"Vulgäre Kosmetik"

17. Jänner 2009, 16:00
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Nicolas Joly, Starwinzer und Pionier des biodynamischen Weinbaus, will, dass die Verwendung von Reinzuchthefen als "Geschmackszusatz oder Aromastoff" am Etikett vermerkt wird

Über Jahrzehnte wurde die vom Österreicher Rudolf Steiner entwickelte Biodynamik von Landwirten und Weinbauern gleichermaßen belächelt und als Theorie für selbstgestrickte Naturstreichler abgetan. Dann kam der Franzose Nicolas Joly und gebot dem Spaß ein Ende. Vor 25 Jahren, nach einem Wirtschaftsstudium an der US-Eliteuni Columbia, übernahm er das Weingut seiner Eltern an der westlichen Loire. Heute gehört sein "Coulée de Serrant" zu den gefragtesten Weißweinen der Welt und erzielt Spitzenpreise. Jolys Erfolg motivierte zahlreiche Weinbauern zu einer Umstellung auf die kontroversielle, aber umweltschonende Anbaumethode - seit einigen Jahren auch in Österreich.

DER STANDARD: Könnten Sie den Unterschied zwischen biologisch und biodynamisch gekelterten Wein kurz erklären?

Nicolas Joly: Dafür muss ich zuerst die Gemeinsamkeiten erläutern. Sowohl die biologische als auch die biodynamische Landwirtschaft haben erkannt, dass der Einsatz von synthetischen Molekülen in Pflanzenschutzmitteln und Düngern auf Dauer das zerstört, was einen AOC-Wein, also eine Gebietsbezeichnung oder ein Terroir, ausmacht. Nämlich den Boden. Mit dem Boden wird der Lebenssaft der Rebe zerstört. Die Biodynamik geht insofern weiter, als sie nicht versucht, auf die Materie einzuwirken, sondern auf das, woraus Materie entsteht: die Energie. Pflanzen verarbeiten Energie zu Materie. Ohne energetische Strahlungen wäre die Welt nur ein Kadaver. Schon Max Planck sagte: "Die Welt der Materie ist nichts als Energie." Der Unterschied zwischen biologischer und biodynamischer Landwirtschaft ist vergleichbar mit dem zwischen einem Festnetz- und einem Mobiltelefon. Das Mobiltelefon funktioniert, wie auch die Biodynamik, über Frequenzen.

DER STANDARD: Wo liegt der Unterschied beim Wein?

Joly: Natürlich ist auch der biologische Wein einer, der durch seine Herkunft geprägt ist. Doch die biologische Methode ist womöglich nicht stark genug, um dem extremen Ungleichgewicht entgegenzutreten, welches heute in der Atmosphäre herrscht. Die Biologie erkennt lediglich die physische Umweltverschmutzung, nicht aber die energetische, die durch die Sättigung der Atmosphäre mit Strahlungen von Satelliten, Radar, GPS, Handys usw. verursacht wird.

DER STANDARD: Nun ist biodynamischer Wein in den vergangenen Jahren zum Trend geworden. Haben Sie Bedenken, dass manche Weinbauern das ausnutzen und aus wirtschaftlichen Gründen umstellen?

Joly: Das ist ein Phänomen, das es seit sehr kurzem gibt. Als wir Pioniere vor über 20 Jahren mit Biodynamik begannen, bezeichnete man uns als Clowns. Das Letzte, was man uns vorgeworfen hätte, war finanzielles Interesse! Wenn heute jemand aus wirtschaftlichen Gründen umsteigt, stellt sich die Frage: Warum nicht? Die Umstellung ist eine schwierige Sache. Wer sie nicht ernst nimmt, sich nicht eingehend damit beschäftigt, den wird sowieso die Natur strafen.

DER STANDARD: Aber es gibt auch Weinbauern, die nur einen Teil des Weges mit Ihnen gehen. Kann es eine Biodynamik "light" überhaupt geben?

Joly: Das Prinzip der Biodynamik ist ein ganzheitliches. Man kann nicht nur Teile der Biodynamik verwenden. Das wäre wie auf einer Gitarre spielen zu wollen, der ein paar Saiten fehlen.

DER STANDARD: Was sagen Sie jenen, die zwar im Weinberg biodynamisch arbeiten, im Keller aber etwa auf Reinzuchthefen setzen?

