
Meister Bill beim Ersinnen neuer Formen.

Sein Klassiker für Junghans.
Klee, Giacometti, Le Corbusier - lange vor seinem Tod 1994 sei Max Bill ins Pantheon der großen Schweizer Künstler eingezogen, schreibt der Kunsthistoriker Stanislaus von Moos und meint weiter: "Auf dieser Stufe der kulturellen Selektion, scheine das Verdienst, zahllose Plakate, eine Schreibmaschine, eine Höhenlampe, einen Stubentisch, zwei, drei Stühle und einen Hocker entworfen zu haben, nicht schwer zu wiegen." Und doch: Max Bill, dessen 100. Geburtstag vor kurzem begangen wurde, hat zur Entwicklung des Designs weit mehr beigetragen, als die vergleichsweise wenigen Entwürfe vermuten lassen. Erwähnt seien neben seinem Armbanduhrenklassiker für Junghans der ultrareduzierte Hocker "Ulmer Hocker", den Vitra bis heute produziert, oder seine Wanduhr mit integrierter Eieruhr, die über Jahre in wohl jeder zweiten Küche den Takt angab.
Bill ist Dilettant und Universalist zugleich. Mit seinem Konzept der "guten Form", einer Praktikabilität und Nützlichkeit verpflichteten Entwurfshaltung, schuf er Grundlagen für die Bewertung von Design. Ein nach Bills Maßgaben gestalteter Gegenstand, schreibt der Publizist Peter Erni, "verkörpert eine bewusste Askese und beweist sich unablässig als sinnfälliger Demonstrant gegen schrille Formen."
Bauhaus in Dessau
Bill betätigte sich als Maler, Architekt, Designer und Grafiker, als Schriftsteller und Publizist, als Organisator von Künstlergruppen und Ausstellungen und nicht zuletzt als Politiker, der zeitweise dem Schweizer Bundesrat angehörte.
Geradlinig sind schon Bills Anfänge nicht: Der strenge Vater, von Beruf Bahnhofsvorsteher in Winterthur, empfindet den Sohn als aufsässig und schickt ihn für mehrere Jahre ins Erziehungsheim. Weil er 1927 nach einem Faschingsfest "zu spät und geschminkt" zum Unterricht erscheint, darf er seine Silberschmiedelehre an der Kunstgewerbeschule der Stadt Zürich nicht beenden. Schließlich ist er von einem Vortrag Le Corbusiers so beeindruckt, dass er beschließt, als Architekt zu arbeiten. Das gerade fertiggestellte Bauhaus in Dessau erscheint dem damals 18-Jährigen als geeigneter Lernort. Mit 2500 Franken im Sack, er gewann sie als Preisgeld bei einem Plakatwettbewerb für Suchard, reist er gen Dessau.
Labor der Moderne
Dort entwirft Bill Architektur, arbeitet in der Metallwerkstatt, eifert in der Malerei zunächst seinem Bauhaus-Lehrer Paul Klee nach, betätigt sich an der Bauhaus-Bühne. Nach einem Bühnenunfall, bei dem er mehre Zähne einbüßt, verlässt Bill unter ungeklärten Umständen Dessau. Wieder in Zürich arbeitet er als Publizist und Architekt. 1931 entwirft Bill für das neuartige Einrichtungsgeschäft "Wohnbedarf" ein Labor der Moderne, das noch heute besteht. Als Ende der 1940er-Jahre Inge Scholl, die Schwester der Widerstandskämpfer Hans und Sophie Scholl, und ihr Mann, der Bildhauer und Grafiker Otl Aicher, ihre Volkshochschule zu einer Hochschule für politische Bildung verwandeln wollen, trifft Scholl auf Bill. Er schlägt vor, eine Hochschule für Gestaltung (hfg) nach dem Muster des Bauhauses zu errichten. Der Neubau entsteht unter schwierigen finanziellen Bedingungen und gilt heute als Bills architektonisches Hauptwerk.
1953 eröffnet Walter Gropius die hfg, Bill ist Gründungsrektor. Als später methodisch-technologische Aspekte des Designs in den Vordergrund rücken, künstlerische Fragen als weniger relevant gelten, wird Bill 1957 zum Rückzug gedrängt. Später lehrt er von 1967 bis 1974 an der Kunsthochschule in Hamburg. Bills konkrete Kunst - anfangs kritisch beäugt, ist international anerkannt. Das "liberal-technokratische Milieu" wie Soziologen die neue, aufstrebende Gesellschaftsschicht der 1970er-Jahre benennen, erwärmt sich für Kunst, die auf mathematischen Prinzipien von Reihung und Durchdringung beruht. Dem Künstler Bill fehlte für neues Design am Ende wohl die Zeit. (Thomas Edelmann/Der Standard/rondo/09/01/2009)
Zum 100. Geburtstag von Max Bill:
Das Haus Konstruktiv Zürich zeigt bis 22. März 2009 Max Bill 100. www.hauskonstruktiv.ch
Im Wilhelm-Wagenfeld-Haus in Bremen ist bis 15. März 2009 die Ausstellung Max Bill - Aspekte seines Werkes zu sehen, die sich mit Design, Produktgestaltung und Architektur befasst. http://www.wwh-bremen.de
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