Blau gemacht im flauschigen Fjell

13. März 2009, 17:15
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Nur wenn eine dicke, weiche Schneedecke die Berge von Rondane umhüllt, entstehen hier Gemälde. Dann lockt das Licht Norwegens Maler ins Fjell

Edvard Munchs Schrei hätte hier niemand gehört. Auf die menschenleeren Weiten der norwegischen Rondaneberge waren freilich andere besser vorbereitet. Ein neoromantischer Maler wie Harald Sohlberg etwa, ein Zeitgenosse von Munch, der aber kaum über Norwegen hinauskam: als Reisender schon zu Lebzeiten nicht (1869- 1935) und bis heute nur selten als international ausgestellter Maler. "Blau machen" konnte er hier besser als anderswo, wie sein Gemälde "Winternacht in Rondane"beweist: Die Ansicht jener vermeintlich eintönigen Landschaft wurde längst zum norwegischen Nationalgemälde ernannt.

Bereits ab Mitte Februar sind die Tage hier oben in den Bergen Norwegens länger als in den Alpen. So können wir nun aus dem großen Speisesaal des Hotels die Aussicht genießen über eine Landschaft, für die uns Vergleiche fehlen. So weit das Auge reicht, dehnt sich eine Hochfläche aus, so dick in Schnee verpackt, dass man nicht ahnen kann, wie viele Seen tatsächlich in sie eingebettet liegen. Erst wenn wir in den folgenden Tagen mit dem Hundeschlitten durch das weite weiße Land jagen, werden wir am Untergrund spüren, wo die glatte Eisfläche eines zugefrorenen Sees verborgen liegt.

Allein die Baumgrenze

Am Horizont ist Bewegung in den Linien, da ragen nebeneinander sanfte Bergkuppen auf, allesamt kaum höher als 1500 Meter, wie uns Lars und Haldis, die Gastgeber im Fjellhotell verraten. Die Kulisse scheint so weit entfernt, dass man versucht ist zu glauben, hinter ihnen könne es nicht mehr weitergehen. Die Welt geht natürlich weiter hinter den Rondanebergen. Denn das Venabygdsfjell liegt nur am Rande des ältesten Nationalparks Norwegens und bereits oberhalb der Baumgrenze (das bedeutet das Wort "fjell" nämlich). Aber an jenen Tagen, da wir den Winter in Venabu genießen, kommen wir uns manchmal vor wie auf einem anderen Stern.

Ob nun tagsüber die Sonne scheint, oder ob es die Zeit der langen Dämmerung ist am Morgen oder Abend: Immer liegt ein bläuliches Licht über diesen Bergen. Sie lassen den Schnee seltsam unwirklich erscheinen. Dabei kann der Ton dieses Lichts sehr unterschiedlich sein: mal zartblau, dann wieder violett aggressiv, viel öfter noch beruhigend ultramarin.

Dieses blaue Licht von Venabu, erzählt uns Lars des Abends am offenen Kamin, habe schon vor Sohlberg die Maler angezogen, habe sie immer wieder in die Rondaneberge gelockt. Eine beachtliche Sammlung von Gemälden, auf denen norwegischen Maler dieses Licht einzufangen versucht haben, hängt denn auch hier im Hotel und nicht wie Sohlbergs Bild in der Nationalgalerie Oslos.

Dieses Fjellhotel Venabu ist weit und breit das einzige Gebäude in der fast baumlosen Schneeweite. Heute darf hier oben nicht mehr gebaut werden. 1947 wurde das Hotel errichtet, es ist nicht allzu groß, warm und gemütlich, auch wenn die Zimmer einfach eingerichtet sind. Ein Haus für Menschen jeden Alters und jeder Herkunft, die nichts anderes wollen, als die winterliche Natur genießen mit all ihren Schönheiten und Tücken.

Mit Fisch ins Fjell

Das üppige Frühstücksbuffet ist denn auch so ganz anders als wir das von Hotels in alpenländischen Wintersportorten kennen. Hier dominieren Fisch, brauner Käse und Leberpastete, vier oder fünf Sorten Knäckebrot und mehr als ein halbes Dutzend verschiedene Milch- und Jogurtarten. Ganz selbstverständlich packen die Gäste, die dann ins Fjell wollen, ihren Proviant ohne schlechtes Gewissen ein.

