dem Wasid-Friedhof. Der karge Acker wirkt exotisch und desolat. Von der Tribüne kann man weit in die Wüste blicken, ein Gitterzaun trennt das Spielfeld von den Zusehern.

Die Bewerbung für die Weltmeisterschaft war der Höhepunkt einer langen Reihe von Bemühungen, das beschädigte Image des Landes nach dem Anschlag auf die Berliner Diskothek "La Belle" 1986 und dem Lockerbie-Attentat 1988 medial zu korrigieren und zu einer Aufhebung der Handelsembargos beizutragen. Zentrale Figur der PR-Offensive am grünen Rasen war Saadi Gaddafi, Vizepräsident des libyschen Fußballverbandes und zeitweilig sogar Kapitän der Nationalmannschaft. Saadis Fußball-Initiative war nicht nur nach außen, sondern auch nach innen gerichtet. Die "permanente Mobilisierung der Massen", die Vater Gaddafi einst im "Grünen Buch" erträumte, erfolgt heute in verquerer Weise auf dem Fußballplatz. Für Gaddafi-Vater kam noch keine andere Sportart als Reiten infrage. Unzählige Plakate zeigen ihn wie Scheich Omar al-Mukthar im traditionellen Habitus des Beduinenführers zu Pferd, dagegen ist die Figur von Saadi Gaddafi Repräsentant eines neuen Libyens, er ist Sohn des Revolutionsführers, doch zugleich leistungsbewusster Sportler und international tätiger Manager, der die Djelaba mit dem Anzug getauscht hat.

Ende März 2004 hat der britische Premier Tony Blair Gaddafi in seinem Wüstenzelt am Stadtrand von Tripolis besucht, um dem Führer des Schurkenstaates "die Hand der Partnerschaft" zu reichen und ihm eine "Chance zur Rehabilitierung" zu geben. Nach und nach wurden die Exportverbote aufgehoben, Libyen durfte "in die Staatengemeinschaft zurückkehren". Was das bedeutet, formuliert der "Arab Human Development Report" der Vereinten Nationen: "New markets, new tools, new actors, new rules." Ziel der libyschen Gesellschaft sei, verkündete Gaddafi-Vater, die Einführung eines "Kapitalismus des Volkes".

Die neue Gesellschaft, für die der Fußball steht, ist auch in Ghadames angekommen. Im Café gibt es Internetanschluss, keine Wohnung ohne Klimaanlage und Satellitenschüssel, die Handys läuten in unzähligen Variationen von Klingeltönen. Nur der Alkohol ist - noch - verboten. Nicht alle in Ghadames mögen Fußball, nicht alle die neuen Regeln und die Welt, die Saadi Gaddafi repräsentiert. Die Schere zwischen Arm und Reich geht auf, auch wenn beide Scherenteile nach oben weisen. Trotz der Petrodollars ist die Arbeitslosenquote hoch. Beschäftigungsprogramme gibt es in Ghadames nicht, es sei denn, man rechnet die Geheimpolizei dazu. "Wundern Sie sich nicht", begrüßt mich ein etwas übergewichtiger, freundlicher Herr im Café, "dass ich so gut Deutsch spreche, ich habe in Chemnitz studiert, damals Karl-Marx-Stadt." Das G-Wort (ob G-Vater oder G-Sohn), das mich so zu interessieren scheint, an- und auszusprechen, ist zwar nicht verboten, doch wozu? Ich fände alle Informationen auf der offiziellen Internet-Seite der Regierung. Im Übrigen sei Libyen nicht nur der reichste, sondern auch der sicherste Staat der Region, kein Tourist, der Ghadames besucht oder weiter südlich in die Sahara reist, müsse sich fürchten.

Wir brechen gemeinsam zu einem Abendspaziergang in die Neustadt auf, die Straßen sind kaum beleuchtet. Vor der Moschee verläuft eine niedere Mauer, an der im Umkreis einer Lampe Dutzende junge Leute lehnen. Sie tragen zerlumpte Strickjacken und Wollmützen und beobachten uns genau. Sie kommen aus dem Tschad und aus Mali. Mein Begleiter hat es plötzlich ein wenig eilig. Aus einem Ghettoblaster brummt aggressive Musik. Ich irre mich nicht: Sie spielen tatsächlich Public Enemy. (Ernst Strouhal/DER STANDARD/Rondo/Printausgabe, 13.3.2009)

Service Anreise & Unterkunft
Individuelle Libyenreisen z. B. mit Marco-Polo-Reisen: www.marco-polo-reisen.com; Vier-Sterne-Hotel im Berberstil: Dar Ghadames. Der Artikel erscheint Ende März in stark erweiterter Form im Sammelband "Umweg nach Buckow" des Autors in der Edition Transfer bei Springer WienNewYork.

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    Heute ist die Altstadt von Ghadames, einer Oasenstadt in der Sahara, Weltkulturerbe. Die Stadt bot für einige tausend Familien Raum und Schutz, jetzt wird sie nur noch in den Sommermonaten genutzt.

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    Die "permanente Mobilisierung der Massen", die Vater Gaddafi einst in seinem "Grünen Buch" erträumte, erfolgt heute in verquerer Weise auf dem Fußballplatz - und vor dem TV.

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