Kritzeln in der Sitzung

8. Jänner 2009, 16:54
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Man konzentriert sich ja nicht auf die Kritzelei, sondern auf das Gespräch - Oder: Nur eine Provokation

+++Pro
Von Thomas Trenkler

Findige Kunsthändler leeren in den Ateliers gerne die Papierkörbe. Denn auch Kritzeleien, absichtslos beim Telefonieren entstanden, können viel Geld wert sein. Und wer mit Joseph Beuys einmal am Wirtshaustisch saß, tat gut daran, beim Gehen Bierdeckel oder Bierflasche einzustecken. Denn der Meister von Fett und Filz veredelte so manches Objekt nebenher: Es findet sich nun in großen Sammlungen.

Natürlich: Die Kritzeleien Normalsterblicher werden, im Gegensatz zu jenen von Picasso, nie einen Handelswert haben. Aber sie könnten, einem Grafologen vorgelegt, Aufschluss geben - beispielsweise über emotionale Zustände. Denn wie das so ist in Sitzungen: Man konzentriert sich ja nicht auf die Kritzelei, sondern auf das Gespräch.

In der morgendlichen Redaktionskonferenz faltet ein Kollege mit Akribie Papier zusammen. Und ein anderer übermalt mit dem Kugelschreiber die Wörter: Übrig bleiben die Leerstellen, die man zuvor als solche gar nicht wahrgenommen hatte. Stille Beschäftigung: allemal besser als Schwätzen. Und viel besser als Rauchen.

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Contra---
Von Mia Eidlhuber

Stellen Sie sich vor: Sie reden mit mir und ich, ich senke meinen Blick nach unten und beginne mit einem Kuli Schachbrettmuster auf meinen karierten Block zu zeichnen, ein Kästchen nach dem anderen, fein säuberlich versetzt. Ab und zu blicke ich geistesungegenwärtig auf, um zu schauen, ob alle noch da sind, denn so versunken wie ich bin, bekomme ich kaum mit, was rund um mich passiert. Kritzeln während der Sitzung ist wie eine Reminiszenz an Tage, die wirklich lange vorbei sind, Zeiten, in denen man hinter einem Vorhang aus Haaren weggedöst ist, weil einem die vortragende Welt da draußen so was von egal war, oder mehr noch: nur eine Provokation wert war. Denn genau das ist es. Während Sie mir etwas erklären, erkläre ich Ihnen, wie wenig mich das interessiert, nämlich viel weniger als der Schnauzer, den Angela Merkel gerade verpasst bekommt oder die Hörner auf Sarkozy oder der Rauschebart am neuen Bundeskanzler. Die Möglichkeiten sind unendlich. Bis Sie selbst am Konferenztisch an der Reihe sind. Ah, vergessen, was Sie sagen wollten? Egal, ich kritzel schon mal los. (Der Standard/rondo/09/01/2009)

  • Stille Beschäftigung: allemal besser als Schwätzen.
    foto: der standard

    Stille Beschäftigung: allemal besser als Schwätzen.

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