Lichtblick aus dem Tausend-Sterne-Iglu

4. Jänner 2009, 16:44
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Ein finnischer Hotelier baut seine Iglus jetzt aus Glas. Denn auch in Lappland ist man der Meinung, Eiswürfel gehören ins Getränk

Bibbern mit der Braut? Eiseskälte vorm Altar? Und was bitte folgt dann: Hüsteln im Honeymoon-Iglu - auch wenn der mit Extrafellen ausgelegt ist? Ein wenig frostig ist die Atmosphäre im Moment, bloß an der Braut liegt es nicht. Liebevoll hat sie ihr "Ja" soeben hingehaucht, in der Kälte der Kapelle ist die entscheidende Silbe sogar ganz kurz zu sehen: Wie eine Comic-Sprechblase strömt der Ja-Hauch aus dem eingecremten Mund. Doch dazu kommt im Moment das Problem mit dem Ring. Plötzlich traut die Braut sich doch nicht recht. Die Fäustlinge ausziehen? Erfrorene Fingerspitzen noch vor der Hochzeitsnacht? Dieses Risiko besteht, wenn man im nordfinnischen Kakslauttanen ganz in Weiß heiraten möchten. Denn das heißt hier: ganz in Schneeweiß.

Das wellige Land ringsum, die Eiskapelle, der aus dem Nachbarkaff herbeigeholte Pfarrer - sie alle sind darauf eingestellt. Mehr als siebzig exzentrische Ehepaare reisten allein im letzten Jahr hierher, überquerten den Polarkreis, um sich 250 Kilometer weiter nördlich dem Ja-Wort zu ergeben. Der Lohn: eine Hochzeit, die endlich einmal Sicherheit bietet, vor allem Schneesicherheit. Denn Frau Holle ist hier am Posten, die zuverlässig zwischen Birken und Kiefern ausgebreitete Decke beweist das sechs Monate im Jahr. Will man eine größere Tafel ausrichten, dann ist auch Jussi Eiramo am Posten, der finnische Hüne, der gleich nach dem Eiskapellen-Termin in sein Schneerestaurant hinüber bittet. Bis zu hundert Gäste können hier an Eisbänke und -tische gesetzt, und auf nordfinnische Art abgespeist werden. Vorspeise: Steinpilzsuppe; gefolgt von Großer Maräne aus dem Inarisee, gedünstet in Oberssauce mit Frühlingskartoffeln, als Dessert die üblichen gelben Moltebeeren mit Schlag. Wer gleich nach der Trauung ein wenig beißen will, wählt trotzdem lieber Jussis Favoriten: Rentierfilet, in 15 Zentimeter große Stücke geschnitten, mariniert, aufgespießt und am offenen Feuer gegrillt. Gibt Kraft, die man braucht.

Die Liebe zur unterkühlten Hochzeit ist freilich nur ein Aspekt des ungewöhnlichen nordfinnischen Iglu-Hotels. Vor fast zwanzig Jahren hatte es Jussi Eiramo erstmals aus dem Eis des nahen Kakslauttanen-Flusses aufgebaut - eine Reihe von Iglus, die seither pünktlich wie ein riesiger, überzuckerter Christstollen am Rand eines dichten Tannenwaldes auftaucht. Eishotels gibt es längst in mehreren Ländern Skandinaviens sowie in Grönland und in Kanada. Im finnischen Oulo kommen die Zimmer als Teil einer ganzen Schneeburg, während beim ersten und bekanntesten Eishotel im nordschwedischen Jukkasjärvi intelligentes Marketing, künstlerische Gestaltung und ein guter Schuss Absolut-Wodka-Coolness gar Trends setzte. Die Bilder von transparenten Säulen und glitzernden Eiskuppeln, vom ultimativen Drink on the rocks - also im Glas aus Eis - inspirieren heute längst auch die flüchtige Eis-Architektur der Alpen, wo die Nächtigung im Iglu breite Romantikbreschen in den Kunstschnee schlägt.

Landet man am Airport von Inari, dem Gateway zum nördlichsten touristischen Zentrum Europas namens Saariselkä, lässt man die Supermärkte und verwaiste, im Dämmer liegenden Tankstellen erst einmal hinter sich. Dort, wo die grellen Halogenkegel der Straßenlaternen runde Lichterflecken in den Schnee träufeln, legt sich bald schon ein ganz und gar eigentümlicher Zauber über diesen einsamen, tief verschneiten Landstrich.

Schnell merkt man, dass die federnden Schneeböden wie gefrorene Watte knirschen und dass touristische Ziele vor allem als Vorwand dienen, sich schmalspurig durch unverbrauchtes Gelände zu bewegen. Notfalls - und nachdem die Transportmodi Rentierschlitten, Husky-Gespann, Schneescooter, Langlaufski und Tretschlitten erst einmal abgehakt sind - sogar mittels Eis-Go-Kart.

