Kamel-Knigge

27. Jänner 2009, 18:19
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Neun Weisheiten, die zu wissen bei einem Kameltrekking guttun, hat Doris Priesching am eigenen Leib erfahren, verdaut und zusammengefasst

Du liebst sie, oder du hasst sie. Wie es sein wird, lässt sich vorher unmöglich sagen. Ines zum Beispiel hatte bis vor ihrem ersten Ritt immer geglaubt, Kamele seien hinterhältige Viecher, und Reiten werde sicher nicht ihre Lieblingsbeschäftigung. Ines ist Sozialanthropologin, mit einem Tuareg verheiratet und lebt im Westen der Libyschen Wüste in Gath. Wenn jemand also weiß, wie Kamele einzuschätzen sind, ist sie es.

Ines braucht genau zwei Tage, bis ihr der Chamelier die Schnur in die Hand gibt und sie mit ihrem Tier im gelbroten Wüstensand stolz davontapst.

Es geht aber auch anders: Die Divergenz zwischen Vorstellung - zu Hause sich noch als weibliche Ausgabe Kara Ben Nemsis zu sehen, lässig mit Turban und Wassersack - und tatsächlichem Erleben kann erheblich sein. Kamele sind weniger hinterhältig als vielmehr von Grund auf kluge Tiere und westlichen Schuhträgern haushoch überlegen - sodass nachfolgende neun "Goldene Regeln" für klaglosen Umgang mit Kamelen tunlichst zu befolgen sind.

1. Der Ritt beginnt mit einem Schrei.

Unser Trek startet vom Kasr el Djenoun in der Nähe von Al Uwaynat ganz im Westen Libyens. Die Tiere, die nach einem Halbtagesritt mit dicken Bäuchen vom Trinken nacheinander am Lagerplatz unter dem Akazienbaum eintrudeln, haben zuerst einmal null Bock auf Reiter. Zumal die Kameltreiber sie relativ unsanft mittels eines Stricks, der durch die Nasenflügel führt, zu Boden zwingen. Wütend und unter Schmerzen gehen die Kamele nieder. Wer so gedemütigt wird, hegt Rachegedanken, so viel ist sicher. Mit dem Vertrauen ist das dann so eine Sache. Man würde es nur zu gut verstehen, wollte das verletzte Tier zurückschlagen. "Courage!", ruft einer der Kameltreiber. Er lacht, weil er die weichen Knie der Schuhträger, die jetzt nur noch Socken anhaben, spürt. Mut, ja, den bräuchte es.

2. Wer zum Kamel geht, vergesse das Schaffell nicht!

Jetzt erfolgt der Aufstieg. Der Chamelier kniet nieder, stellt ein Bein auf und macht durch diese Körperhaltung eine Stufe, die der Reiter nutzt, um zögerlich auf dem schmalen Tuareg-Sattel Platz zu nehmen. Der ist eindeutig mehr was fürs Auge als für die Bequemlichkeit: Man sitzt de facto auf einem liebevoll gearbeiteten, bunt bemalten, aber knochenharten Holzgestell, das vorn mit dem traditionellen Dreizack, hinten mit einer schmalen Lehne abschließt. Über dem Sattel liegen zwischen zwei und fünf Wolldecken, um die ganz bösen Wunden zu verhindern. Die Füße baumeln nicht seitwärts, sondern liegen am Hals des Kamels, was für die Oberschenkelmuskulatur eine Herausforderung darstellt. Die Zehen scheuert eine raufaserige Seilschlinge, die leider notwendig ist, weil es sonst überhaupt nicht zu schaffen wäre, Balance zu halten. Der erste Fußkrampf stellt sich bereits nach gefühlten 30 Sekunden ein. Mehr als zwei Stunden sind in dieser Position nicht zu schaffen.

Gegen Krämpfe und Schrunden an anderer Stelle empfiehlt sich die Mitnahme eines Stücks Schaffell als mildernde Auflage für den Sattel.

Doch zuerst der schwierigste Teil: hochkommen. Das Kamel stakst mit den Vorderbeinen auf die Knie, richtet sich dann beschwerlich hinten auf, schließlich wieder vorn. Für den Aufsitzer heißt das: gut festhalten, nicht nach unten schauen und den ersten Angstschweiß von der Stirne wischen.

3. Kamele brauchen Freiraum.

Sechs Tage dauert der Trek im Tassili Maridet, entlang dem Kasr el Djenoun Richtung Norden, immer dicht an der algerischen Grenze bis zum Wadi Maridet, dem versteinerten Wald. Es geht durch Dünen, angebruzzelte Sandbänke, einsame Akazienhaine, dunkelrote Felsgruppen, mystische Steinsäulen, und das in einer Stille, dass einem manchmal ganz komisch wird vor lauter verinnerlichtem Glück. Entführungen hat es in der libyschen Sahara noch keine gegeben. Die Allmacht des allwissenden Muammar al-Gaddafi, dessen Selbsthuldigung in überlebensgroßen Bildern erst in der hintersten Düne endet, schützt Touristen. Gruppenreisen gelten als völlig ungefährlich.

