Everybody's Darling

28. Februar 2009, 16:00
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Chianti Classico, Vino Nobile und Brunello aus der Toskana galten als italienische Wein-Ikonen - Wo stehen sie heute? Ein Lokalaugenschein von Luzia Schrampf

"Für die Welt ist es interessant hier, weil wir einen einzigartigen Wein machen können." Der Winzer Andrea Costanti spricht von Brunello di Montalcino, der zu jenen Weinen gehört, die auch von Nicht-Eingeweihten mit Italien und Rebensaft in Verbindung gebracht werden. Costanti übernahm 1983 das Familiengut, auf dem Wein und Olivenöl produziert werden, knapp außerhalb des Ortes Montalcino, der selbst in der Eiseskälte des Februar noch malerisch-charmant ist.

Costantis Aussage ist auf alle Weintypen der Toskana umlegbar, bei denen die Rebsorte Sangiovese im Spiel ist. Brunello bildet gemeinsam mit Vino Nobile di Montepulciano und Chianti Classico ein bekanntes Herkunfts-Dreigestirn, wobei der Letztgenannte durch seine Verbreitung über die Pizzerien vom Nord- bis zum Südpol wohl der gängigste ist.

Sangiovese bringt auf den Böden und im Klima der Toskana seinen besonderen Geschmack: Er ist robust, reich an Säure und Tannin, fähig zu reifen und braucht etwas Zeit, um sich abzurunden. In Bestform hat er eine charakteristische, attraktive Veilchennote und elegante Mineralität. Während Brunello ausschließlich aus Sangiovese zu bestehen hat, darf Vino Nobile zu 30 Prozent und Chianti Classico zu maximal 20 Prozent "andere Sorten" beinhalten.

"Supertuscans"

Um die schroffe Art des Sangiovese freundlicher und leichter verkaufbar zu machen, kam man in den 1970-ern auf die Idee, den Wein statt mit Cannaiolo oder Colorino (oder den noch früher üblichen weißen Sorten) mit Cabernet Sauvignon oder Merlot "abzusoften". Der Begriff der "Supertuscans" entstand, die Weine wurden von der Weinbewertungs-Publizistik geliebt und dank der Nachfrage trotz "minderer" Bezeichnung als Vino da Tavola bzw. IGT (indicazione geografica tipica) deutlich teurer als alle DOCG-Weine (denominazione di origine controllata e garantita) verkauft.

Über die "richtige" Haltung zu Sangiovese-Weinen diskutiert man bis heute: Wie weit darf man gehen, um ihn allerwelts Trink-Vorlieben anzupassen? Bezeichnungs- und Preis-Wirrwarr erhellen dem geneigten Fan dabei nicht unbedingt, wie der Wein jetzt schmeckt, den er da gekauft hatte. Dessen Interesse erlahmte in dem Maße, in dem sich auch Trinkgewohnheiten änderten. Seit wenigen Jahren haben Weine Oberwasser, die nicht aus den Allerweltsrebsorten bestehen, selbst wenn diese ihre Meriten haben. Und seit der Wirtschaftskrise ist auch ein überschaubares Preisgefüge wichtig.

All das spricht heute für den traditionellen Sangiovese der Toskana. Dort schafft man es aber, sich immer wieder auszutricksen: Jüngstes Werkstück war der Brunello-Skandal 2008 (der Standard berichtete). Mit den Vorschusslorbeeren für den neuen Jahrgang 2004 und nach einer Abstimmung der Consorzio-Winzer zugunsten der traditionellen Reinsortigkeit ließ man die Unannehmlichkeit sanft ausklingen ohne nennenswerte und klar kommunizierte Aufarbeitung.

Kundenverwirrung

Einen anderen Schritt zum Thema "Wie kann ich Kunden verwirren" setzen Chianti-Classico-Winzer. Nachdem Supertuscans aus "modernen Sorten" und Chianti-Classico-Weine aus "traditionellen" grosso modo gelernt sind, tauchen immer mehr Weine als Supertuscans IGT auf, die ausschließlich aus Sangiovese bestehen. Für einige dieser Weine gibt es historische Erklärungen: Emanuela Stucchi Prinetti von Badia a Coltibuono aus Gaiole (Chianti Classico) müsste die Bezeichnung ihres seit 1980 bestens etablierten "Sangioveto" IGT (ehemals Bezeichnung für Sangiovese) bei einem Umstieg auf DOCG ändern, da dort keine Rebsortennamen erlaubt sind. Derart klare Konzepte für jüngere Sangiovese-IGT anderer Produzenten gab es allerdings selten, sodass sich Gedanken rund um Preisgestaltung und Supertuscans aufdrängen.

Zäh, aber nicht hoffnungslos ist das Thema Bioweinbau. Die Region wäre von den Gegebenheiten bestens geeignet für diese Bewirtschaftungsform, die immer mehr zum Marketingargument wird. Mehr wäre leicht möglich, resümiert man bei Badia a Coltibuono, wo seit den 1990-ern Bio-Olivenöl und seit 2003 organisch zertifizierter Wein erzeugt wird. Verbreitet ist die Meinung, dass sich nur größere Unternehmen den Aufwand der Umstellung leisten können.

Andrea Cortonesi vom Brunello-Weingut Uccelliera sieht im "Going organic" eine Strategie, die sich die ganze Region auferlegen müsste, da die Kleinteiligkeit der Parzellen sinnvollen Bioweinbau verhindere. Für Luigi Fabbri von San Polino (Brunello) ergab sich Biobewirtschaftung seiner zweieinhalb Hektar logisch aus seiner früheren Arbeit an einem Biodiversitätsprojekt am Amazonas: "Und Sangiovese ist robust genug, daher ist es sogar relativ einfach."

"Unser Wein muss den Trend setzen, nicht der Mode folgen", sagt Andrea Costanti. Auch das ist universell zu sehen, will man an den Glanz früherer Jahre herankommen. Im Chianti Classico stehen mit 2006 und 2007 sehr gute Jahrgänge ins Haus, gerade für Fans des traditionellen Stils. Brunello 2004 überzeugte mit seiner Eleganz, Balance und einer Fruchtigkeit, die reifen, süßen Charakter zeigte und die Veilchenaromatik (noch) etwas in den Hintergrund drückt. Man darf bereits einen Gedanken an den Braten oder das Steak verschwenden, zu dem man die Weine trinken wird. Denn auch der Verbund mit Essen gehört zur Sangiovese-Tradition. (Luzia Schrampf/Der Standard/rondo/27/02/2009)

  • Toskana wie sie leibt und lebt - die Landschaft des Chianti Classico Gebietes.
    foto: hersteller

    Toskana wie sie leibt und lebt - die Landschaft des Chianti Classico Gebietes.

  • Sangiovese in voller Pracht und Schönheit - die Weine aus Trauben wie diesen sind nicht allzu dunkel in der Farbe und durften typischerweise nach Veilchen.
    foto: hersteller

    Sangiovese in voller Pracht und Schönheit - die Weine aus Trauben wie diesen sind nicht allzu dunkel in der Farbe und durften typischerweise nach Veilchen.

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