Punk im Beamtenpelz

16. Jänner 2009, 16:00
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Der Designer Robert Stadler mischt mit seinen formalen Grenzüberschreitungen klassische Wohnwelten auf - Robert Haidinger besuchte den Österreicher in seinem Atelier in Paris

"Darauf habe ich jetzt keine Antwort", sagt der Mann in der hellgrauen Weste, und irgendwie wird sein freundliches Lächeln für einen Moment fast starr. Es geht um Auflösung, Entfremdung, kurz: um das zentrale Thema der Arbeit des Robert Stadler. Vor allem aber geht es um die Frage nach dem "Warum" hinter diesem Bedürfnis - sie ist der Kernpunkt des Gesprächs mit dem österreichischen Designer in seinem Pariser Büro.

Wie ein Beamter wirkt Robert Stadler plötzlich, bloß offener, bewegter. Was andere über ihn schreiben, scheint plötzlich leere Bleiwüsten weit entfernt: Stadler, der Ex-Punk, der sich irgendwann eine teure Spießeruhr kaufte, weil es sich auch Punks gerne im Schubladendenken bequem machen würden. Stadler der "Outlaw Designer" und "spirituelle Delinquent", der die Grenzen traditionellen Entwerfens mit Routine eines Schleppers überquert. So zumindest heißt es über ihn. Jetzt, in der Beamten-Weste mit den biederen Lederflecken an den Ellbogen, ist das dem Mann keineswegs anzusehen. Vielleicht ist Robert Stadler aber auch nur gut getarnt.

Künstler oder Designer

Vielschichtigkeit wird seinen Entwürfen nachgesagt. Mühelos entziehen sie sich simplen Zuordnungen. Sogar die Gegend, in der sich der gebürtige Wiener sein Büro mit Grafik-Designern teilt, scheint diese Qualität zu teilen. Die Rue de Rochechouart wirkt wie ein Stück Paris, bei dem sich die Stadt nicht so recht entscheiden mag, wohin die Reise geht. In die proletarische Vorstadt? Oder doch auf die satten Boulevards zu?

Also: Künstler oder Designer? Stadler sieht keine Notwendigkeit, diese Disziplinen zu trennen - oder gar nach Hierarchien zu ordnen. "Design funktioniert immer in einer Positivität, als Antwort für möglichst viele Leute", sagt er und rückt sich die Brille zurecht. "Eine schöne Lampe, ein dekoratives Sofa zu entwerfen, erscheint mir nicht interessant. Mit Auflösung als konstanter Triebfeder verlasse ich die traditionelle Form von Design. Und mit Ansätzen, die zu fragil sind, um in konsumtaugliche Produkte umgesetzt zu werden."

Doch halt! Ein gelber Kanister fällt ins Auge. Ein Kanister der anderen Seite - Hardcore-Industriedesign für das nationale Schnaps-Heiligtum Ricard, scheinbar so profan wie die Billiglinie von Elektrogeräten, die Stadler für einen französischen Massenartikler entworfen hat. Ein Objekt, das dem hermetischen Raum der Kunstgalerie entkommen ist. Das irgendwo auftauchen kann, im Vorstadtcafé oder in der Wohnung nebenan. Auflösung auch das. Fast wirkt die zwischen industriellem Massenprodukt und Projekten psychologisch-sensitiver Kontextualisierung angesetzte Grätsche wie ein biografisches Prinzip. Denn nicht nur zwischen Plastikkanne und Kunstwerk hat sich der gebürtige Wiener eingerichtet, sondern auch zwischen Paris und Rio, und als Querschläger zu den gängigen Hierarchien von Kunst und Design. Einen Schritt neben dem Mainstream stand Stadler bereits 1992 als einer der Begründer der experimentellen Pariser Gruppe Radi Designers, die er dann aber wieder verließ.

