Perspektiven vom schönen Berg

23. Februar 2009, 17:05
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Portugal im Internationalen Jahr der Astronomie: Ohne den Blick nach oben im Stern-Gebirge wären die Seefahrer Heinrich und Cabral nicht weit gekommen

Miguel Vaz hat einen ruhigen Arbeitstag. Wenn sich doch einmal jemand in das jüdische Museum verirrt, ist es für den 27-Jährigen eine willkommene Abwechslung. Gerne führt er dann Besucher durch modern eingerichtete Räume, die auch davon erzählen, wie nah das Meer dem portugiesischen Bergstädtchen Belmonte immer war.

Aufgeblättert werden hier wesentliche Kapitel der portugiesischen Seefahrt: Das Museum erhellt die Geschichte sephardischer Juden, die 1492 aus Spanien vertrieben wurden und sich jenseits der Grenze in Belmonte, Covilhã, Guarda und Trancoso in der Serra da Estrela niederließen. Und somit sind auch die Fortschritte sephardischer Wissenschafter ein Thema: in der Astronomie, der Kartografie und in der Mathematik. Sie trugen entscheidend dazu bei, dass Portugal mit seinen Eroberungen in Brasilien und Afrika zur Weltmacht im 16. Jahrhundert aufstieg.

Heinrich der Seefahrer wäre wohl ohne das Wissen aus Belmonte und den umliegenden Bergen nicht über die Kanaren hinausgekommen. Und Pedro Álvares Cabral hätte als Marineadmiral wohl kaum im Jahre 1500 das Land gefunden, das er dann dem portugiesischen König vermachte: Er gelangte damals nach Brasilien mit dem kartografischen Wissen seiner jüdischen Landsleute.

Der Arzt, Astronom und Entdecker José Vizinho aus Covilhã etwa - ein Schüler des sephardischen Astronomen Abraão Zacuto - bereiste ein paar Jahre zuvor für König Dom João II. die Küsten Afrikas, um neue nautische Erkenntnisse südlich des Äquators zu gewinnen. Daraufhin entwickelte er einen wesentlich verbesserten Winkelmesser, der als Vorläufer der später verwendeten Sextanten gilt.

An einer Wand dieses Museums hängt aber auch eine riesige Tafel mit 1175 Namen. Es sind die Namen derjenigen, die bei den Pogromen - beginnend mit dem 25. Mai 1536 - in Belmonte ihr Leben verloren. Auch Miguel Vaz' Vorfahren sind auf dieser Tafel verewigt, und auch nach dem Pogrom von 1536 folgten dunkle Zeiten für die Juden in Belmonte. Erst die Aufhebung der Inquisition im Jahr 1821 brachte eine gewisse Lockerung, doch die kryptojüdische Gemeinde lebte weiter im Verborgenen. Für die Juden Belmontes bedeutete das, in einer christlichen Kirche getauft oder vermählt zu werden und nur zu Hause hinter verschlossenen Türen die jüdischen Festtage begehen zu können. Besonders oft waren es die Frauen, die religiöse Traditionen im Dunkeln am Leben hielten.

Klandestines veröffentlicht

1917 entdeckte der polnische Ingenieur Samuel Schwartz das geheime Leben der Juden von Belmonte, schrieb alles in einem Buch auf und veröffentlichte es, doch bis zum Ende der 1980er-Jahre änderte sich nichts an den Zwängen des klandestinen Daseins. Erst 1989 wurde die jüdische Gemeinde in Belmonte offiziell gegründet, ein Jahr später eine improvisierte Synagoge eingerichtet, und dann im Jahr 1996 war die moderne Synagoge Bet Eliahu vom Architekten Neves Dias fertiggestellt. Im April 2005 folgte das Museum.

Miguel Vaz ist eines von 120 Mitgliedern der jüdischen Gemeinde Belmontes, die sich nur zum kleinen Teil nun auch wieder am Sabbat in der Synagoge trifft. Etwa um aus einer alten Thora-Rolle vorzulesen, die aus Deutschland kam. Seine Ansichten scheinen liberal, so hätte er jedenfalls nichts dagegen, wenn in der schönen, neuen Synagoge auch fotografiert würde. Nur die Frauen, die die gefährdeten Traditionen über die Jahrhunderte in Belmonte bewahrten, wird wohl auch er nach genau diesen Traditionen getrennt von den Männern oben sitzen lassen.

Das bislang einzige jüdische Museum Portugals befindet sich in einem alten Gemäuer inmitten der heimeligen Altstadt, die ihren mittelalterlichen Charakter gut bewahrte. Um einen Hügel wurde diese gebaut, und obenauf thront die Burg - gleich neben ihr eine kleine gotisch-romanische Kirche, auf der auch eine brasilianische Flagge gehisst ist. In einem Nebengebäude wurde schließlich die Gruft der Familie Cabral eingerichtet, die aus Belmonte stammt.

Unten in der Stadt erfährt man noch mehr von der ungewöhnlich reichen Geschichte einer abgelegenen Kleinstadt: José Zeca Afonso hat hier als Schullehrer unterrichtet. In Portugal ist dieser Verfasser und Sänger von Fado-Liedern mit Jazz-Einflüssen eine nationale Größe, denn am 25. April 1974 wurde kurz nach Mitternacht sein verbotenes Lied Grândola, Vila Morena im Radio gesendet. Dies war das vereinbarte Signal für eingeweihte Soldaten und Zivilisten des Movimento das Forças Armadas, sich gegen die Salazar-Diktatur zu erheben. Die Nelkenrevolution begann.

