Warm halten für bessere Tage

5. Februar 2009, 17:00
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Mit Krisen hat die Mode schon viele Erfahrungen gemacht - Manchmal steckt sie den Kopf in den Sand, meistens lässt sie sich etwas einfallen

Einschränkungen müssen nicht zwangsläufig schlecht aussehen. Als im London des Jahres 1942 Kleidung genauso wie Essen nur mehr auf Marken zu haben war, organisierte die englische Handelskammer einen Schulterschluss der besten Designer des Landes. Sie entwarfen eine Ganzjahresgarderobe, bestehend aus einem Mantel, einem Anzug (samt Hemd oder Bluse) und einem Kleid. In der Vogue wurde sie ansprechend in Szene gesetzt, die Hersteller bekamen die Schnittpläne.

Die Kollektion wurde ein Riesenerfolg: Die Silhouette war schmal und tailliert gehalten, die Schultern und die Hüfte wurden betont. Die geraden Röcke endeten kurz unter den Knien. Helle, kontrastreiche Farben lockerten die einfachen Schnitte auf.

Es klingt wie eine Pointe der Geschichte: Eine simple, aber elegante Designerkollektion definierte den Stil einer von Entbehrungen gezeichneten Zeit. Modedesign bedeutete plötzlich die bestmöglichen Form zum bestmöglichen Preis. Eine Definition, die der Branche in prosperierenden Zeiten oft abhanden kommt. In Zeiten des Abschwungs besinnt sie sich erstaunlich schnell darauf.

Basics am Laufsteg

Wer etwa in den vergangenen Wochen in den Modemetropolen die neuen Herrenkollektionen begutachten konnte, der kam aus dem Staunen nicht heraus: Als hätten sich die Designer abgesprochen, dominierten sogenannte Basics die Laufstege, sprich der gut geschnittene Anzug, der wärmende Mantel, der dicke Pulli, die lange Unterhose. Oder wie es der nicht gerade für seine schöpferische Zurückhaltung bekannte John Galliano ausdrückte: "Wenn man in einen Hurrikan gerät, sollte man mit beiden Beinen auf dem Boden bleiben. Ansonsten trägt er einen davon." Keine Frage: Krisenmode ist Standardmode. Die Auswucherungen der tendenziell übermütigen Mode werden korrigiert, die Verwischungen der Geschlechtergrenzen wieder zurückgenommen. Am deutlichsten war das in den Dreißigerjahren.

Als am 24. Oktober 1929 die Börse krachte und damit eine Zeit großer wirtschaftlicher Depression einläutete, änderte sich mit einem Schlag auch die Mode. Der androgyne Look der Zwanziger war passé, der Markt verlangte wieder nach Kleidern, die die Attribute der Weiblichkeit unterstrichen. Mit Gürteln betonte man die Taille, die Röcke bekamen wieder Falten und reichten bis etwa 35 Zentimeter über den Boden.

Die Theorie, dass in Zeiten wirtschaftlichen Niedergangs auch die Rocksäume fallen, begründet sich genau darauf: Im Herbst 1929 fielen die Säume dramatisch. Wobei Insider das eher auf eine Mode des Designers Patou zurückführen als auf den Börsenkrach. Schließlich wurden die Kollektionen schon Wochen vor dem Crash entworfen.

Krise erzeugt neue Volumen

Wie auch immer: Die Tendenz, weniger Haut zu zeigen, ist in allen Krisenzeiten zu beobachten. Auch jetzt. Vielleicht ist das Spiel mit Volumen, das wir in der Mode seit einigen Saisonen erleben, ein Vorbote der jüngsten Entwicklungen. Die jetzt in Mailand und Paris gezeigten Männerkollektionen ließen an hohen Krägen, übereinandergeschichteten Lagen und riesigen Mänteln jedenfalls nichts zu wünschen übrig. In einigen Wochen, wenn die Designer auch ihre Damenentwürfe für kommenden Herbst zeigen werden, wird diese Entwicklung weitergetrieben werden - oder aber die Modemacher nehmen einen anderen, bereits in der Vergangenheit häufig erprobten Weg.

In den Dreißigerjahren drapierten und falteten die Designer mit Vorliebe Seide oder Jersey zu langen fließenden Gewändern. Die altrömischen Tuniken hatten in ihnen ein neoklassizistisches Feuer entfacht. In der Wirtschaftskrise Mitte der Siebziger waren dagegen die bedruckten viktorianischen Gewänder einer Laura Ashley besonders beliebt. Krisenmode als Nostalgiehort sozusagen. Wer aus der Gegenwart fliehen will, suchte sich eine Welt aus Rüschen und Spitzen.

Oder nur aus Spitzen: Gesellschaftlichen Verwerfungen hat die Mode des Öfteren mit stilistischen Verwerfungen geantwortet. Die Bewegung des Punk ist aus den desolaten sozialen Bedingungen im England Mitte der Siebziger entstanden. Die Heftklammern, mit denen die T-Shirts der Punks zusammengehalten wurden oder die in ihren Nasen steckten, hatten sie wahrscheinlich aus den Nähutensilien ihrer Eltern geklaut. Diese reagierten auf die Wirtschaftskrise, indem sie ihre Anziehsachen selbst schneiderten.

Das ist natürlich der praktikabelste Weg. Heute taugt er nicht mehr wirklich. Drucken Lifestylemagazine dieser Tage Schnittpläne zum Selberschneidern ab, dann ist das ein lustiger Gag zur derzeitigen Krise.

Verwenden wird sie kaum jemand, schlichtweg, weil heute kaum jemand mehr weiß, wie man sich ein Kleid selbst schneidert. Wir sind auf die Designer angewiesen. Und denen fällt hoffentlich bald etwas Vernünftiges ein. (Stephan Hilpold/Der Standard/rondo/06/02/2009)

  • Weltwirtschaftskrise, Kriegsjahre, Ölschock oder Finanzkrise:
    foto: gina müller

    Weltwirtschaftskrise, Kriegsjahre, Ölschock oder Finanzkrise:

  • Wie ein Seismograf reagiert die Mode auf gesellschaftliche Veränderungen.
    foto: gina müller

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