Pockerl mit P

30. November 2008, 17:00
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Die besten Anzündwürfel liegen tonnenweise im Wald herum, behauptet Ute Woltron

Diesmal ist uns die Freude gegönnt, den großen Markt der sogenannten "Anzündhilfen" zu geißeln. Denn wie jeder bemerkt haben dürfte, ist es draußen kalt geworden, was so viel bedeutet wie: Einheizen.

Dieses ist seit steinzeitlichem Menschengedenken bekanntlich eine große Kunst, wenn es sich um Holzfeuerchen handelt. Denn Ölöfen und Gasheizungen aufdrehen kann jeder Depp. Ein fesches Feuerchen bringen jedoch nicht alle zusammen - und von den unterschiedlichen Heizqualitäten unterschiedlicher Holzarten hat überhaupt kaum jemand mehr eine Ahnung. Oder weiß irgendwer, worum es sich im Falle des "Eierspeisholzes" handelt?

Eben. Doch beginnen wir mit der Initialzündung: Für Menschen mit Holzöfen aller Art liegt zu diesem Zweck in den Super- und Baumärkten eine Fülle diverser "Anzündhilfen" herum, die lediglich um erstaunliche Summen zu haben sind. Zudem hält der diversifizierte Anzündhilfemarkt für jede ökologische Evolutionsstufe seiner Kunden das geeignete Zündmittel wohlfeil.

Pockerln oder Tschurtschen

Der ökologisch Bewusste erwirbt sauteure, mit Wachsen getränkte Holzwollebüschel, der Ignorant mineralölhaltige, stinkende Anzündwürfel. Es gibt Fidibusse aus besonders harzhältigen mittelamerikanischen (!) Kiefernarten, Kienspäne aus heimischen Forsten und vieles andere mehr. Doch all das, dürfen wir an dieser Stelle erfreulicherweise verkünden, ist komplett unnötig, sofern sich in Ihrer Nähe irgendwo ein Föhrenbaum befindet. Der wirft alljährlich und in großen Mengen die besten, verlässlichsten und billigsten Anzündhilfen ab, die sich überhaupt nur denken lassen, nämlich die Föhrenzapfen. Im Osten unseres mit Forsten reich gesegneten schönen Landes nennt man sie Pockerln, im Süden und Westen sind diese hilfreichen Produkte der Natur unter dem Namen Tschurtschen oder Tschurtscherln bekannt.

Man begebe sich also unter eine Föhre, klaube die Pockerln auf und lasse sie, sofern sie feucht und geschlossen sind, zuerst einmal trocknen. Trockene Tschurtschen öffnen sich, und sobald sie das getan haben, zerknüllt man ein bis zwei Bögen Zeitungspapier, legt je nach Ofendimension sechs bis acht Pockerln darauf und schichtet Holzscheiter darüber.

Es empfiehlt sich, gegebenenfalls mit feinerem Sprießelholz zu beginnen. Doch wenn der Ofen gut zieht, ist auch das nicht wirklich erforderlich. Dann: Papier entzünden und dem einsetzenden Knistern lauschen. Essenziell ist in dieser Phase - ob mit oder ohne Pockerln versteht sich - der optimale (Luft-)Zug, und der hat natürlich von unten zu erfolgen. Leicht geöffnete Ascheladen bewirken hier Wunder.

Lauspockerln

Das Pockerlklauben hat lange Tradition, und Insider wissen, dass den Föhrenzapfen unterschiedliche Qualitäten innewohnen. Sie sollten zum Beispiel möglichst frisch, also von diesem Jahr sein. Die besten Anzünder sind die so genannten "Lauspockerln" von Weißkiefern. Das sind die kleineren, doch auch die größeren Schwarzkieferzapfen brennen dank ihres hohen Harzgehalts infernalisch gut. Das Pockerlklauben erfolgt traditionell im Herbst, und wer es über mehrere Jahre hinweg ausübt - was im Übrigen mit knapp einer läppischen Stunde pro Jahr und Heizsaison zu veranschlagen ist - bemerkt, dass es pockerlreichere und -ärmere Jahrgänge gibt. In jedem Fall liegen aber dermaßen ungeheuerliche Massen von Tschurtschen auf Föhrenwälderböden herum, sodass sich auch Naturbewusste um den Fortbestand von Föhrenkindern und Eichhörnchenfamilien keine Sorgen machen müssen.

Sollte nun jemand nach den Qualitäten von Fichten- und Tannenzapfen fragen: Die sind höchst unterschiedlich. Zum Anheizen sind sie üblicherweise weniger geeignet, zum Halten der Glut allerdings oftmals sehr wohl. Die Pockerllagerung hat selbstverständlich im Trockenen zu erfolgen. Feuchte Föhrenzapfen brennen, wie erwähnt, zum einen nicht gut, zum anderen beginnen sie schnell zu schimmeln. Idealerweise lagert man sie in Körben. Einmal ausprobiert - und Holzwollebüschel oder Stinkewürfel sind für Sie fürderhin Steinzeit. (Ute Woltron/Der Standard/rondo/28/11/2008)

Tipp

Da der offene Kamin derzeit in Mode kommt, erlauben wir uns sicherheitshalber ein paar Tipps für Anfänger: Nie im Leben sollten Sie mit Kiefer-, Tannen- oder Fichtenholz heizen, weil Ihnen damit sofort die Funken um die Ohren und auf Parkettböden sprühen. Eiche oder Buche sind hier das Maß der Dinge. Das erwähnte Eierspeisholz fand in früheren Zeiten in Küchenöfen Verwendung: Wer schnelle Hitze für die Eierspeis' benötigte, heizte mit Birkenholz. Als "Suppenholz" war das langsamer brennende, beständigere Buchenholz oder Eiche in Gebrauch.

 

  • Die Pockerllagerung hat selbstverständlich im Trockenen zu erfolgen.
    foto: matthias cremer

    Die Pockerllagerung hat selbstverständlich im Trockenen zu erfolgen.

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