Immer die Schweden

28. November 2008, 17:00
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Dieser Herbst ist der Herbst der Mode-Kooperationen: Erst designte Comme des Garçons für H&M, jetzt kommt die Gemeinschaftskollektion von Lanvin und Acne in die Geschäfte

Es muss ein herzerwärmendes Zusammentreffen gewesen sein. Der Vertreter skandinavischer Coolness trifft auf den Statthalter französischer Couture. Ort des Gesprächs: das Lanvin-Hauptquartier in Paris. "Ich liebe es, mit Leuten in Jeans Sex zu haben", soll Alber Elbaz, der kleine, pummelige Lanvin-Chefdesigner gesagt haben. Jonny Johanson, Kreativchef beim Jeanslabel Acne, war beeindruckt.

So beeindruckt, dass die beiden - Monate später - eine Zusammenarbeit ihrer beiden Marken bekanntgaben. Einmal im Jahr sollte fortan eine Lanvin-Acne-Kapselkollektion auf den Markt kommen. Eine Eilsendung flatterte in die Moderedaktionen, im Hotel de Crillon in Paris stieg eine Party, und eigentlich hätte man die Nachricht dann auch schon wieder abhaken können.

Seit einigen Jahren sind Designerkooperationen nämlich so etwas wie ein Volkssport in der Modewelt. Mehr als ein bisschen Tratsch geben die Neuigkeiten, wer i i sich mit wem ins Bett legt, meistens allerdings nicht her. Das sieht an diesem Stockholmer Novembertag auch Jonny Johanson so. Der Enddreißiger sitzt auf seinem kleinen Designerstühlchen in seinem getäfelten Büro, in der Ecke stehen zwei Elektrogitarren, draußen ist es regnerisch und verdammt kalt. Klar, sagt er und fährt sich übers lichte, kurze Haar, marketingmäßig sei die Zusammenarbeit mit Lanvin unbezahlbar: "Aber wen interessiert das schon?" Jonny Johanson aus Nordschweden offenbar nicht. Worum, bitte sehr, geht es dann aber?

"Es geht mir um die Erfahrung"

Um diese Frage zu beantworten, gibt es zwei Möglichkeiten. Die eine ist kurz und wird von Jonny Johanson gewählt: "Es geht mir um die Erfahrung." Wirklich erhellend ist das nicht. Wählen wir also die andere Möglichkeit und erzählen die Geschichte einer jungen Truppe von Schweden, die Mitte der Neunziger ein Unternehmen gründeten, das so gut wie alles anders machte als die anderen und trotzdem Erfolg hatte - oder gerade deswegen. Es fing beim Namen an: Acne. Auch auf Schwedisch bezeichnet das Wort eine ziemlich unangenehme Begleiterscheinung pubertierender Jugendlicher und ruft nicht die angenehmsten Reaktionen hervor.

Die Truppe wählte es trotzdem zum Namen ihres Unternehmens. Mit Mode hatte dieses nichts am Hut. Damals, 1996, war Acne eine reine Werbeagentur mit angeschlossener Filmproduktionsfirma. Wirklich glücklich war Johanson, der eigentlich Rockstar werden wollte, blöderweise aber bereits aus ungefähr zwölf Bands rausgeflogen war, dann Schaufenster gestaltete und schließlich für Diesel Möbel kreierte, damit aber nicht. "Es ging mir immer darum, mich selbst zu verwirklichen", und weil Johansson eben ein Faible für Mode hatte, ließ er als Werbegag hundert Paar Jeans nähen. Da man keine Zweinadelmaschinen hatte, mit denen normalerweise Jeans genäht werden, liefen die Nähte nicht parallel. Trotzdem cool, befanden die Mitarbeiter.

Acne Jeans war geboren, und wer immer etwas auf sich hielt, wollte die engen Röhren haben. Also wurde Johanson Modedesigner. Wir lernen: Der junge Schwede traute sich ganz schön viel zu.

