Einfach alles anders

6. März 2009, 16:00
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Der Panton Chair wird 50 - Vitra-Chairman Rolf Fehlbaum erzählt Michael Hausenblas vom Unterschied zwischen Verner Panton und Charles Eames...

...und davon, warum immer noch Sessel entworfen werden.

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Der Standard: Welcher Sessel ist der berühmteste der Welt?

Rolf Fehlbaum: Wenn ich einen nennen muss, dann ist das wahrscheinlich der Thonet-Sessel Nr. 14 von 1859. Bis heute ist er für viele der Inbegriff eines Stuhles. Der kann einfach überall stehen. Er war auch der erste Stuhl, der in Massenproduktion ging und der logistisch und produktionstechnisch durchdacht war.

Der Standard: Und in welcher Liga spielt der Panton Chair?

Fehlbaum: Es gibt Stühle, die eine gewisse Merkbarkeit vorweisen. Das müssen nicht die am meisten verbreiteten sein. Sie haben eine ikonische Anmutung. Da gehört der Panton sicher zu den, sagen wir einmal, 20 Stühlen, die man zuordnen kann. Der erwähnte Thonet-Stuhl ist wie in einer Evolution entstanden, während der Panton eine klare Autorenhandschrift trägt.

Der Standard: Ist der Panton Chair ein gutes Möbel?

Fehlbaum: Der Panton ist kein Universalstuhl. Er eignet sich für den Esstisch, als Einzelstück mit skulpturaler Ausstrahlung. Wer einen reinen Funktionsstuhl sucht, wird wahrscheinlich zu einem anderen greifen. Ich glaube, er ist ein guter Stuhl, wenn man diese Art von Ausdruck sucht, einen Ausdruck, der immer noch verblüfft. Das gilt natürlich generell für den Freischwinger. Dieser ist immer noch ein Phänomen, obwohl man es 1000-mal gesehen hat. Man war einfach nach Tausenden von Jahren, in denen es nun Stühle gibt, nicht gewohnt, einen Stuhl ohne Hinterbeine zu sehen. Dieses Konzept gibt es ja erst seit den 1920er-Jahren.

Der Standard: Wie würden Sie aus heutiger Sicht die Einflüsse zusammenfassen, die den Panton Chair so aussehen lassen?

Fehlbaum: Charles und Ray Eames, George Nelson oder Eero Saarinen haben zwar die neuen Technologien ihrer Zeit aufgenommen, haben aber auch durchaus gewusst, die Tradition zu schätzen. Die wollten nicht revolutionär, sondern praktisch und neu sein. Charles Eames war zum Beispiel völlig vorurteilslos gegenüber neuen Techniken, aber er empfand sich einer Tradition verbunden. Eames sagte: 'Ich erfinde, wenn ich muss.' Die Generation von Verner Panton war ganz anders. Panton war eine Art ,Enfant terrible'. Er wollte die Tradition vergessen. Wenn Sie diese Entwürfe anschauen, ist jeder ein Bruch mit der Vergangenheit und auch ein Zuspitzen dieses Bruches. Es sollte einfach alles anders werden.

Der Standard: Einst war der Panton Chair ein exklusives Stück für Designliebhaber. Heute findet man ihn an sehr vielen Orten. An zu vielen?

Fehlbaum: Überhaupt nicht. Verbreitung ist ja eine Idee der Moderne. Der Moderne im Design liegt die Idee zugrunde, dass man durch industrielle Methoden bislang Exklusives vielen zugänglich macht. Ich finde es fantastisch, dass man heute einen so besonderen Stuhl zu einem vernünftigen Preis bekommen kann. Das war ja auch die Idee dahinter. Panton hatte sehr egalitäre Auffassungen. Eine künstlerische Eigenheit darf man nicht mit einem Sich-Absetzen vom Konsumenten gleichsetzen.

Der Standard: Wie bedeutend ist der Name eines Designers hinter einem Möbelstück?

Fehlbaum: Vermutlich gibt ein Name dem einen oder anderen mehr Sicherheit. Gerade im Design, wo es so vieles gibt, mag manch einer verunsichert sein. Er findet vielleicht auch Sicherheit darin, dass er weiß, dieser Entwurf hat jetzt 50 Jahre gehalten, also wird er es auch noch eine Weile schaffen. Da hat der Klassiker einen gewissen Vorteil. Selbst ich, der ich mich im Design recht gut auskenne, empfinde einen gewissen Halt bei solchen Entwürfen.

Der Standard: Wozu werden überhaupt noch Sessel entworfen? Gibt es nicht schon genügend Entwürfe?

Fehlbaum: Klar könnte man die nächsten zehn Jahre gut damit leben, wenn keine neuen Sessel mehr auf den Markt kämen. Es gibt genügend gute Sachen aus den vergangenen 100 Jahren. Aber: Erstens ist eine Industrie da, die nach Neuem sucht, und zweitens gibt es neue Gelegenheiten.Wenn ich etwas Aktuelles, einen Entwurf aus dem Jetzt möchte, bedeutet das eine Sensibilität gegenüber dem Heute. Da geht es um das Interesse an Veränderung von Formwelten. Nehmen wir das pflanzliche Motiv, das Gewachsene, das Organische her. Da geht es um ein Zeitgefühl, das durch neue Produkte bedient wird. Man könnte ja auch fragen, wozu werden noch Bilder gemalt. Es gibt also neue Gefühlswelten, neue Materialien, Technologien. Ein Bürostuhl ist diesbezüglich wieder etwas anderes als ein Küchenstuhl. Aus verschiedensten, guten Gründen gibt es Neues. Und es gibt vieles Neues, das besser nicht entstanden wäre. Aber das gilt für alle Gebiete. Und es gibt so viele Trends, epochale und andere, die halt nur einer kurzfristigen Strömung entsprechen, Dinge, die sich nur an einer gewissen Pointe orientieren. (Michael Hausenblas/Der Standard/rondo/06/03/2009)

  • Vitra-Chairman Rolf Fehlbaum: "Es gibt Stühle, die haben eine ikonische Anmutung"
    foto: vitra

    Vitra-Chairman Rolf Fehlbaum: "Es gibt Stühle, die haben eine ikonische Anmutung"

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