Außer Pfand und Tand

14. März 2009, 16:00
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In der Silvesternacht 2000 begann Stuart Haygarth leere Flaschen zu sammeln - Acht Jahre später wurde er zum "besten neuen Designer" bei den British Design Awards 2008 gewählt

Manchmal bedarf es eines neuen Jahrtausends, um auf eine gute Idee zu treffen. Als Stuart Haygarth am Tag nach der 2000er-Millennium-Feier durch London spazierte, waren die Straßen von Party-Poppern in Form kleiner Sektflaschen übersät.

Haygarth, der damals bereits seit über zehn Jahren als Fotograf und Illustrator arbeitete, sammelte Tausende von den bunten Fläschchen ein und schleppte sie nach Hause. "Diese leeren Fläschchen in den Straßen zu sehen hatte etwas Schönes", erzählt der heute 42-jährige Engländer in seiner Werkstatt im Stadtteil Hackney, der im armen Nordosten Londons liegt. "Sie hatten solch eine historische Signifikanz - weil sie alle zur selben Zeit explodiert sind und alle aus demselben Grund. Davon fühlte ich mich inspiriert - ohne zu wissen, was ich damit anfangen sollte."

Es dauerte vier Jahre, bis Haygarth die zündende Idee hatte. Zu diesem Zeitpunkt hatte er seinen Job satt. Er war viel gereist, durch Indien und Europa, und er war auf der Suche nach einer neuen Herausforderung, einer neuen Inspiration. Er hatte all dieses von der Welt weggeworfene Zeug gesammelt und nach Material, Provenienz oder Zweck geordnet. Nicht nur Party-Popper. Auch Gläser, buntes Glas, Spielzeug, Figuren, Dosen oder Brillen - jahrelang hatte er Flohmärkte und Garage-Sales besucht, auch Strände in Wales und in Kent bewandert und dort immer wieder das mitgenommen, was ihm das Meer vor die Füße spülte.

Kleber und Kaffee

"Ich kann das nicht genau erklären", sagt Haygarth in lockeren Jeans, Sweater und Turnschuhen, während er auf einem Hocker in seinem mit Boxen, Werkzeug und Kisten vollgestopften Atelier sitzt. Es riecht nach Kleber und Kaffee. Die ätherische Musik der Indie-Band Elbow aus Manchester schwebt aus der Anlage. Aus einer durchsichtigen Box in einem Regal lächelt eine Plastikfigur des großen blauen Fellmonsters aus dem Pixar-Film "Monsters Inc." den Betrachter an.

"Viele Dinge ziehen mich magisch an, wenn sie irgendwo herumliegen. Das war schon als Kind so. Ich nehme sie mit, verstaue sie, und irgendwann fang ich an, mit ihnen herumzuspielen, zu experimentieren und zu basteln - bis irgendetwas aus ihnen entsteht." Aus dem Zivilisationssammelsurium begann Haygarth schließlich Luster zu bauen - große, magische Luster, die heute im Design Museum London hängen oder auf der Art Miami, einer der wichtigsten Kunstmessen der Welt, präsentiert werden.

2008 wurde er bei den British Design Awards als bester neuer Designer geehrt - vor allem für seine Kronleuchter, mit denen so mancher gern sein Heim aufpeppen würde. 1000 Party-Popper-Sektfläschchen verbaute Haygarth 2005 in dem "Millennium Luster", der einem futuristischen Lampion ähnelt. Das kleinteilige Strandgut verarbeitete er schwebend wie in einem Mobile in dem runden "Gezeiten-Luster". Aus bunten Plastikbällen arrangierte er für die Kosmetikfirma MAC einen Leuchter, der wie eine planetare Explosion erscheint.

Auch aus kunstvoll arrangierten PET-Flaschen, Brillengläsern, Weingläsern oder Messern, Nagelscheren und Nagelfeilen, die am Londoner Flughafen Gatwick von Reisenden konfisziert wurden, bastelte Haygarth Kronleuchter, die schick und sexy aussehen, die durch ihr dramatisches Licht eine stark hypnotische Wirkung entwickeln und dem Betrachter einiges zu denken geben. Denn aus der Ferne erscheinen die Collageleuchter wie ästhetisch-anspruchsvolle Retro-Arbeiten, die in Farbe und Form den Sechzigern und Siebzigern huldigen.

