Ein bissi reden

13. Februar 2009, 09:57
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Manchmal erwischt man zufällig den richtigen Tonfall - Und dann bleibt man den ganzen Tag in dieser guten Stimmung

"Und was wollen Sie?" Der Assistenzarzt sah so aus, als wollte er heute nicht mehr unbedingt arbeiten. Er lehnte seinen Oberkörper an die Tür, sodass sich Leslie sicher war, dass er sie niemals hineinlassen würde. Hinter dem Assistenzarzt blitzte aber verheißungsvoll eine Ordination, mit einem weißen Vorhang und weißen Kacheln und weißen Maschinen und weichen Wattetupfern und Laden mit tausend kleinen Wichtigkeiten, Spritzen und Schläuchen. Leslie wollte schon unter der Achsel des Arztes durchschlüpfen. Sie mochte Ambulanzen, sie wäre ja selbst gerne Ärztin geworden.

"Was ich will?" Sie schaute dem Typen fest in die Augen: "Können wir ein bissi reden?", fragte sie ihn. "Ah ja, alles klar. Sie meinen also, wir sollten einfach ein bissi reden", sagte er, und sein Gesicht löste sich in einem Grinsen auf. Leslie nutzte diese Sekunde der Ablenkung und tauchte unter seinem Arm durch in sein Zimmer. Er lief ihr nach. "Und über was sollten wir dann dieses bisschen reden?" Er sperrte ihr den Weg mit seinem Drehsessel ab. "Gürtelrose zum Beispiel?", schlug sie vor und starrte auf seine Pipetten und Pinzetten. "Ein gutes Thema", meinte er. "Sie brauchen dafür aber einen Termin, heutzutage geht ja nichts mehr ohne so einen Termin." Leslie fand die Idee gar nicht schlecht. "Wäre das dann so ein richtiger Termin, bei dem man dann gar nicht warten muss, sondern gleich losreden kann?" Er lachte: "Ja, aber nur ein bissi."

Später sagte Leslie zu Yvonne: "Manchmal erwischt man zufällig den richtigen Tonfall. Und dann bleibt man den ganzen Tag in dieser guten Stimmung. Wahrscheinlich ist der richtige Tonfall das Glück." (Adelheid Wölfl/Der Standard/rondo/13/02/2009)

  • "Und über was sollten wir dann dieses bisschen reden?"
    foto: robert newald

    "Und über was sollten wir dann dieses bisschen reden?"

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