Johanson will noch was lernen

"Falsch", sagt er, "mir geht es um etwas anderes: Ich will mit Leuten arbeiten, die besser sind als ich." Anders gesagt: Johanson will etwas lernen. Also schart er die interessantesten Leute um sich, die er kriegen kann: Er übertrug die Damen-Designagenden an Ann-Sofie Back, die tolle Designerin, die jetzt in London ein eigenes Label hat, holte für die Männerkollektion den jungen Christopher Lundmann. Acne Paper, das seit drei Jahren erscheinende Magazin des Unternehmens (wahrscheinlich das beste seiner Art), wird von Thomas Persson betreut. Und jetzt arbeitet Johanson eben mit Alber Elbaz zusammen.

Für Johanson ist das wahrscheinlich einfach nur der nächste logische Schritt. Über Jeans weiß er alles, was es zu wissen gibt, es gibt von Acne Oberbekleidung und Accessoires, neuerdings auch Kinderkleidung und Unterwäsche, und jetzt ist eben die Couture dran. Bei einem anderen Unternehmen wäre von einem ganzen Lifestyle die Rede. Davon, dass man nur wachsen kann, wenn man auch viele andere Produkte neben seinem Kernelement anbietet. Anders bei Acne: Johanson führt die Ausbreitung des Sortiments schlichtweg auf seine Neugierde zurück.

Schräge Silhouetten

"Die Recherche", sagt Johanson, "die Recherche ist jener Bereich, der mir am meisten Spass macht." Und will dann wissen, was die österreichische Designszene momentan eigentlich so macht. Helmut Lang ist bis heute einer seiner Säulenheiligen, neben Miuccia Prada prägte der Österreicher am nachhaltigsten die Designs des Skandinaviers. Auch sie fallen eher durch ihr Understatement auf, durch die klaren Linien und das puristische Design. Eigenschaften, die man zur Beschreibung der Mode des Alber Elbaz kaum anwenden würde.

Der Israeli, der aus dem alteingesessenen französischen Modehaus Lanvin in den vergangenen sieben Jahren eines der spannendsten Designlabels machte, ist für seine femininen Kreationen bekannt, seine Experimente mit weichen, fließenden Materialien, den schrägen Silhouetten, und - natürlich - für seine geliebten Plastikperlen. Kombiniert mit dem Acne-Denim oder übersetzt in Jeansstoffe ergibt das eine Art Street-Couture. Die Acne-Lavin-Kollektion ist denn gleichermaßen formal wie rockig ausgefallen. Schnitte wie aus der Couture - aber in Jeans. Das dürfte sowohl Jonny Johansons Neugierde befriedigen als auch Alber Elbaz Libido stimulieren. (Stephan Hilpold/Der Standard/rondo/28/11/2008)

 

Acne ist viel mehr als eine Modefirma. Acne ist auch eine Werbeagentur und eine Filmproduktionsfirma. Vor zwei Jahren betreute man die Kampagne der schwedischen Sozialdemokraten. Leider war sie ein Misserfolg.

  • Das ist Jonny Johanson. Der Mann aus Nordschweden ist Kreativdirektor der Modemarke Acne und posiert hier mit zwei Models, die seine neue "New Standard"-Kollektion tragen. Mehr Furore macht er derzeit aber mit der Kollektion, die er gemeinsam mit Alber Elbaz von Lanvin entworfen hat.
    foto: hersteller

    Das ist Jonny Johanson. Der Mann aus Nordschweden ist Kreativdirektor der Modemarke Acne und posiert hier mit zwei Models, die seine neue "New Standard"-Kollektion tragen. Mehr Furore macht er derzeit aber mit der Kollektion, die er gemeinsam mit Alber Elbaz von Lanvin entworfen hat.

  • Die Lanvin-Acne-Kollektion wird ab Mitte Dezember im Acne Studio in der Wiener Praterstraße 11 und auf www.acnestudios.com erhältlich sein. Die Preise bewegen sich zwischen 300 und 800 Euro.
    foto: hersteller

    Die Lanvin-Acne-Kollektion wird ab Mitte Dezember im Acne Studio in der Wiener Praterstraße 11 und auf www.acnestudios.com erhältlich sein. Die Preise bewegen sich zwischen 300 und 800 Euro.

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