Joly: Das ist ein Punkt, in dem ich mit dem Demeter-Verband nicht übereinstimme. Demeter erlaubt den Zusatz von Hefe. Ich aber würde so jemanden nicht in meine Gruppe aufnehmen. In unserer Vereinigung "La Renaissance des Appellations" ist das nicht zugelassen. Es sollte nicht erlaubt sein, den Geschmack eines gut gemachten, biodynamischen Weins willkürlich im Keller zu verändern. Das gilt genauso für die Hefe wie für den Zusatz von Enzymen oder die Anwendung von Umkehrosmose. Gerade Letztere finde ich besonders schockierend, da sie aus dem Wein ein Konzentrat macht und dadurch erneut ein Ungleichgewicht erzeugt. All diese Methoden dienen doch lediglich dazu, den Wein möglichst schnell für den Konsumenten zugänglich zu machen. Aber das entspricht doch nicht den Landkarten Frankreichs, Italiens, gewisser Gebiete Deutschlands oder Österreichs. Wir haben doch alle wunderbare Terroirs, da kann es unmöglich unser Bestreben sein, diesen Reichtum in eine oberflächlich attraktive, ja vulgäre Kosmetik zu verwandeln.


DER STANDARD: Manche Önologen sagen, dass ein Wein erst durch die Technologie im Keller sein Terroir zum Ausdruck bringen kann.

Joly: Leute, die so etwas sagen, haben von Landwirtschaft keine Ahnung. Natürlich kann man auf einem chemisch verseuchten, toten Boden keinen guten Wein produzieren und muss also auf solche Hilfsmittel zurückgreifen. Genauso wenig ist allerdings gesagt, dass biodynamischer Wein automatisch guter Wein ist. Man kann zwar auf einem Rübenacker biodynamisch Rebstöcke pflanzen. Wie der Wein schmeckt, bleibt dahingestellt. Die Biodynamik ist eine Methode, kein Ziel.

DER STANDARD: Bis dato gibt es noch keine allgemeingültige Kennzeichnung für biodynamische Weine. Wären Sie für die Einführung einer solchen?

Joly: Ich schicke zwar dem Demeter-Verein jedes Jahr einen Scheck zur Unterstützung, persönlich brauche ich allerdings kein Markenzeichen. Ich wäre auch vielmehr dafür, dass man auf die Etiketten schreibt, wenn ein Wein Aroma-Hefen aus dem Labor enthält. Es wäre nur ehrlich, würde man den Konsumenten informieren, dass der Wein, den er kauft, Geschmackszusätze mit den Duftnoten Himbeere, Johannisbeere oder Banane enthält. Und am besten auch gleich den Namen des Labors, in dem diese Hefen entwickelt wurden.

DER STANDARD: Glauben Sie, dass sich die Biodynamik auch in weniger einträglichen Bereichen als dem Weinbau durchsetzen kann?

Joly: Man kann durchaus sagen, dass die Wahrheit ihren Markt gefunden hat. Das trifft auf Bioprodukte genauso zu wie auf biodynamische. Das war nicht immer so und ist eine positive Entwicklung. Es wird noch eine Weile dauern, aber natürlich sollte man eine Gebietsbezeichnung für Karotten einführen, eine für Milch und so weiter. Ziel der Biodynamik ist es, die Landwirtschaft wieder zur Kunst zu erheben. (Georg Desrues/Der Standard/rondo/16/01/2009)

Sein "Coulée de Serrant" ist einer der gefragtesten Weißweine der Welt. Kommende Woche hält Nicolas Joly ein Seminar über biodynamischen Weinbau im burgenländischen Demeter-Gut Meinklang.

  • "Wer behauptet, dass Wein erst durch Kellertechnik sein Terroir zum Ausdruck bringen kann, hat keine Ahnung von Landwirtschaft", sagt Nicolas Joly, der nur Spontangärung als Ausdruck der regionalen Typizität zulässt.
    foto: hersteller

    "Wer behauptet, dass Wein erst durch Kellertechnik sein Terroir zum Ausdruck bringen kann, hat keine Ahnung von Landwirtschaft", sagt Nicolas Joly, der nur Spontangärung als Ausdruck der regionalen Typizität zulässt.

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