Oh, it's a Taschentuch

12. Februar 2009, 17:00
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Wer ein Tempo will, möchte eigentlich ein Taschentuch - Eine Marke, die für eine ganze Gattung steht, feiert ihren 80. Geburtstag

Leo Trotzki verließ am 29. Jänner 1929 seine Heimat in Richtung Türkei. Am selben Tag durfte sich Erich Maria Remarque über die ersten Exemplare seines Buches "Im Westen nichts Neues" in den Auslagen freuen. Außerdem war es an diesem Tag saukalt. Ob Trotzki und Remarque unter Schnupfen litten, lässt sich heute kaum sagen. Sicher aber ist: Dieser Tag veränderte die Zukunft der Rotznase wie kein anderer: Der Papierfabrikant Oskar Rosenfelder betrat zum nämlichen Datum das Reichspatentamt in Berlin und ließ unter der Nummer 407752 das Tempo, das Papierschnäuztuch aus reinem Zellstoff, eintragen.

Hätte Rosenfelder gewusst, dass 80 Jahre später allein in Österreich 5,5 Milliarden Taschentücher pro Jahr verputzt werden, er hätte wohl vor lauter Freudentränen ein "seidenweiches, saugfähiges und hygienisches" Tempo gezückt, wie sein Produkt schon bald in den ersten Anzeigen angepriesen wurde. Wer's mit den Milliarden nicht so hat: Das macht 66 Päckchen pro Nase.

Keine Zeit, keine Zeit

Slogans für sein Produkt hießen im Laufe der Jahrzehnte z. B. "Kein Waschen mehr" oder "Bazillen fahren Straßenbahn, ich schaff mir Tempo-Taschentücher an". Der eigentliche Clou allerdings - neben dem Argument des Hygiene-Gewinns - war die Namensgebung. Kaum ein Produkt schaffte es, mit seinem Namen derart für eine ganze Gattung zu stehen. Tixo oder Uhu wären da noch zwei so Dinge, die einem da gedanklich picken bleiben. Fabrikant Rosenfelder taufte sein Produkt in einer Zeit, in der man sich an den Gedanken, einen Gebrauchsgegenstand einfach wegzuwerfen, erst gewöhnen musste und die Welt in vielen Belangen begann, sich schneller zu drehen als je zuvor. Es herrschte soziale Not einerseits, die Sehnsucht nach Leichtigkeit und die ausgeflippten Roaring Twenties andererseits. "Keine Zeit, keine Zeit" hieß ein Schlager, den man in den 1920er-Jahren pfiff. Von seinem Produkt überzeugt, investierte Rosenfelder aus Angst vor Nachahmern zehn Prozent des Umsatzes in Werbung. Gefakte Tempo-Päckchen lassen sich heute sonder Zahl im Plagiarius-Museum in Solingen sehen.

Ob die Nase zur dauerniesenden Posaune wird, sich die Liebste vor Kummer die Augen ausweint oder dem Rotzbengel die Nase rinnt, es gilt eines: Her mit dem Ding - und zwar flott. Auch die formale Wandlung beim Gebrauch eines Taschentuchs ist eine schnelle Sache. Mit einem Nieser wird aus einem, im Prinzip formal ansprechenden, wenn auch äußerst reduzierten Ding, ein vollgerotztes Knäuel, das man ebenso schnell loswerden will, wie man es gerade noch begehrte.

Alternative Hemdsärmel

So wurde das Papiertaschentuch auch zum greifbaren Inbegriff der Wegwerfgesellschaft mit einem ganz speziellen Produktcharakter: Während man beim Mangel anderer Alltagshilfen mitunter über einen gewissen Zeitpolster bei deren Einsatz verfügt, bleibt beim fehlenden Taschentuch lediglich der Hemdsärmel. Und das angesichts der Tatsache, dass jeder Mensch während seines Lebens zwei bis drei Jahre mit einer Rotznase herumläuft. Durchschnittlich kommt man im Leben 200-mal in Sachen Schnupfen dran.

