Abschalten am Strom

6. Februar 2009, 17:07
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Den Nil mit einer Dahabiya zu bereisen hat viel vom "Tod auf dem Nil". Michael Hausenblas war bei der Jungfernfahrt der "Judi" an Bord

"Judi" ist ein hölzernes Prachtstück und gehört zur Schiffsfamilie der Dahabiyas. Im Vergleich zu den bis zu 300 schwimmenden Plattenbauten, die Touristen täglich über den Nil schippern, wirkt das 47 Meter lange und sieben Meter breite segelnde Hausboot wie das Wüstenzelt eines Kalifen. Cleopatra bereiste den Nil auf dieser Art Schiff ebenso wie der ehemalige Präsident Anwar al-Sadat. Nobelpreisträger Nagib Machfus schreibt über die Schiffe, deren Bezeichnung so viel wie "Goldenes Boot" bedeutet, in seinem Roman "Hausboot am Nil". Heute schwimmen nur mehr zehn Dahabiyas auf dem Nil, Tendenz allerdings steigend.

Noch liegt die "Judi" an diesem frühen Morgen von Ra angeblinzelt eingepfercht zwischen den Nil-Dampfern am Ufer von Assuan, dort wo Afrika so richtig loslegt. Wenig später beobachtet ein Reiher das Ablegemanöver der neunköpfigen Crew, deren Mitglieder in ihren kittelartigen Galabiyyas nervös am Vorschiff umherspringen. Man sieht vom Oberdeck darüber hinweg, geht's hier doch um die Jungfernfahrt des frisch aus der Werft gelieferten Schiffes. In seiner Erscheinung wirkt es, als hätte schon Agatha Christie ihren Gin auf "Judis" Oberdeck gesüffelt und dabei literarische Mordpläne geschmiedet. Der weiße Vogel nimmt das arabische Gezeter gelassen. Wie tiefgefroren steht er auf einem steckenartigen Bein. Sein schlauchartiger Hals wirft einen dunklen Schatten auf das Grün des Nils.

David Niven fehlt

Die "Judi" - ihr Name bedeutet "die Großzügige" - ist ein Stück bester Hausbootarchitektur. Die acht Doppelkabinen und die Suite im Hinterteil halten mit viel Komfort ein, was das Deck verspricht. Orientalische Ornamente hier und dort, stilvoll gepolsterte Knotz-Ecken, Windfänge aus sandfarbenen Stoffen, dunkles Holz, Liegestühle in Reih und Glied und natürlich eine Bar, an der beim Sundowner lediglich David Niven im weißen Leinenanzug fehlt. Apropos Bar, an Rebsorten unterscheidet man an Bord der "Judi" Rot und Weiß, was die Sache einfach und im Abgang keineswegs ungut macht. Im Salon gibt's Satelliten-TV und DVD-Player, wobei man auf die Anschaffung von "Tod auf dem Nil", wohl im Hinblick auf unbesorgte Nachtruhe, verzichtete.

Jeder, der auf exklusives Reisen mit einem doppelten Schuss Nostalgie im Kolonialstil abfährt, wird auf diesem segelnden Hausboot strahlen wie "Judis" frisch polierte Messingbeschläge. Das Schiff auf einen exklusiven Tummelplatz für Nostalgiker zu reduzieren hieße aber, "Judi" Unrecht zu tun. So wie ihre kleine Schwester "Amoura" ("die Schöne"), auf der man sieben Kabinen zählt, ist sie vor allem eines: Beruhigungsmittel und Transporter in eine andere Welt.

Als die Leinen der "Judi" los sind, saugt der Nil das Schiff in seinen gemächlichen Strom. Nichts ist von seiner Kraft zu sehen, nur erahnen lässt sich die Power des berühmtesten Flusses der Welt. Für 160 Kilometer nimmt das Schiff als schwimmender Zaungast an seiner Reise teil, die der Nil auf bedächtig wirkende Weise weiterführt, nachdem er sich nicht weit von hier durch den Staudamm von Assuan gedrückt hat. Apropos: Wen vor der Anreise per Flugzeug in Sachen ökologischer Fußabdruck der Schuh drückt, kann, je nach Wind und Wetter, aufatmen. "Judi" verfügt über keinen Motor. Sie lässt sich am liebsten per Segel über den Nil schieben. Herrscht allerdings Flaute, wird "Judi" von einem kleinen Schlepper gezogen.

Kaum spürbar ist die Bewegung des Stroms, die ihn 920 Kilometer flussabwärts am 20-Millionen-Moloch Kairo vorbei und schließlich bis ins Mittelmeer führen wird. Das gefaltete Papierschiffchen, das ein Mitreisender aufs Wasser setzt, wird erst dann dort ankommen, wenn die Erinnerungen der Passagiere an diese Reise bereits zart verblassen. Bei seiner Mündung ins Mittelmeer hat der Nil 6672 Kilometer Afrika hinter sich und bettete sich in zehn Staaten.

Esel im Schweinsgalopp

Es ist eine besondere Form des Müßiggangs, ein süß einlullendes Nichts, das schon nach kurzer Zeit seine Arme nach dem Passagier ausstreckt. Am Ufer ziehen Schilfbündel vorbei. Ihre feinbuschigen Kronen wiegen sich im Wind und scheinen einem zuzuwinken. Hie und da reitet ein Hosenmatz im Schweinsgalopp auf einem Esel das Flussufer entlang, das streckenweise pure Wüste ist, ehe es sich in saftige grüne Palmen- und Dattelhaine verwandelt. Dort ein verlorenes Kamel, da ein paar Nubierinnen, die ihre Wäsche am Ufer auswringen, während die Dahabiya schwer und ruhig durch den Nil pflügt, als wäre dieser ein flauschiger Teppich.

