Aufrecht verlieren

27. Februar 2009, 16:00
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Aber jetzt hat euer Kapitalismus auch versagt - Wir sind eben alle echte Verlierer

"Sollen wir nicht demonstrieren gehen?", fragte Yvonne. Zora ärgerte sich über die Naivität ihrer Freundin. "Und gegen wen willst du demonstrieren? Gegen Leute wie Leslie vielleicht, die diese Ostaktien gekauft hat? Gegen Hedgefonds oder Rating-Agenturen an sich? Oder gegen die Krise selbst? Willst du brüllen: 'Ich Yvonne, ich bin gegen die Krise!'"

Yvonne knallte ihren Aktenordner mit den Dinosaurier-Forschungen auf Zoras Oberschenkel. "Und was sollen wir sonst tun? Warten vielleicht, Frau Ohnmacht?" Zora, die schon seit zwei Monaten keinen neuen Schauspielauftrag bekommen hatte, sagte: "Ich habe eben angefangen zu sparen." Yvonne ließ ihre Stirn auf den Aluminiumtisch im "Holland" plumpsen. "Du, sparen?", gluckste sie. "Verwendest du jetzt weniger Trüffelöl? Oder trägst du jetzt zu Hause nur mehr Papierkleider? Seit wann bist du bereit, dich so anzupassen? Und gibt es jetzt keine großen Reden mehr über die sozialistische Selbstverwaltung?"

Die sozialistische Selbstverwaltung war ein kritischer Punkt bei Zora, der Bosnierin." Ja, okay, ich gebe es zu, zuerst haben wir versagt", sagte sie kleinlaut. "Aber jetzt hat euer Kapitalismus auch versagt. Wir sind eben alle echte Verlierer. Vielleicht sollten wir deshalb aufhören, überhaupt siegen zu wollen. Wir könnten ab jetzt einfach nur mehr entspannt verlieren."

Leslie, die bisher still dagesessen war, fand diese Idee exzellent. Gewinner waren ihr ohnehin zu anstrengend. Sie schnitt Buchstaben aus Stoff aus und nähte auf ihren Pullover die Worte: "Wir sind in der Krise, und wir können verlieren." (Adelheid Wölfl/Der Standard/rondo/27/02/2009)

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    Und gibt es jetzt keine großen Reden mehr über die sozialistische Selbstverwaltung?

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