Österreichische Schwester

Oskar Rosenfelder dürfte von all den Statistiken noch nicht viel gewusst haben. Auch vom ganz großen Geschäft hatte er nichts mehr, nachdem er nach der Machtübernahme der Nazis emigrieren musste und alles verlor. Groß abkassieren durfte der Unternehmer Gustav Schickedanz, NSDAP-Mitglied, Quelle-Gründer und ab 1935 das Tempo bestimmend. Ab der Schnupfensaison Ende 1947 - die Produktion der Taschentücher war während des Krieges eingestellt worden - wurde in Tempos geschnäuzt wie nie zuvor. 1955 wurden mehr als eine Milliarde Taschentücher an die Nase gebracht, 1962 waren es vier Milliarden. 1994 kaufte der US-Konzern Procter & Gamble den Marktführer, der 2007 vom schwedischen Konzern SCA übernommen wurde. Zu diesem gehört neben Danke, Cosy und anderen auch Tempos österreichische Schwester namens Feh.

Hergestellt wird ein Papiertaschentuch aus Holzfasern, die gehäckselt und gekocht werden. Dieser Papierbrei wird getrocknet, zu Bahnen ausgerollt und geschnitten. Vier Lagen ergeben ein Taschentuch. So sorgt der Zellstoff von Nadelhölzern für Reißfestigkeit, jener von Laubhölzern beeinflusst die Saugfähigkeit. Durch die Beigabe von Eukalyptuszellstoff werden die Tücher zudem weich. So einfach die Produktion klingen mag, steckt doch einiges an Hirnschmalz in einem Produkt, das der Berliner mitunter Popelfahne nennt und dessen quadratische Form auf einen Erlass Ludwig XVI. zurückgeht. Angeblich drängte ihn Marie Antoinette dazu, dem Chaos aus runden und andersförmigen Taschentüchern ein Ende zu machen.

Seit 1975 gibt es Tempo in der sogenannten Z-Faltung, durch welche die Taschentücher mit einer Hand auch in Notlagen wie Naseputzen beim Autofahren entfaltbar sind. Zuvor wurden für einige Zeit flowerpowerbunte Tempos angeboten, die wollte aber keiner haben, man schnäuzt offensichtlich lieber ins Blütenweiß. Seit Herbst 1988 gibt es die Tempoverpackung wiederverschließbar, Softis hatte diesen Schmäh allerdings schon ein paar Jahre früher auf Lager. Auf Anfrage beim WWF ist zu erfahren, dass in einem 2006 durchgeführten WWF-Ranking die Umweltperformance von Europas führenden Hygienepapiereerzeugern beleuchtet wurde. SCA schnitt dabei am besten ab. Tempo gehörte damals allerdings noch zu Procter & Gamble, die bei diesem Ranking "doch sehr weit hinten landeten", wie man beim WWF meint.

Keim-Taifun und Goethe

Stellt sich noch die Frage, wozu manche Tüchlein nach Aloe, Kamille oder sonst was riechen müssen, ist doch die Schnupfennase froh, überhaupt Luft zu bekommen, wenn sie nicht gerade ein Hatschi mit bis zu 160 km/h aus der Nase trompetet. Letzteres macht einen vor allem in einer überfüllten U-Bahn-Garnitur zur Grippezeit bangen, wenn massenhaft Keim-Taifune durch den Waggon fegen und man seine gut 80 Quadratmeter Atemwegs-Schleimhaut als Landeplatz für über 200 Viren, die Schnupfen auslösen können, besonders schützen sollte.

In Goethes Erzählung "Wilhelm Meisters Wanderjahre" heißt es an einer Stelle: "Der Teufel hat uns bei der Nase!" Dass der Dichter nicht falschlag, zeigt sein eigener Abgang am 22. März 1832, jenem Tag, an dem er angeblich aufgrund der Folgen einer Erkältung das Zeitliche segnete. Einem Tag, an dem seine Landsleute noch fast hundert Jahre geduldig warten mussten, bis Rosenfelder endlich Tempo machte. (Michael Hausenblas/Der Standard/rondo/13/02/2009)

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    Tempo Anzeige aus den 20er-Jahren.

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