Naturdünger, flüssig ...

9. Februar 2009, 09:48
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Bambus aus Samen zu ziehen ist schwierig, mancher bewältigt die Übung aber mit erstaunlichen Tricks, meint Ute Woltron

Wir müssen uns der heutigen Geschichte mit Behutsamkeit nähern. Wir können nicht, wie irgendwelche Filmfuzzis, lässig im Abspann schreiben, "Die handelnden Personen sind frei erfunden, und Ähnlichkeiten mit tatsächlich unter uns wandelnden Menschen, Ihrem Nachbarn zum Beispiel, beruhen auf reinem Zufall", oder so ähnlich.

Nein, das können wir nicht, denn dann würden wir lügen. Aber alles ist wahr, und der Mann, der im Zentrum des hier beschriebenen gärtnerischen Geschehens steht, muss anonym bleiben. Denn im Zweitleben geht er seriösen Geschäften nach, kennt Gott und die Welt und - ehrlich - niemand würde ihm hinter Krawatte und Nadelstreif ansehen, dass er sich, wenn es dunkelt und die Last der Fron getan ist, heimlich daheim folgendem Hobby hingibt. Er züchtet Bambus. Ha, mögen Sie, geschätzte Leserinnen und Leser, nun gehässig aufschreien, was ist denn da schon dabei! Bambus wuchert ja überall auf dem schönen Erdenrund, und mit Ausnahme Europas und der Antarktis ist er allerorten heimisch. Kann doch nicht so schwierig sein, das Bambuszüchten.

Doch gemach, gemach. Herr XY, wie wir ihn sicherheitshalber verschlüsseln mögen, züchtet Bambus aus Samen, und das ist durchaus mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden, wie jeder weiß, der's schon probiert hat.

22 Meter hohe Haine

Der Bambus blüht je nach Art alle zwölf bis 120 Jahre. Damit verabschiedet sich der Gute dann auch, denn mit der Blüte und der daraus folgenden Samenbildung erschöpft er sich gewöhnlich so dermaßen, dass er das Zeitliche segnet.

Diese Samen, die er zuvor in reichlichen Mengen um sich und in den Wind wirft, sind meist nicht sehr lange keimfähig. Sie brauchen daher entweder ausgedehnte natürliche Reservate, auf die sie gleich niedersinken und auf denen sie ihr ungeheuerliches Wachstum beginnen können. Im Falle eines bestimmten indischen Bambusgiganten geht selbiges im Übrigen so rasant vonstatten, dass binnen Monatsfrist 22 Meter hohe Haine entstehen, aber die haben ja auch wirklich ein anderes Klima dort drüben, die Glücklichen.

Oder - um wieder zur Sache zurückzukehren - die Samen bedürfen talentierter Bambuszüchter wie Herrn XY. Der stöbert das Saatgut via Internet auf der ganzen Welt auf. In künstlichen Biotopen, sprich in Anzuchtschalen, ist das Bambuskeimlingeerzeugen vergleichsweise schwierig. Man braucht das rechte Substrat und gleichbleibende Feuchtigkeit. Niemals darf es zum Beispiel zum Austrocken kommen, aber wenn's zu nass ist, fault und schimmelt die Angelegenheit wiederum so schnell, wie man Dendrocalamus brandisii sagen kann - was übrigens die höchste, weil bis knapp 40 Meter Höhe wachsende Bambusart bezeichnet. Des Weiteren müssen Temperatur (warm) und Luftfeuchtigkeit (hoch) passen. Gegebenenfalls schaden ein paar täglich bis stündlich über die Schalen gehauchte Mantras auch nichts.

Herr XY benötigt derlei nicht. Er tut - und jetzt kommt's endlich - Folgendes: Er füllt Anzuchtschalen mit Katzenstreu. Ja. Katzenstreu. Er verteilt die Bambussamen darüber. Er - nun ja - macht über die gesamte Angelegenheit zum Abschluss Lulu und bedeckt sie dann mit Folie. Dann tut er nichts mehr außer warten und gelegentlich ein bisschen nachgießen. Mit Wasser natürlich. Der Erfolg gibt ihm recht. Die Wege des Herrn, sie sind wahrlich unergründlich. (Ute Woltron/Der Standard/rondo/06/02/2009)

 

  • Der Bambus blüht je nach Art alle zwölf bis 120 Jahre.
    foto: robert newald

    Der Bambus blüht je nach Art alle zwölf bis 120 Jahre.

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