Anonym sein

13. März 2009, 16:00
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Leslie träumte, dass alle InternetnutzerInnen eine Startseite mit Fotos von ihr verwendeten

Leslie hatte sich dazu breitschlagen lassen, dem Netzwerk "Alte Bekannte" beizutreten. Seitdem bekamen alle, deren Adressen sie jemals verwendet hatte, eine automatische Mail. "Leslie will, dass du das Netzwerk ,Alte Bekannnte' benützt! Ist Leslie deine Freundin? Bitte antworte: ,Ja, Leslie ist meine Freundin!' oder ,Leslie ist nicht meine Freundin'. Wenn du nicht antwortest, könnte Leslie glauben, du hast Nein gesagt."

Weil die meisten von Leslies Bekannten Leslie nicht beleidigen wollten, schrieben sie zurück: "Ja, Leslie ist meine Freundin!" Aber das half nichts, denn nach 36 Stunden wurde ihnen wieder per Mail gedroht: "Wenn du nicht antwortest, könnte Leslie glauben, du hast Nein gesagt." Yvonne rief Leslie nach dem sechsten Mail gleicher Art an: "Sag einmal, zweifelst du an unserer Freundschaft?", fragte sie.

"Ich will diese Bekannten nicht!"

Einer von Leslies Universitätsprofessoren schrieb ihr einen Brief und erklärte höflich, dass er aus prinzipiellen Gründen gegen soziale Netzwerke im Internet sei, aber Leslie natürlich immer sehr geschätzt habe. Leslie träumte, dass alle Internetnutzer eine Startseite mit Fotos von ihr verwendeten, sie träumte, dass sie bereits über 5000 Netzwerkfreunde hatte. "Ich will diese Bekannten nicht, ich will nicht bekannt sein, ich will anonym sein!", rief sie und wachte davon auf. Dann löschte sie ihren Mail-Account und fuhr mit Yvonne nach Grönland, wo die beiden Freundinnen niemanden kennenlernten. Außer ein paar Möwen, Eistaucher und Robben. Pelzige, treuherzige Robben, in deren runden, dunklen Augen alle Informationen der Welt verlorengingen. (Adelheid Wölfl/Der Standard/rondo/13/03/2009)

 

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    Pelzige, treuherzige Robben, in deren runden, dunklen Augen alle Informationen der Welt verlorengingen.

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