Juckt und schmückt

3. Februar 2009, 15:28
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Steht die Renaissance des Schnurrbarts bevor? Wer sich Stars wie Brad Pitt, George Clooney oder Jude Law anschaut, wird jetzt heftig nicken

In Paris bemüht sich derweil der "Moustache Club" um ein Revival des Barthaars.

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Letztens war es wieder so weit. Männer von Australien bis Kanada, in Irland und Spanien feierten den "Movember" - und ließen sich einen Monat lang einen Bart stehen. Büros machten geschlossen mit, und das, obwohl der Balken unter der Nase nicht gerade als karrierefördernd gilt. Und kitzelt. Der Name der Aktion: eine Melange aus November, dem Aktionsmonat, und "Mo", der englischen Kurzform für "Moustache", Schnurrbart.

Wozu der Spuk? Der Massenhaarwuchs diente dazu, das starke Geschlecht auf seine oft vernachlässigte Gesundheit aufmerksam zu machen. Die Kurzzeitbärtigen sammeln Geld für Gesundheitsorganisationen - in Australien, dem Erfinderland des Movember, kamen so seit 2004 umgerechnet zwölf Millionen Euro zusammen.

Paris, vergangene Woche, Männermodeschauen: Bei Gaultier ließ sich der eine oder andere Flaum über der Oberlippe sehen, und überhaupt war dies der richtige Ort, um die Wiederkehr der "Gesichtsbürste" zu studieren - der Hipster unter den Parisern trägt neuerdings Bärtchen. Was nicht daran liegen muss, dass Brad Pitt, Jude Law, Jonathan Rhys Meyer oder George Clooney ihre glattrasierten Glamourvisagen jüngst mit Schnurrbärten ver(un)zierten. Das taten sie sowieso nur gegen Geld: Clooney warb mit Clark Gable-Bart für Martini, Law ließ es sprießen, weil er Doctor Watson darstellt - und auch Pitt brauchte den Lippenpelz, um in Quentin Tarantinos "Inglorious Bastards" glaubhafter zu wirken. In gewissen Kreisen gilt eben: Ein Schnauzer macht verdächtig.

Akzeptanz des Schnurrbarts

Jetzt allerdings gibt sich Schönling Pitt als Missionar. "Mein Ziel ist es, ein Comeback der Schnurrbärte zu bewirken", eröffnete der 44-Jährige im Dezember den Medien. "Sie werden einfach nicht genug respektiert." Guillaume Liziard vom "Paris Moustache Club" begrüßt solche Worte. "Das wird die Akzeptanz des Schnurrbarts erleichtern", sagt er zum RONDO. Vor mehr als zwei Jahren gründete der heute 37-Jährige den Club, ursprünglich als Scherz. So wie er sich lieber Otto nennt, das "klingt mehr nach österreichisch-ungarischem Schnurrbartträger." Mittlerweile zählt der Club 1200 Mitglieder, tauscht sich über Versionen und Pflege diversen Flaums aus - und deklariert online, der Schnurrbart sei "keine Schuld, sondern ein Recht".

Dass auf den Pariser Modeschauen eher der schmale Strich über der Lippe zu sehen war, widerspricht nicht den Beobachtungen von Experte Otto: Auch wenn sich die Pariser Avantgarde den Schnauzer meist im Stile des 1980er-Heros Thomas Magnum alias Tom Selleck schneidet - weil am einfachsten zu pflegen -, sind "die dünneren Bärte, die sich ein wenig einkringeln, im Kommen. Doch ob dünner Streifen oder fette Bürste: "Heute ist Bart Schmuck, ein Modeaccessoire." Und natürlich ein Mittel der Avantgarde, sich zu unterscheiden.

Anderswo ruft man den Bart gar als Stilmittel einer neuen Generation aus. Im Wall Street Journal urteilte ein US-amerikanischer Promistylist so über den Bart: Was Tattoos und Piercings für die Generation X waren, sei nun der Bart für urbane bad boys - gerade weil der im Arbeitsleben so verpönt sei. Wie in diese Gruppe Clooney & Co hineinpassen, darf jeder selbst entscheiden.

Walrossversion light

Wien hinkt in Sachen Trend einmal wieder hinterher, auf den Straßen begegnet man dem bärtigen Rebellentum zumindest selten. Neulich im Bobo-Café phil sah die Sache allerdings anders aus: Von 30 Zuhörern einer Lesung ließen sich immerhin zwei als Schnurrbartträger identifizieren. Der 37-jährige Hans Christoph kombiniert ihn fingerbeit zum braunen Sakko, blau-weiß-gestreiften Hemd und roten Halstuch. Seinen Lippenschmuck erklärt der Versicherungsmathematiker weniger mit Vorlieben für, sagen wir, Nietzsche oder Einstein. Vielmehr, ganz ohne Augenzwinkern: Das Bärtchen ist da, weil's beim Rasieren Pickel gibt.

Der zweite Bartträger heißt Sascha Lobo, ist Autor, digitaler Bohemien - und Berliner, aus der Wienstatistik also herauszurechnen. Der Grund für seine Version, eine Art Walrossversion light? "Der Vorteil ist seine Ausstrahlung. Als ich ihn vor vier Jahren wachsen ließ, wurde ich mit 29 Jahren von einem Tag auf den anderen gesiezt. Der Schnurrbart könnte auch Schnurrburt heißen, nach Burt Reynolds, dem Großschnurrbartträger des 20. Jahrhunderts. Von diesem Glanz strahlt einiges auf jeden ab, der sich einen Schnurrburt wachsen lässt."

Frauen müssen nun gar nicht traurig sein: Weil der Damenbart wirklich nicht in Mode kommen wird, greifen sie eben zur Kette, sollten sie sich denn im Glanze des Bartes sonnen wollen. Im Web sind derzeit inflationär viele Schnurrbartketten zu kaufen, aus Filz, aus Plastik, aus Metall, aus Wolle. Zu finden beispielsweise bei dawanda.com, etsy.com oder tattydevine.com. Kitzeln tun die garantiert nicht. (Mareike Müller/Der Standard/rondo/30/01/2009)

  • Schmale Bärtchen mit geschwungenen Enden sind bei Pariser Trendsettern sehr beliebt. Als Schmuck auch zu tragen von Frauen.
    foto: christian fischer

    Schmale Bärtchen mit geschwungenen Enden sind bei Pariser Trendsettern sehr beliebt. Als Schmuck auch zu tragen von Frauen.

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    Wenn Mann sich einen Bart stehen lässt, könnte das folgende Gründe haben: Er ist Austrialier und nimmt an der Aktion "Movember" teil. Er ist Pariser und versteht sich als Avantgardist. Er ist Wiener und zu sensibel zur Rasur.

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