Seele wohnt!

30. Jänner 2009, 16:00
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Das Kunstmuseum Wolfsburg zeigt Wohnen als und mit Kunst - Cocooning scheint nie zu schaden

Wo genau die Seele jetzt wirklich sitzt, kann immer noch keiner mit Sicherheit sagen. Jedenfalls aber wird sie im Inneren unserer Körper vermutet. Und: Auch sie hat Hunger. Den zu stillen, reichen die Grundnahrungsmittel bei weitem nicht aus, und also wird nun auch schon wieder mehrere tausend Jahre lang versucht, der Seele Appetit vermittels anständiger Behausung zu stillen.

Körperliche Ertüchtigung reicht da bei weitem nicht, zumal die Möglichkeiten, den Corpus selbst umzubauen, erst in den letzten Jahrzehnten entscheidende Erweiterungen erfuhren. Wie und wo aber man den Leib bettet, ihn in der privaten, der eigentlichen Sphäre unterbringt, lässt sich, sofern die Ökonomie mitspielt, relativ leicht beeinflussen. Und so wurde "Schöner Wohnen" zum Lebensinhalt. Der Hunger der Seele äußert sich als unbestimmte Sehnsucht. Der Glaube, sie mit bestimmten Objekten stillen oder zumindest mildern zu können, hält sich bis heute. Unverdrossen wird an Kokons gebastelt, wird angedacht, ausprobiert, verworfen und rhythmisch wiederaufgenommen, was an Einrichtung die Ausrichtung hin zum Glück bestimmen soll.

Unendlicher Innenraum des Kosmos

Sehnsuchtsgemäß in der Romantik beginnt im Kunstmuseum Wolfsburg ein Parcours durch epochale Wohnlandschaften, lässt sich die zutiefst menschliche Tendenz zu Cocooning vom Biedermeier aufwärts bis hin zu Verner Pantons Wohnhöhle "Visiona 2" von 1970 nacherleben.

Den ersten Blick in die Zukunft der Wohnlandschaft riskiert in Wolfsburg Caspar David Friedrich: Er schaut 1816, erfüllt vom Wunsch, sich "im unendlichen Innenraum des Kosmos" heimisch zu machen, in eine böhmische Landschaft. Für das tägliche Leben ist die böhmische Masse dann doch zu feucht und kalt und unwirtlich, und also bleibt nur: einsperren. Herr und Frau Biedermeier haben das ästhetisch recht niveauvoll hinbekommen, haben Möbel-, Stoff- und Spucknapfdesigns eingeleitet, deren formale Strenge bisweilen einen Loos von hinten aufzurollen vermögen.

Ideologisch war's eher streng: Musik war Hausmusik, die Damenwelt hatte der Handarbeit nachzuhängen, und der Nachwuchs wurde streng räumlich getrennt von der bösen Revolution im Draußen aufgezogen. Was unweigerlich dazu führen musste, dass in der Folge diverse Effi Briests den allgegenwärtigen Spuk in den hinterpommerschen Landhäusern nicht mehr ertragen konnten und sich daher zu gleichen Teilen in äußere Affären und innere Immigration stürzten. Und also fand nicht nur Edvard Munch Henrik Ibsens Gespenster auf der Chaiselongue zu Hause vor, sondern konnte auch Sigmund Freud indirekt einiges zur Klärung des Möbels und seiner Beziehung zum Unbewussten beitragen.

Selbstversuche

Dem folgte jedenfalls die klassische Moderne: Oskar Schlemmer und Fernand Léger erdachten prototypische Leiber mit der Fähigkeit, sich auch in Marcel-Breuer-Stühlen geborgen zu fühlen; und Piet Mondrian ging gleich so weit, seine kantige Bildsprache als Wohnraum anzubieten. Eine 1:1-Rekonstruktion seines Pariser Ateliers belegt in Wolfsburg zumindest den Selbstversuch in strengem De Stijl. Dem musste zwangsläufig eine Sexualisierung folgen. Der Wirtschaftswundernierentisch hat es vorweggenommen: Die Behältnisse für die Seele müssen ab und zu auch den Bedürfnissen wesentlicher Organe entgegenkommen. Was zum einen allerhand amorphe Kopulationshaine, mitschwingende Kugelmöbel und ferngesteuerte Lichtdimmer mit sich brachte, zum anderen aber auch gleich superkritische Bestandsaufnahmen der Geschlechterrollen im lichtdurchfluteten Hollywood-Hills-Produzenten-Haushalt. (Wer saugt Staub, und wer ist für den Vietnamkrieg verantwortlich, und welches Gattinnenstyling passt jetzt wieder zu welcher Flachbauweise?)

Umgekehrt hat Eric Fischl mit dem "Sunroom" seines "Krefeld Projekts" eindeutig nachgewiesen, dass der Durchschnittshausherr sich physiognomisch gesehen mit keinem einzigen Mies-van-der-Rohe-Pavillon verträgt. Bleibt: körperliche Ertüchtigung durch modernes Nomadentum. Andrea Zittels "Cellular Compartment Units" bieten dafür genug ästhetisch hochwertiges und in jeder Hinsicht seinen Träger als so sozial- wie ökonomisch bewusst ausweisendes Material zum Mit-sich-Herumschleppen. (Markus Mittringer/Der Standard/rondo/30/01/2009)

 

"Interieur/Exterieur. Wohnen in der Kunst" - Vom Interieurbild der Romantik zum Wohndesign der Zukunft. Bis 13. April 2009.

Kunstmuseum Wolfsburg, Hollerplatz 1, D-38440 Wolfsburg
www.kunstmuseum-wolfsburg.de

  • Stilvoll wohnen hat seinen Preis: Oft hilft nur Stillhalten am Weg zum Seelenheil.   Case Study House No. 21 (Los Angeles, Calif.), 1958 Pierre Koenig und Julius Shulman
    foto: case study house no. 21 (los angeles, calif.), 1958 pierre koenig und julius shulman/kunstmuseum wolsburg

    Stilvoll wohnen hat seinen Preis: Oft hilft nur Stillhalten am Weg zum Seelenheil.
    Case Study House No. 21 (Los Angeles, Calif.), 1958 Pierre Koenig und Julius Shulman

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