Der Kohleriker

22. Jänner 2009, 16:09
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Küchenbösewicht Gordon Ramsay - zwölf Michelin-Sterne - gilt als internationaler Überkoch - In seinem neuen Kochbuch gibt er sich ganz unkompliziert

Der Mann sieht von jeher aus wie Dieter Bohlen auf Faltencreme-Entzug. Er kann auch mindestens so gut ausfällig werden. Im Unterschied zum deutschen TV-Show-Ekel aber verfügt der beste Koch des Vereinten Königreichs über eine Vorgeschichte, die seine pathologisch anmutenden Schimpftiraden ins rechte Licht rückt: Früher einmal, bevor eine Knieverletzung den Karrierewechsel in die Küche bedingte, war Gordon Ramsay Innenverteidiger beim legendären Fußballklub Rangers FC der schottischen Stadt Glasgow, der auch für seine Schlägertypen bekannt ist. Das prägt. Es ist aber auch ein nützliches Tool auf dem Weg zum globalen Medienphänomen - ein Superkoch mit Tourette-Syndrom ist halt doch was anderes als die herzige Tantentäuscher-Masche, mit der etwa österreichische TV-Köche um ihr Publikum buhlen.

Mit zahllosen Restaurants quer über den Erdball (neben Großbritannien in den USA, Frankreich, Irland, Tschechien, den Niederlanden, Japan und Dubai) darf sich Ramsay als einer von ganz wenigen wirklich global agierenden Küchenstars fühlen. Zwar wurde er anlässlich seines jüngsten und wohl riskantesten Projekts im Trianon-Palast von Versailles (die Franzosen observieren den Durchbruch britischer Chefs mit einer Mischung aus Skepsis und Missmut) durch den Pariser Ober-Fresskritiker François Simon (Le Figaro, Pariscope) als "Karaoke-Chef" charakterisiert, der seinen Stil nunmehr ausschließlich durch herangezüchtete Statthalter an die Kundschaft weiterreicht. Bloß: Das tun die Top-Franzosen Ducasse und Robuchon nicht anders.

Bestnoten und Sterne

Tatsächlich hat Ramsay es geschafft, sich eine Riege loyaler Top-Köche aufzubauen. In seinem Namen holen sie Bestnoten und Sterne, statt sich als selbstständige Stars schon längst in jenem Glanz zu sonnen, der so dem Chef allein vorbehalten bleibt. Diese engen Mitarbeiter kennen wohl einen ganz anderen Ramsay als jenes cholerische Schandmaul, das (längst auch im deutschen) TV über minderbegabte Kollegen herzieht und seinen Zorn über lebloses Gemüse, lahmes Personal und mindere Hygiene-Standards stellvertretend für alle Auswärts-Esser ganz einfach hinausbrüllen darf.

Es gehört schon besonderes Talent dazu, jene geschmeidige Perfektion global zu gewährleisten, die Ramsays beste Kollegen meist nur an einem Standort (und da nur mit Mühe) zusammenbringen. Zwölf Michelin-Sterne - heller als das können einzig die französischen Nationalheiligen Joël Robuchon (17) und Alain Ducasse (15) leuchten.

Auch als Koch-Entertainer bewegt sich Ramsay in Dimensionen, die er nur mit Weltwundern wie Jamie Oliver teilen muss. Statt aber wie dieser auf unerschütterlich gute Schwiegersohn-Laune zu setzen, pflegt Ramsay lieber sein Repertoire an Schimpfworten. Damit züchtigt er jene Wirte vor laufender Kamera, deren Etablissements er im Drucktopf-Tempo sanieren soll. Dem Drang, Kraftausdrücke abzulassen, wird in seinen TV-Reihen (The F-Word, Hell's Kitchen, Kitchen Nightmares) so bereitwillig nachgegeben, dass sich etwa in Australien schon einmal das Parlament mit Ramsay befassen durfte. Weil in einer Folge von Kitchen Nightmares (lief bei RTL 2 als "In Teufels Küche") mehr als 80-mal in Schimpfworten kommuniziert wurde, prüften die Abgeordneten, ob der Verhaltenskodex der australischen Medien nicht einer Reform bedürfe.