Draußen vor dem Hotel wartet eine Gruppe, fertig für die mehrtägige Tour. Alle haben dicke Rucksäcke geschultert, erst geht es ein Stück über die Trollloipe und dann weiter in die Rondaneberge hinein, in den Nationalpark, der vor der Haustür des Hotels beginnt. Übernachtet wird zweimal in offenen, nicht bewirtschafteten Hütten im Gebirge. Zum Teil stammen sie noch aus der Zeit, da die Bauern aus dem Gudbrandsdal im Sommer ihr Vieh ins Fjell trieben.

Das Loipennetz ist nicht sehr dicht, aber langgezogen. Hier oben darf nicht nach Belieben gespurt werden - und wir sehen auch gleich warum. Der Rondane Nationalpark wurde vor Jahren eingerichtet, um den Schutz der einzigen großen Herde von Wildrentieren zu gewährleisten, die es heute noch in Skandinavien gibt. Es sind die Nachkommen der Tundrarentiere, die vor Jahrhunderten ganz Skandinavien bevölkert haben. Hier oben im Venabygdsfjell, in den Bergen unter dem immerblauen Himmel hat sich diese letzte große Herde gehalten. (Christoph Wendt/DER STANDARD/Printausgabe/7./8.3.2009)

Informationen:
www.visitnorway.com

  • Das Fjellhotel Venabu ist ganzjährig auf Gäste eingestellt, die in den Rondanebergen aktiv sein wollen. Dementsprechend vielfältig ist das sportliche Angebot. Wer länger als drei Nächte bleibt, zahlt weniger als die Hälfte der Tagespreise. Pro Person muss man auf Basis Vollpension ab EURO 80 einkalkulieren, alternativ können hier Hütten gemietet werden.
    foto: venabu fjellhotell

    Das Fjellhotel Venabu ist ganzjährig auf Gäste eingestellt, die in den Rondanebergen aktiv sein wollen. Dementsprechend vielfältig ist das sportliche Angebot. Wer länger als drei Nächte bleibt, zahlt weniger als die Hälfte der Tagespreise. Pro Person muss man auf Basis Vollpension ab EURO 80 einkalkulieren, alternativ können hier Hütten gemietet werden.

  • Rondane ist
auch authentischer Schauplatz der Peer-Gynt-Festspiele, in Ibsens Drama
kommt die Region ja mehrfach namentlich vor. Programm im Hotel oder
über die Festspiele.
    foto: peer gynt as/helge reistad

    Rondane ist auch authentischer Schauplatz der Peer-Gynt-Festspiele, in Ibsens Drama kommt die Region ja mehrfach namentlich vor. Programm im Hotel oder über die Festspiele.

  • Nach Oslo kommt man von Wien aus wochentags direkt mit Fly Niki oder täglich direkt mit Austrian. Will man im Fjellhotel Venabu wohnen, ist der Samstagsflug von Austrian vorteilhaft, denn das Haus bietet an diesem Tag einen direkten Shuttleservice vom Flughafen Oslo. Überdies verkehren regelmäßig und mehrmals täglich Expressbusse (www.nor-way.no) zwischen Oslo (Flughafen und Stadt) und Ringebu. Im Nationalpark Rondane ist der motorisierte Individualverkehr stark reglementiert, ein Mietauto ist daher nur in eingeschränktem Maß sinnvoll.
    grafik: der standard

    Nach Oslo kommt man von Wien aus wochentags direkt mit Fly Niki oder täglich direkt mit Austrian. Will man im Fjellhotel Venabu wohnen, ist der Samstagsflug von Austrian vorteilhaft, denn das Haus bietet an diesem Tag einen direkten Shuttleservice vom Flughafen Oslo. Überdies verkehren regelmäßig und mehrmals täglich Expressbusse (www.nor-way.no) zwischen Oslo (Flughafen und Stadt) und Ringebu. Im Nationalpark Rondane ist der motorisierte Individualverkehr stark reglementiert, ein Mietauto ist daher nur in eingeschränktem Maß sinnvoll.

  •  Frei nach Sohlbergs "Winternacht in Rondane": ein Blick aus dem Fenster des Fjellhotels.
    foto: venabu fjellhotell

    Frei nach Sohlbergs "Winternacht in Rondane": ein Blick aus dem Fenster des Fjellhotels.

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