Den Winter verbannen

15. Jänner 2009, 16:02
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Die Maiglöckchen wollen uns nur vom nächsten Eisregen ablenken

Wir sind Wintermenschen, das ist unsere Bestimmung. Alle anderen Zustände sind nur Ablenkungsmanöver, die Maiglöckchen wollen uns nur vom nächsten Eisregen ablenken. Auch die Kirschblüten, ja die Kirschen selbst, eigentlich der gesamte Juni sind nur zum Trost da, damit wir nicht mehr bemerken, dass die Hochnebelfelder über die Jahre hinweg immer dichter werden. Sie breiten sich über das Donautal, das Waldviertel aus und wuchern schließlich auch Tirol zu. Selbst in Kärnten gibt es keine Sonne mehr.

Leslie unterbrach ihre Freundin: "Zora, du dummes Ding. Du darfst doch nicht dem Winter glauben. Der lügt doch immer", sagte sie. "Kannst du dich noch erinnern, wie wir voriges Jahr schon am ersten Mai baden waren? Und wie ich dir mit dem Löwenzahnblütenstaub die Zehen angemalt habe?" Zora erinnerte sich. "Und dann im August das Melonenessen auf der Wiese und Mondschauen bis zwei Uhr in der Früh? Wir müssen uns schnell auf den nächsten Zaubersommer vorbereiten, denn er wird länger als alle bisherigen."

Leslie ging hinaus in den Jänner und warf einen strengen Blick auf den Raureif an den Fensterscheiben der geparkten Autos, bis die Eistropfen verschämt nachgaben und wässrig von der Motorhaube rollten. Von den Ziegeldächern verzog sich beleidigt der Schneestaub. Leslie konzentrierte sich auf den Kastanienbaum vor ihrem Balkon, bis sie die Knospen aufbrechen sah. Und als sie sogar den Kastanienduft riechen konnte, sah sie wie der Jänner und der Februar wie Gnome zusammenschrumpften und schmollend unter ihren Kapuzen verschwanden. (Adelheid Wölfl/Der Standard/rondo/16/01/2009)

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    "Kannst du dich noch erinnern, wie wir voriges Jahr schon am ersten Mai baden waren?

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