Schüchtern sein

30. Jänner 2009, 09:28
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Wenn du ein bisschen schüchterner wärest, dann würdest du nicht dauernd mit diesem schlechten Gewissen herumlaufen

Zuerst hatte sie ihrem Regisseur vorgeworfen, er sei eitel wie ein Goldfasan mit orangem Nackengefieder. Dann hatte sie mit ihrer Kollegin in der Pause in der Garderobe so wild getanzt, dass ein Mineralwasser umfiel und in eine Dose mit Gesichtspuder spritzte, so dass der Puder zu einem Brei verschwamm. Und am Ende der Vorstellung hatte sie ihrem Lieblingszuschauer, dem Typen in der zweiten Reihe mit dem grünen Rollkragenpullover, eine Kusshand zugeworfen und ihm vor allen Leuten vorgeschlagen, er solle sie doch beim Bühnenausgang abholen. Und jetzt saß Zora mit ihren Freundinnen im Café Holland und schämte sich entsetzlich: "Warum bin ich nur so übermütig?"

"Dir fehlt einfach jegliche Schüchternheit", stellte Yvonne fest. "Wenn du ein bisschen schüchterner wärest, dann würdest du nicht dauernd mit diesem schlechten Gewissen herumlaufen. Wahrscheinlich ist das bei dir aber genetisch bedingt, und es hilft gar nichts, wenn du dir vornimmst, sanftmütiger und besonnener zu werden. Obwohl, eines sollte dir schon klar sein: Wenn du ein bisschen mehr so wärst wie ich, wärest du sicher glücklicher." Zora seufzte tief. Sie war geschlagen. Sie war geknickt. Sie war eifersüchtig auf Yvonne, die fast nie Fehler machte, weil sie diszipliniert und höflich war.

Leslie, die dritte der drei Freundinnen, nahm Zoras Hand und sagte: "Wenn du so streng bist mit dir, macht dich das jedenfalls sicher nicht glücklich. Jemandem anderen würdest du doch auch mehr Milde entgegenbringen, oder?" Und Zora errötete ein bisschen und wirkte beinahe schüchtern. (Adelheid Wölfl/Der Standard/rondo/30/01/2009)

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    "Warum bin ich nur so übermütig?"

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