Die Lust am Leistbaren

Davon merkt man in seinem eben auf Deutsch erschienenen Kochbuch gar nichts. Das mag bei einem Titel wie "Gesund schmeckt besser" auch viel verlangt sein. Ramsay will niemandem beweisen, wie subtil er seine Sterneküche in Rezepte gießen kann - sondern schlicht gutes, zeitgemäßes Essen präsentieren, für das man nicht teuer einkaufen oder den halben Tag in der Küche stehen muss. Okay, es gibt je ein Rezept für Rindsfilet und Seeteufel, ansonsten aber regiert die Lust am Leistbaren. Ganz klassisches Soufflé etwa (aus gehacktem Blattspinat und Ziegenkäse) oder entspannt kombinierte Salate (Orangen und Räucherforelle, siehe Bild), viel gesunder Fettfisch, ordentlich Wild, sogar Pasta. Und gar nicht wenige vegetarische Gerichte, gegen die sich der Küchen-Rowdy bislang aufs Rüdeste verwahrt hatte.

Sollten seine Kinder je die Dummheit haben, Vegetarier werden zu wollen, so Ramsay zum Daily Mirror, würde ihn das derart zur Verzweiflung bringen, dass er sie "mittels Stromschlag exekutieren müsste. Kurz zuvor hatte er in "The F-Word" 50 Lacto-Vegetarier dazu überredet, Kalb zu essen - und zwar mit dem originellen und treffenden Argument des Tierschutzes: Ohne Kälber, so Ramsay, gäbe es auch keine Milchwirtschaft. Wer auf Käse, Joghurt, Obers usw. nicht verzichten wolle, der habe auch die Pflicht, das Kalb als "Nebenprodukt" nicht verkommen zu lassen. Weil Großbritannien viel exportiert und dies meist in Form von Tiertransporten geschehe, so Ramsay, wären Lacto-Vegetarier persönlich für das Leid jener Kälber verantwortlich, die sie sich zu verspeisen weigern. Angesichts solch rabiaten Sendungsbewusstseins wirkt es doch etwas merkwürdig, wenn er sich hier plötzlich an den Nuancen eines fleischlosen Borschtsch-Rezepts erfreut, an Kürbis-Bohnen-Suppe, Kichererbsensalat mit Feta oder Grünkohl-Kartoffel-Eintopf. Spätestens beim "Krautsalat aus viererlei Kohl" fragt man sich dann, ob der vorgebliche Küchenmacho vor seiner Zeit als Superkoch nicht gar eine fundamentalistische Veggie-Kommune ernährt hat. (Severin Corti/Der Standard/rondo/23/01/2009)

 

Gesund schmeckt besser

Gordon Ramsay

Dorling Kindersley Verlag

2009, 255 Seiten, € 25,70

  • Gordon Ramsay scherzt schon mal, seine Kinder "mittels Stromschlag töten" zu wollen, sollten diese jemals zu Vegetariern mutieren.
    foto: hersteller

    Gordon Ramsay scherzt schon mal, seine Kinder "mittels Stromschlag töten" zu wollen, sollten diese jemals zu Vegetariern mutieren.

  • Jetzt heißt sein neues Kochbuch nicht nur "Gesund schmeckt besser" - es ist auch mit einer ganzen Reihe von Veggie-Rezepten gespickt - hat der Fleischwolf Ramsay tatsächlich Kreide gefressen?
    foto: hersteller

    Jetzt heißt sein neues Kochbuch nicht nur "Gesund schmeckt besser" - es ist auch mit einer ganzen Reihe von Veggie-Rezepten gespickt - hat der Fleischwolf Ramsay tatsächlich Kreide gefressen?

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