Die Mittagsrast im Schatten einer Akazie oder unter einem der riesigen Felsen dauert vier Stunden. In dieser Zeit streunen die Kamele rund um den Lagerplatz, fressen und trinken. Wenn die Chameliers gerade ein Schläfchen machen, versuchen sie manchmal auch abzuhauen - und sind danach, wenn sie wieder zur Gruppe getrieben wurden, natürlich wieder mächtig schlecht gelaunt.

4. Gegen Schmerzen helfen am besten Geschichten.

"Geisterberg" sagen die Tuareg zum Kasr el Djenoun. Um das langgezogene, gezackte Massiv tummeln sich die Geister, erzählt sich das Wüstenvolk. Die kleinen Wirbelstürme, die den Sand vor sich hertreiben, sind die kecken Gespenster. Man hüte sich, von einem solchen besessen zu sein. Jahre-, ja sogar lebenslanges Unglück kann die Folge davon sein. Es sei denn, ein eigens befähigter Weiser aus dem Volk der Tuareg schafft es, den ungeliebten Gast loszuwerden. Die Wüste ist voll von solchen Geschichten, während des Reitens denkt man daran. Auch, damit der Rücken nicht so wehtut.

5. Kamele sind empfindsam.

Besser: Jedes hat seine Macken. Das Jüngste setzt sich gern unangekündigt auf den Boden, das Älteste frisst nicht alles, braucht sein eigens zubereitetes Futter. Dann gibt's das Verschmuste und das Rachsüchtige. Die Zuschreibung "charakterlos" wird von letzterer Spezies bei nächster Gelegenheit mit einem wohldosierten Tritt ins Schienbein des Reiters quittiert. Der wird sich in Zukunft hüten, vorschnelle Urteile zu fällen.

6. Kamele leben ihren Rhythmus.

Es empfiehlt sich, Wasserflaschen, Schuhe und Rucksack gut zu verstauen. Fällt einer dieser Gegenstände zu Boden, wird das als Signal verstanden, und auch das Kamel plumpst zu Boden. Mit ein wenig Geschick und akrobatischer Balance lässt sich aber auch das gut überstehen.

7. Kamele sind nicht allein.

Was bei Lex Barker nicht zu sehen war: Als Wiederkäuer mit mehrkammerigem Magen muss ein Kamel beim Gehen ständig kauen. Zudem juckt es anscheinend auch heftig in der Nase, was zu wiederholtem, heftigem Kopfschütteln, manchmal auch Niesen führt. Grund dafür ist nicht etwa eine lästige Sandallergie, sondern g'schmackige Mitbewohner an Bord: Drei Zentimeter große, dicke, weiße Maden werden so elegant weggeschleudert.

8. Kamele hassen Sand.

Nach der gnädig ausgiebigen Mittagspause - um fünf Uhr Nachmittag, geht der Trek zwei Stunden weiter zum Nachtlager. Das wird am besten oben in den Dünen aufgeschlagen, wegen des weichen Sandbetts, und weil Schlangen und Skorpione unten im Wadi bleiben. Dem Kamel bereitet der Aufstieg noch eine letzte Mühe. Kein Witz: Denn in Dünen bewegen sich die Tiere äußerst ungern. Mit ihren weichgepolsterten Tatzen rutschen sie im Sand leicht aus. Anstrengend für die Tiere, aufregend für den Reiter. Dessen Hose für gewöhnlich nach dem Abstieg nassgeschwitzt ist. Kein eleganter Anblick.

9. Wozu das alles?

Trekking in der Sahara ist die fantastischste Weise, die Wüste zu erleben. Die Langsamkeit, mit der man Himmel und Erde, Gerüche und völlige Stille wahrnimmt, ist ein Seelenreiniger. Die schaukelnde Fortbewegung gibt den Takt an, in dem man Schritt für Schritt zu sich kommt. Der Rest ist zwar schmerzhaft, aber in dieser Situation wie fast alle Mühen des Daseins vergeben und vergessen. (Doris Prieschnig/DER STANDARD/Rondo/23.01.2009)

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    Die traditionellen Tuareg-Sattel sind schön, aber unbequem für den westlichen Hintern. Da beneidet man zuweilen die Kollegen im Jeep.

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    Anreise & Unterkunft:

    Der Wiener Trekkingspezialist ARR Studienreisen organisiert Wüstentouren in Libyen auf dem Kamel oder im Jeep.

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    Jedes Kamel hat seine eigenen Macken: Eines wirft sich ohne Vorwarnung zu Boden, das andere zeigt sich verschmust.

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    grafik: der standard
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