Das Museum der Sami-Kultur in Siida ist eine Option, in Siula gibt es neben Info- und Einkaufszentrum eine interessante Nordeuropa-Ausstellung. Ähnliches gilt für das "goldene Dorf" Tankavaara, einst Zentrum des Goldrausches, der 1896 die Nordkalotte erfasste und Tankavaara zumindest ein Goldschürfer-Museum hinterließ.

Doch vor allem beeindruckt der Freiraum, der sich zwischen solchen Pflichtstopps auftut. Nicht zufällig hat der Architekt der Saariselkä-Kirche anstelle eines Altars lediglich ein großes Glasfenster eingesetzt. Göttlich ist die verschwiegene Weite des Inari-Sees mit seiner Ukonkivi-Insel und den Kultstätten der Sami-Kultur, himmlisch die Wildnis des Urho-Kekkonen-Nationalparks - immer vorausgesetzt, man hat genug Proviant und Handwärmer im Gepäck. Dass Lappland kaum unberührter sein kann als im Nordosten Finnlands, verrät freilich auch der Spaziergang durch Utsjoki-Ohcejohka, Suomis nördlichste Gemeinde - und die einzige mit mehrheitlich samischer Bevölkerung.

Im Jahr 2009, in dem sich die Erfindung des Fernrohrs zum vierhundertsten Mal jährt, und damit auch das Thema Himmelsgucker-Tourismus verstärkt in den Fokus rückt, hat dieser nördlichste Zipfel Lapplands freilich noch eine besondere Karte auszuspielen: nämlich das über lange Dämmerungsperioden reichende Violettblau eines nordischen Winterhimmels, der mit etwas Glück doch bloß die Leinwand zur nächtlichen Polarlichter-Show abgibt, für die hier besonders häufig sichtbare Aurora Borealis. Das weiß auch Eis-Hotelier Jussi Eiramo, der nun in die Evolutionsgeschichte des Kuppelbaus eingeht - und zwar als erster Glasklar-Iglu-Bauherr. Tausende Sterne zählen, statt sich im Drei-Sterne-Iglu den Hintern abzufrieren - exakt das ermöglichen die zwanzig Kakslauttanen-Glaskuppeln, die sich nun über das Schneefeld seines Iglu-Dorfes verteilen.

Und es gibt Schlimmeres, als Insasse einer Schneekugel mit umgekehrten Vorzeichen zu sein: denn die Schneeflocken bleiben draußen, während Spezialglas das Zufrieren verhindert und etwaige frisch gefallene Flöckchen prompt von der Glaskuppel gewischt werden. Schließlich will man keineswegs versäumen, was sich über einem abspielt, wenn Jussi Eiramo zu jener großen Glocke hastet, die in einem Holzgestell vor dem Eingang des Hauptgebäudes montiert ist, und er mitten in der Nacht alle aus den Federn läutet. Doch was heißt "aus den Federn"? Man kann im Inneren der Schneekugel ja gemütlich im warmen Bett liegen bleiben. Die himmlische Lichtorgel, das grüne Blitzen und Zucken und die Spots zwischen den Sternen, die einem dann das schönste Feuerwerk der Welt bescheren - all das sieht man ja auch so. (Robert Haidinger/DER STANDARD/Printausgabe/27./28.12.2008)

  • Neben dem Funkeln der Sterne bietet das Igludorf Kakslauttanen in Saariselkä auch Möglichkeiten zum Eisschwimmen sowie die größte Rauchsauna des Landes. Die Ausflugsoptionen reichen bis zum Besuch des russischen Murmansk oder des Fischerdorfes Bygeija, wo bis zu 12 Kilo schwere Königskrabben gefangen werden.
    foto: kakslauttanen

    Neben dem Funkeln der Sterne bietet das Igludorf Kakslauttanen in Saariselkä auch Möglichkeiten zum Eisschwimmen sowie die größte Rauchsauna des Landes. Die Ausflugsoptionen reichen bis zum Besuch des russischen Murmansk oder des Fischerdorfes Bygeija, wo bis zu 12 Kilo schwere Königskrabben gefangen werden.

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  • Ganz anderes Highlight: Die im weiter südlich gelegenen Wintersportgebiet Ylläs eröffnete Saunagondel. Gemächlich transportiert die mit Holz verkleidete Gondel bis zu vier Personen zur Bergstation. Die dort errichtete Hauptsauna sorgt dafür, dass man auch nach dem Verlassen der Gondel nicht frieren muss. Die Anreise nach Kakslauttanen erfolgt mit Finnair via Helsinki nach Inari - weiter kommt man mit Shuttlebussen.
    foto: kakslauttanen

    Ganz anderes Highlight: Die im weiter südlich gelegenen Wintersportgebiet Ylläs eröffnete Saunagondel. Gemächlich transportiert die mit Holz verkleidete Gondel bis zu vier Personen zur Bergstation. Die dort errichtete Hauptsauna sorgt dafür, dass man auch nach dem Verlassen der Gondel nicht frieren muss. Die Anreise nach Kakslauttanen erfolgt mit Finnair via Helsinki nach Inari - weiter kommt man mit Shuttlebussen.

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