Fürchtet euch nicht!

21. Februar 2009, 16:00
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Die Schneckenplage kriecht auf uns zu - wie man sich rechtzeitig wenigstens ein bisschen wehrt, verrät Ute Woltron

An manch schönem Sommermorgen fühlt man sich, sobald man den Garten betritt, wie Moses. Wie Moses an den Ufern des Roten Meeres. Hoffnungslos und höheren Mächten ausgesetzt. Denn ein Meer von Schnecken liegt einem zu Füßen - in Form langsam, aber stetig anbrandender Wellen unzähliger nackter und sehr gefräßiger roter Schnecken.

Satanas! Seines Reiches und keines anderen müssen sie sein, diese Bestien! Die höllischen Heerscharen vernichten alles, wenn sie in Massen auftreten, was sie bedauerlicherweise aber eher öfter als selten zu tun pflegen. Wo am Abend zuvor der Gärtner noch in erwartungsvollem Entzücken vor dem frisch bepflanzten Salatbeet stand, auf den Sauzahn gestützt und nach getaner Arbeit in wohlgefällige Betrachtungen versunken, irrt nun das Auge in fahrigem Zickzack über die braune Krume. Denn die ist leer und kahlgefressen. Wer die Kraft aufbringt, genauer hinzuschauen, bemerkt gegebenenfalls noch winzig kleine grüne Pünktchen. Aus diesen Stummeln waren vor wenigen Stunden noch die Salatblätter gesprossen.

"Unser Krautgarten", seufzte H. C. Artmann, dem es offenbar gelegentlich ähnlich erging: "Schneckenglänzend liegt er im böhmischen Wind."

Na klar. Man kann sich der Angelegenheit auch mit Poesie und Sanftmut nähern und das Schöne auch noch in der widerlichsten Kreatur erblicken. Warum nicht? Doch da mir bis dato noch keiner erklären konnte, warum schon, zähle ich zu diesen nicht. Ich gehören zu jenen, die das Rote Meer teilen wollen.

Zwack - und Schluss

Denn wenig ist einfacher als das: Man besorge sich eine scharfe Gartenschere und opfere sie für die kommende Saison. Sie wird künftig einzig und allein dazu herhalten, die Schnecken zu ermorden. Zwack - und Schluss. Nennen Sie es Mord - ist mir komplett wurscht.

Mancherorts erreichen die Populationen der Roten oder der Spanischen Wegschnecke eine Dichte, die einen wirklich das Grauen lehren kann. Wo pro Quadratmeter fünf, sechs, sieben oder noch mehr Mollusken daherschleimen, darf man sich milde von seinem Gemüse verabschieden. Für die Nicht-Buddhisten unter den Gärtnern findet der Kampf gegen die Schnecken jedenfalls in den frühen Morgenstunden statt.

Am besten zwischen fünf und sechs Uhr, da ist die Ausbeute erfahrungsgemäß am höchsten. Erste Vorkehrungen gegen die heranwachsende Plage können aber auch bereits ab März getroffen werden, indem man, sobald die allerersten Schnecken gesichtet werden, prophylaktisch das einzige Schneckenkorn streut, das auch von Bio-Gärtnern geduldet wird. Es enthält kein Gift, sondern Eisenphosphat, wird im Boden rückstandsfrei zersetzt und erledigt tatsächlich nur die Schnecken.

Allerdings leider auch die Weinbergschnecken, und die fressen ihrerseits besonders gern die Gelege der nackten Kollegen. Das einzige Mittel gegen die Schneckeninvasion ist und bleibt das gezielte Ermorden derselben. Bis in den Hochsommer sollte man alles, was schleimig zwischen Salaten und Gurken herumkriecht, hinmeucheln. Denn später legen sie keine Eier mehr, die Ungetüme, und die kommende Saison verläuft friedlicher. Jedenfalls ein bisschen. Es sei denn, Sie haben Nachbarn, die ihre Nacktschnecken mit Schaufeln in Ihren Garten befördern. Soll auch vorkommen, aber da mischen wir uns lieber nicht ein. (Ute Woltron/Der Standard/rondo/20/02/2009)

Tipp

Schnecken mögen manche Pflanzen nicht, man kann also Bannkreise pflanzen aus: Kapuzinerkresse, Thymian, Ysop, Salbei, Senf. Na ja, man kann's ja probieren. Wenn gemulcht wird, dann mit Paradeiserblättern, Brennesseln, Farn, die mögen sie auch nicht. Des Weiteren überkriechen sie ungern Sand, Holzasche, Sägespäne und Gesteinsmehl. Natürliche Feinde zu fördern ist auch kein schlechter Ansatz, und die wären u. a. Igel, Kröten, Eidechsen, Laufkäfer, Weinbergschnecken. Und gegossen wird bitte prinzipiell nur am Morgen.

 

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    "Unser Krautgarten", seufzte H. C. Artmann, dem es offenbar gelegentlich ähnlich erging: "Schneckenglänzend liegt er im böhmischen Wind."

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