Auch die Mauer hinter Stadler trägt ein hellgraues Westchen. Gut wattiert, im Stile jener Stepptechnik, die es im Laufe der Jahrhunderte zum Synonym bürgerlicher Polster-Idylle geschafft hat. Bei Stadler löst so etwas Reflexe aus, die Lust, dem Chesterfield in die Ritzen zu gehen, ihn an den Beinen zu packen, wohl auch als Stellvertreter-Attacke auf die obsoleten Werte bürgerlichen Wohnens. Denn vor allem davon erzählt sein eigenwilliger Entwurf "Pools & Pouf", der die Fragmentierung souverän hinter sich gebracht hat. So souverän, dass die rundgelutscht wirkenden Teile, die stellvertretend für die Auflösung bürgerlicher Wohnwerte die Pulverisierung des biederen Status-Sofas betreiben, mühelos Raum für vielfältige Assoziationen schaffen. Die Erinnerung an die traditionelle Wattierung der Gummizelle ist eine davon.

Schöpferische Destruktion

Man sieht also: ein Punk im Beamtenwollpelz. Ein Wiener Pariser, der nicht nur sein Büro mit Chesterfield-Leichenteilen schmückt, sondern Galerien in Paris, Wien, London, Mailand bestückt. Doch die Subversion kommt sanft daher. Als schöpferische Destruktion, die vor allem eines fördert: nämlich die Erschließung neuer Perspektiven, die dem Betrachter neue Felder öffnen.

Ein Tisch, mit einem verschiebbaren Mini-Paravent dazwischen? So leicht und plastisch hat uns das Spiel des komplementären Tauziehens von Arbeit und Essen vulgo Privatheit noch keiner veranschaulicht wie Stadler mit "Negotable". Der Spiegel "+336+"? Ein Zauberspiegel an der Wand der Generation SMS, der sich als Bildschirm entpuppt, auf dem via SMS kommunizierte Botschaften auftauchen können. Geheimnisvoll mit einem Fragezeichen zuerst, das sich nach einer Handbewegung in eine Textzeile verwandelt, bevor der Spiegel zuletzt wieder in Schweigen verfällt. Überhaupt Spiegel: Anstelle von persönlichen Meldungen, wie bei "+336+" der Fall, erreicht der Orakelspiegel "Carole" den Menschen über den Umweg von Aphorismen - leise und subtile Anleitungen zur (Selbst-) Reflexion. Mehrschichtig sind aber auch jene Irritationen, die als Möbel getarnt daherkommen. "Drifters" etwa - eine Serie von Sitzelementen und Tischchen, die als tektonische Katastrophe (aufgeworfene Parkett-Bodenwellen) Unruhe ins bourgeoise Wohngefilde bringen. Oder in deren Maßstäblichkeit. Letztere hinterfragt "Nowhere", das mit Dimensionen, aber auch mit Dislozierung spielt: Eine Meereswelle wird zum Wohnobjekt verkleinert - doch zum Anlehnen ist der sich auftürmende, wie eine Scheibe geschnittene Wellenberg nicht gedacht. Stattdessen wird er der exklusiven Nutzung seitens einer Hauskatze unterstellt! Das klingt verrückt, hat aber System. Denn als Bewohnerin einer domestizierten Schaumstoff-Welle wird die Katze zum Stadler'schen Monster vergrößert. Kitty goes Godzilla. Auch so unterspülen Meer und Mieze das bourgeoise Wohnbiotop. (Robert Haidinger/Der Standard/rondo/16/01/2009)

 

  • Aus Robert Stadlers Serie "Possible Furniture" das Objekt "Possible Meridienne" (2008) 222 x 99 x 68 cm, Courtesy : Galerie Emmanuel Perrotin Miami / Paris, Robert Stadler.
    foto: hersteller

    Aus Robert Stadlers Serie "Possible Furniture" das Objekt "Possible Meridienne" (2008) 222 x 99 x 68 cm, Courtesy : Galerie Emmanuel Perrotin Miami / Paris, Robert Stadler.

  • Robert Stadler, ein Meister in Sachen Formentfremdung und Auflösung gängiger Stilregeln.
    foto: robert haidinger

    Robert Stadler, ein Meister in Sachen Formentfremdung und Auflösung gängiger Stilregeln.

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