Gecko auf Rädern

27. Februar 2009, 16:52
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Die Brüder Wiesmann bauen Sportwagen in Handarbeit. In Sachen Krise argumentiert man mit der Schaffung von Wertanlagen - mit Interview

Wer kennt schon Dülmen? Wer an die Automobilindustrie denkt, dem fallen Orte wie Wolfsburg, Turin oder Detroit ein. Aber Dülmen? Der Ort ist westfälisch, der Auftritt amerikanisch: Hier, am Rande des deutschen Ruhrgebietes, steht die gläserne Manufaktur Wiesmann. Streng genommen dürfte man sie gar nicht zur Automobilindustrie zählen, denn riesige Produktionsstätten, in denen Arbeiter unterstützt von Robotern Hunderttausende von Fahrzeuge herstellen, sucht man vergeblich. In dem Gebäude aus Stahl, Glas und Holz laufen auch keine Autos vom Fließband. Bei Wiesmann werden Sportwagen in Kleinserie und von Hand gefertigt.

Dahinter stehen zwei detailverliebte Tüftler: 1988 gründeten Martin und Friedhelm Wiesmann das Unternehmen. Angefangen hatten die Brüder im elterlichen Autohaus, danach Managementerfahrung in einer Fabrik für Kinderbekleidung – bis ihnen die verrückte Idee kam, einen eigenen Sportwagen im Sechzigerjahre-Retro-Design zu entwickeln. Das war 1985, erzählt Martin Wiesmann, als er mit seinem Bruder durch die Essen Motor Show schlenderte. Zusammen ärgerten sie sich über stümperhaft zusammengeschraubte Sportwagen. Heute sind ihre Autos Liebhaberstücke, bei denen kraftstrotzende Aggregate von BMW unter der Haube stecken und über deren langgestrecktes Heck ein kleiner Gecko pickt, das Firmenlogo.

Die Wiesmann-Modellpalette ist überschaubar geblieben. Zu den schnittigen Wagen gehören der Roadster MF3 (Sechszylinder, 343 PS), der GT4 (Achtzylinder, 367 PS) und der GT5 (Zehnzylinder, 507 PS, Spitze 310 km/h), der sich von 0 auf 100 km/h in 3,9 Sekunden beschleunigt, nahezu katapultiert. Dabei klebt die Fahrmaschine förmlich auf der Straße – genau wie ein Gecko an der Mauer.

Gut 100 Mitarbeiter werkeln in der lichten Produktionshalle und den vollverglasten Büros. Dreher, Schweißer, Elektroniker und Sattler benötigen durchschnittlich 350 Stunden, bis ein Wiesmann fertiggestellt ist. Rahmen, Tanks, Auspuffanlagen und Karosserie – alles wird in Dülmen hergestellt, be- und weiterverarbeitet. Die Wiesmanns erfüllen fast jeden Gestaltungswunsch ihrer Kundschaft. Jeder lieferbare Lack wird aufgetragen, jedes beliebige Leder genäht, gern auch mit dekorativem Stich und passend zu Handtasche und Aktenkoffer. Die Klientel habe immer ausgefallenere Wünsche, bilanziert Martin Wiesmann. Polsterung, Teppichböden, selbst die Elektrik der Wagen wird passend zu der vom Kunden gewählten Ausstattung gefertigt. Bis heute soll es in der Unternehmensgeschichte noch nie zwei identische Kabelbäume gegeben haben. Eine Selbstverständlichkeit angesichts eines Basispreises von rund 100.000 Euro für den Roadster und 180.000 Euro für den GT5.

foto: wiesmann
1000 Sportwagen in fünfzehn Jahren bauten man bislang bei Wiesmann. Bis auf die Motoren wird alles von Hand gearbeitet.

1993 ging der erste serienreife Wiesmann-Roadster auf die Straße. Ein puristischer Sportwagen mit kleinem Kofferraum, langer Motorhaube, runder, abgeflachter Form und leistungsstarkem Motor. Seitdem werden exklusive Sportwagen nicht nur in Maranello (Ferrari) oder Zuffenhausen (Porsche) gebaut, sondern auch im kleinen münsterländischen Dülmen. 1000 Sportwagen in 15 Jahren. "2003 haben wir noch 50 Autos pro Jahr gebaut", das sei zu wenig gewesen, so Wiesmann. Ein neues Gebäude musste her, sagt der Mittvierziger stolz und verweist auf die gerade eröffnete Manufaktur. Hier soll die Jahresproduktion auf bis zu 250 Sportwagen hinaufgefahren werden. Die Hälfte ist für den Export bestimmt. Aus Wiesmann ist ein international operierendes Unternehmen geworden. In 19 Ländern ist man mit Vertriebs- und Servicestützpunkten vertreten. Das Geschäft brummt. Weltweit. Trotz Automobilkrise und Ozonloch.

Für verrückt hält die Brüder Wiesmann niemand mehr. Dass sie 1993 kein Marketingbudget hatten, glichen sie mit Bauernschläue aus. Denn wie macht man ohne Werbegeld die eigene Marke bekannt? Friedhelm Wiesmann parkte den selbstgebauten Boliden vor Nobelhotels und wartete auf Neugierige. Vor allem bei großen Tennisturnieren wurden Profis und Schickeria auf ihr Auto aufmerksam. Seither haben die Wiesmänner das Schneeballprinzip erfolgreich für sich arbeiten lassen.

Heute schwebt über der gläsernen Produktionshalle in Dülmen ein stilisierter, 150 Meter langer Gecko. Wie eine Zunge ragt aus dem gläsernen Maul eine Serpentine, auf der die Autos von der Manufaktur direkt in den Ausstellungsraum rollen. Wer will, kann einfach vorbeikommen und von der gläsernen Galerie den Mitarbeitern bei der Montage zuschauen. Der gesamte Entstehungsprozess eines Autos lässt sich so von der Entwicklung bis zur Auslieferung miterleben. (Michael Marek/DER STANDARD/Rondo/27.2.2009)

Informationen:
Wiesmann GmbH

> Hier geht's zum Interview mit Martin Wiesmann

  • Gut 100 Mitarbeiter werkeln in der lichten Produktionshalle und den vollverglasten Büros.
    foto: wiesmann

    Gut 100 Mitarbeiter werkeln in der lichten Produktionshalle und den vollverglasten Büros.

  • Dreher, Schweißer, Elektroniker und Sattler benötigen durchschnittlich 350 Stunden, bis ein Wiesmann fertiggestellt ist.
    foto: wiesmann

    Dreher, Schweißer, Elektroniker und Sattler benötigen durchschnittlich 350 Stunden, bis ein Wiesmann fertiggestellt ist.

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