Wiederentdeckungsgebiet

Brasilien zu entdecken scheint in Belmonte übrigens noch immer ein Thema zu sein. In der Pousada von Belmonte werkt heute Chefkoch Valdir Dudek Lubave aus dem brasilianischen Curitiba und kredenzt den Hotelgästen experimentelle Speisen. Dass nun ein Brasilianer die portugiesische Küche bereichert und wahrscheinlich bald auch erobert, scheint gerade in Belmonte seiner Geschichte wegen gerecht. Aber der Chefkoch redet nur ungern über sein Essen, er wartet lieber geduldig auf den ersten Michelinstern. Koschere Weine aus Belmonte werden hier bereits wieder serviert, ob seine Köstlichkeiten dies auch sind, muss aber erst das Rabbinat entscheiden. Es gäbe dafür jedenfalls wieder gute Gründe in Belmonte. (Nicolas van Ryk/DER STANDARD/Printausgabe/21./22.2.2009)

  • Aus der Serra da Estrela, dem Stern-Gebirge, kommen wesentliche Kapitel portugiesischer Astronomie- und Seefahrtsgeschichte.
Das Museu Judaico de Belmonte und sein Studienzentrum ist täglich außer montags und feiertags von 9.30 bis 12.30 Uhr und von 14 bis 18.00 Uhr geöffnet: Rua da Portela 4, 6250 Belmonte, Tel.: +351-275-913505, Web: www.cm-belmonte.pt
In Belmonte finden sich versteckt auch wertvolle Relikte aus der Zeit der portugiesischen Entdeckungsfahrten: In einem Seitenschiff der Kirche Sagrada Família kann man noch die Statue Nossa Senhora da Esperança bewundern, die angeblich Pedro Álvares Cabral auf seiner Brasilien-Entdeckungsfahrt begleitete. Das Tourismusbüro gibt Infos für einen Rundgang. E-Mail: icepvie@icepvie.co.at
    foto: images of portugal/paulo megalhaes

    Aus der Serra da Estrela, dem Stern-Gebirge, kommen wesentliche Kapitel portugiesischer Astronomie- und Seefahrtsgeschichte.

    Das Museu Judaico de Belmonte und sein Studienzentrum ist täglich außer montags und feiertags von 9.30 bis 12.30 Uhr und von 14 bis 18.00 Uhr geöffnet: Rua da Portela 4, 6250 Belmonte, Tel.: +351-275-913505, Web: www.cm-belmonte.pt

    In Belmonte finden sich versteckt auch wertvolle Relikte aus der Zeit der portugiesischen Entdeckungsfahrten: In einem Seitenschiff der Kirche Sagrada Família kann man noch die Statue Nossa Senhora da Esperança bewundern, die angeblich Pedro Álvares Cabral auf seiner Brasilien-Entdeckungsfahrt begleitete. Das Tourismusbüro gibt Infos für einen Rundgang. E-Mail: icepvie@icepvie.co.at

  • Belmonte erreicht man am einfachsten über den Flughafen von Porto. Fly Niki fliegt diesen von Wien aus täglich über Palma de Mallorca an, überdies bestehen in der Hauptsaison (ab April bzw. Mai) auch zusätzliche Verbindungen aus den Bundesländern. In die Berge der Serra da Estrela ist man von Porto aus etwas mehr als zwei Stunden unterwegs, ein Mietwagen sollte pro Woche nicht mehr als 200 Euro kosten. Detaillierte Auskünfte über die Region erhält man auch beim portugiesischen Touristikzentrum: Opernring 1, Stiege R / 2. OG, 1010 Wien, Tel.: (01) 585 44 50, Fax: 585 44 45,
    grafik: der standard

    Belmonte erreicht man am einfachsten über den Flughafen von Porto. Fly Niki fliegt diesen von Wien aus täglich über Palma de Mallorca an, überdies bestehen in der Hauptsaison (ab April bzw. Mai) auch zusätzliche Verbindungen aus den Bundesländern. In die Berge der Serra da Estrela ist man von Porto aus etwas mehr als zwei Stunden unterwegs, ein Mietwagen sollte pro Woche nicht mehr als 200 Euro kosten. Detaillierte Auskünfte über die Region erhält man auch beim portugiesischen Touristikzentrum: Opernring 1, Stiege R / 2. OG, 1010 Wien, Tel.: (01) 585 44 50, Fax: 585 44 45,

  • Die Pousada Convento de Belmonte entstand aus den Ruinen des ehemaligen Klosters Nossa Senhora aus dem 13. Jahrhundert und liegt am Fuße des Monte da Esperança nur etwas außerhalb vom Stadtzentrum. Das Kirchenschiff ist noch erhalten und wurde zu einem Aufenthaltsraum umgebaut. Ein Aperitif im Altarraum ist vor dem Abendmahl im Restaurant besonders reizvoll. Das Hotel gehört zur Gruppe der Pousadas de Portugal (Webtipp unten), für 210 Euro wohnt man dort im Doppelzimmer mit Frühstück. Um den Monte da Esperança können herrliche Spaziergänge unternommen werden, etwa zum nahen römischen Centum-Celas-Turm.
    foto: pousadas portugal

    Die Pousada Convento de Belmonte entstand aus den Ruinen des ehemaligen Klosters Nossa Senhora aus dem 13. Jahrhundert und liegt am Fuße des Monte da Esperança nur etwas außerhalb vom Stadtzentrum. Das Kirchenschiff ist noch erhalten und wurde zu einem Aufenthaltsraum umgebaut. Ein Aperitif im Altarraum ist vor dem Abendmahl im Restaurant besonders reizvoll. Das Hotel gehört zur Gruppe der Pousadas de Portugal (Webtipp unten), für 210 Euro wohnt man dort im Doppelzimmer mit Frühstück. Um den Monte da Esperança können herrliche Spaziergänge unternommen werden, etwa zum nahen römischen Centum-Celas-Turm.

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