Bald vergessen ist die Verkehrshölle Kairos, in der man sich noch vor einigen Stunden dachte, Neapel sei im Vergleich zu diesem Wahnsinn der Verkehrsübungsplatz eines Automobilklubs.

Der Fluss spielt immer die Hauptrolle. Die Ufer sind lediglich Kulisse. Man könnte auch sagen, der Nil ist der Filmstreifen, seine Ufer sind die dazugehörige Perforation. Der Zeitbegriff löst sich aus seinem gewohnten Umfeld, der Uhr. Der Fluss bestimmt auch ihn.

Zeuge dafür, dass die Zeit hier überhaupt vergeht, ist dann, 65 Kilometer von Assuan entfernt, der Tempel von Kom Ombo, auf dessen Höhe die "Judi" Rast macht. Das Heiligtum ist dem Krokodilgott Sobek und Isis' Sohn Horus geweiht und thront trutzig auf einer Anhöhe über dem Nil. In der Abendsonne gleicht die Farbe seines Steins dem Fell eines Löwen. Einst sollen sich hier hunderte von Krokodilen zur Paarung zusammengefunden haben. Heute ist für Krokos am Assuan-Staudamm Schluss mit Nil. Schade, sieht man vom Programmpunkt Barbecue-Abend auf einer Nilinsel ab. Immerhin können im Tempel von Kom Ombo zwei mumifizierte Exemplare bestaunt werden.

In einer solchen Krokodilmumie aus Kom Ombo fand einst ein Bauer Papyrusrollen. Schnaubend vor Wut, beim Grabraub lediglich auf ein schrumpeliges Krokodil gestoßen zu sein, warf er einen Stein auf das konservierte Tier. Durch diesen Kraftakt kamen angeblich die im Bauch des Krokos versteckten Papyrusschätze zum Vorschein. Und genau diese lagern heute, so der Reiseleiter, in der Österreichischen Nationalbibliothek.

Die Tränen der Iris

Der Nil ist im Schnitt fünf Meter tief, an seiner tiefsten Stelle, beim ersten Katarakt nahe Assuan, befindet sich mit 28 Metern seine tiefste Stelle. Der Mann, der die Faszination Nil zwar nicht erklären kann, aber doch deren Fährtenleser ist, heißt Rushdy Nil, ist Kunsthistoriker aus Kairo und Mitreisender auf "Judis" erster Ausfahrt. Er weiß vom "Nilrausch" der Cleopatra zu berichten, auch von ihrer nicht bewiesenen, aber wahrscheinlichen Turtelreise mit Julius Cäsar. Er kennt auch die Geschichte, der Nil sei aus den Tränen der Isis entstanden, nachdem ihr Gatte Osiris vom bösen Seth in Stücke gehauen worden war. In der Dämmerstunde, wenn der nubische Matrose am Vorschiff sein Gebet verrichtet und man weiß, wo Mekka liegt, hat es die Ruhe so weit gebracht, dass man dazu neigt, seinen Puls zu fühlen. Der Nil bringt spätestens jetzt Frieden, Entspannung, und der besonders romantisch Veranlagte wähnt sich gar von den Tränen der Isis hypnotisiert. Am Himmel steht zu dieser Stunde nur ein einziger Stern. Eine Stunde später werden die funkelnden Punkte unzählbar sein.

Am nächsten Morgen hat die Sonne zu kämpfen. Ein nächtlicher Sandsturm würzte die Luft mit feinen Staubkörnern, eine Art Nebel, den Ra nicht vertreiben kann. Nur leicht zu vergolden weiß der Sonnengott den Schleier, der das Ufer einhüllt. Seine gelbe Scheibe wärmt wie ein Heizstrahler durch die Dunstwand. Der Nil tauschte über Nacht sein Grün gegen ein bläuliches Schwarz, und der Wind zeichnet eine Art Netz auf die Oberfläche der Wellen. Es erinnert an die Struktur einer Schlangenhaut, vielleicht jene der Apophis-Schlange, des größten Feinds des Sonnengottes. (Michael Hausenblas/DER STANDARD/Rondo/06.02.2009)

Anreise & Unterkunft

Zu buchen gibt's achttägige Arrangements (fünf Übernachtungen auf dem Schiff) im Rahmen verschiedener Zusatzprogramme, u. a. in Kairo oder Luxor. Die Reise des Veranstalters Botros Tours ist bei allen Verkehrsbüros oder Ruefa-Reisbüros unter der Service-Line 0810200 400 oder auf www.ruefa.at zu buchen. Die zwei Dahabiyas können auch für Kleingruppen gechartert werden. Egyptair fliegt täglich ab/bis Wien sowie ab/bis München nach Kairo.

  • Bereits Cheops, Cleopatra und viel später auch Sadat bereisten den Nil
mit einem Schiff in der Art der Dahabiya. Diese hier ist nigelnagelneu
und heißt "Judi".
    foto: botros tours

    Bereits Cheops, Cleopatra und viel später auch Sadat bereisten den Nil mit einem Schiff in der Art der Dahabiya. Diese hier ist nigelnagelneu und heißt "Judi".

  • Service an Bord.
    foto: botros tours

    Service an Bord.

  • Die Zimmer.
    foto: botros tours

    Die Zimmer.

  • Von hier aus lässt sich der Ausblick wunderbar genießen.
    foto: botros tours

    Von hier aus lässt sich der Ausblick wunderbar genießen.

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