"Design ist selten Kunst"

Nähert man sich ihnen aber, erkennt man schließlich die einzelnen Bestandteile, aus denen sie gefertigt sind, und damit Geschichten, die sie hervorzurufen scheinen. Leuchtende Geschichten über die Vergänglichkeit, Verschwendung, die Schnelllebigkeit oder die Schönheit des Banalen und des Handwerks. Zwischen all den Stücken, die Haygarth in einen Leuchter packt, und dem fertigen Produkt scheint es eine geheimnisvolle Analogie zu geben. Genug Zunder für ein glitzerndes Assoziationsfeuerwerk also.

So etablierte sich Haygarth, der in dem Dorf Whalley im Nordwesten Englands geboren wurde und am Exeter College of Art and Design studierte, in Schallgeschwindigkeit als Designer neben Namen wie Max Lamb oder Zaha Hadid und einer jungen Generation, die häufig als Öko-Designer bezeichnet wird, eben weil sie aus Schrott und Müll Designkunststücke zaubert. Der Umweltaspekt sei ihm schon wichtig, sagt Haygarth mit leiser Stimme, aber er sei nicht der ausschlaggebende Grund, weshalb er diese Leuchter baue. "Als Fotograf hat mich immer das Licht interessiert. Zudem mag ich Kunst und qualitativ hochwertige Handarbeit, Dinge, die gut aussehen und gut gefertigt sind."

Die Leute interessierten sich heute wieder für gut gemachte, aufwändige und originelle Arbeiten, erklärt Haygarth sich seinen Erfolg. "Und so wie ich Alltagsgegenstände, die billig sind und die niemand mehr braucht, arrangiere und ihnen somit eine neue Signifikanz verleihe, bekommen die Leuchter wohl etwas Geheimnisvolles und Kraftvolles." Haygarth, der mit der deutschen Video- und Fotokünstlerin Melanie Manchot verheiratet ist, sieht sich mit seinen leuchtenden Collagearbeiten an der Schnittstelle zwischen Design und Kunst. "Design ist selten Kunst", sagt Haygarth. "Aber ich produziere meine Arbeit so, wie es Künstler tun. Ich kann es mir leisten, nichtkommerziell zu arbeiten. Das ist ein sehr inspirierender Luxus."

Haygarths Stücke sind einzigartig. Vom Fließband gibt es sie nicht. Auch wenn er sie durchaus in größeren Stückzahlen absetzen könnte. "Ich bekomme schon mal Anrufe, in denen man fragt, ob ich von dem oder jenem Leuchter noch einen auf Lager hätte. Das ist natürlich nicht Sinn der Sache."

Plastik und Fischerhandschuh

Gekauft werden die Leuchter von Sammlern, Unternehmen, Galerien oder Museen. Billig sind Haygarths Arbeiten allerdings nicht. Circa 34.000 Euro hat ihm ein Luster auf einer Auktion einmal eingebracht. Drei Mitarbeiter beschäftigt er zeitweise für die Produktion der aufwändigen Leuchter, von denen ein halbfertiger aus Brillengestellen wie ein zerfließendes Bienennest an einer Stange in seiner Werkstatt hängt.

Die starke Physis seiner Objekte, die von Haygarths Liebe zur Bildhauerei herzurühren scheint, lässt sich auch in den anderen Arbeiten des Londoners beobachten. Denn neben Leuchtern bastelt Haygarth Skulpturen und Installationen. Für die Shop-Kette Selfridges entwarf er einige rundliche Objekte aus schwarzen und weißen Plastikgegenständen und roten Fischerhandschuhen, die wie schwebende Raumstationen aussehen.

In einem anderen Projekt erdachte er eine Behausung aus schwarzen Verpackungen, wie sie im Supermarkt für Fleisch und Wurst benutzt werden, für Vögel, Fledermäuse und Bienen in urbanen Gegenden. Und auch für den Eingangsbereich des neuen Gebäudes der renommierten Tanz-akademie "DanceEast" in Suffolk wird Haygarth eine Installation entwerfen. Der Fokus seiner Arbeit werde vorerst aber weiterhin auf den Lustern liegen, sagt Haygarth - und man meint ein Leuchten in seinen Augen zu erkennen. (Ingo Petz/Der Standard/rondo/13/03/2009)

  • Zwei Jahre lang sammelte Stuart Haygarth Material für seinen 2,1 Meter hohen Luster "Tide Chandelier".
    foto: hersteller

    Zwei Jahre lang sammelte Stuart Haygarth Material für seinen 2,1 Meter hohen Luster "Tide Chandelier".

  • Stuart Haygarth
    foto: hersteller

    Stuart Haygarth

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