Vogelkochzeit

26. November 2008, 09:28
posten

Am Donnerstag geht es der Pute wieder an den Kragen, da feiern die Amis ihr "Thanksgiving"

Der Tag, an dem jeder gute Amerikaner nur verspeist, was schon die ersten Siedler an autochthonem Essen vorfanden

******

Natürlich fällt der amerikanische Nationalfeiertag nicht auf den vierten Donnerstag im November (sondern auf den 4. Juli). Und selbstverständlich ist das US- Wappentier nicht der Truthahn (sondern der Weißkopfadler). Doch einen Nationalfeiertag gibt es in jedem Land, auch den Adler haben sich viele als Wappentier in die Volksvertretung gehängt.

Thanksgiving hingegen, das ist wirklich etwas Besonderes - den Feiertag haben die Amis ganz für sich allein. An jenem vierten Donnerstag im November feiern sie, dass es sie gibt. Dass es, allem Wenn und Aber zum Trotz schon ein ganz außergewöhnliches Land ist, das Heimatlosen seit Jahrhunderten ein neues Zuhause bietet - und, wie eben wieder bestätigt, mit der daraus erwachsenden Dynamik auch den Rest der Welt ganz existenziell weiterbringt. Thanksgiving also, ein klassisches Immigrantenfest, für das aber bei Chinesen, WASPs (weiße angelsächsische Protestanten, Anm.) und Mexikanern ganz ausnahmsweise dieselben Speisen aufgetragen werden - nämlich ausschließlich solche, die schon die ersten Siedler der neuen Welt hier vorfanden.

Feier zwischen Siedlern und Eingeborenen

Dass der Truthahn (in Österreich auch: Indian), der in den Staaten bis heute wild vorkommt, dabei im Zentrum steht, ist insofern ironisch, als er es als einziges Tier unter unzähligen Pflanzen geschafft hat, im Rahmen des "Columbian Exchange" genannten Austauschs zwischen Alter und Neuer Welt, auch in Europa Fuß zu fassen. Später erst wurde er zum Symbol des amerikanischen Erntedankfestes, bei dem außer dem - meist gnadenlos trocken - gebratenen Vogel, Kürbis, Kukuruz, Süßkartoffeln, Pekannüsse und Cranberrys aufgetischt werden.

Dabei ist für die Legende ganz wichtig, dass das Fest im Ursprung eine gemeinsame, friedliche und gegenseitig befruchtende Feier zwischen Siedlern einerseits und Eingeborenen anderseits war. Einladende waren zwar die Siedler, die damit Gott für die neue Heimat und die Ernte danken wollten - dass es diese Ernte überhaupt gab, war aber ganz wesentlich den Ureinwohnern zu verdanken. Eine zentrale Rolle nimmt in dieser Legende ein Indianer namens Squanto vom Stamm der Patuxet ein, der den frisch gelandeten Siedlern erst einmal dargelegt haben soll, wie man Mais anpflanzt.

Dieser harmonieseligen Legende zum Trotz gilt es heutigen Historikern als viel wahrscheinlicher, dass die frühen Erntedankfeste im Gegenteil dazu dienten, den Sieg über die Eingeborenen zu feiern.

Inneralpiner Brauch

Und was die lokalen Lebensmittel betrifft, so kamen sie, ob ihres symbolischen Charakters, wohl erst viel später auf die Festtafel. Als sicher gilt, dass es nicht kulinarische Neugier, geschweige denn kulturelles Interesse, sondern vielmehr Not war, welche die religiösen Fanatiker aus Europa dazu brachte, von den Speisen der "Wilden" zu kosten. Tatsächlich waren die Schiffe der Einwanderer meist vollbeladen mit Pflanzen und Tieren aus der alten Heimat, die man in Amerika zu züchten plante. Nur als diese entweder aufgebraucht waren, die Ernten ausblieben oder durch Unwetter zerstört wurden, zogen die frommen Siedler es überhaupt in Erwägung, lokale Nahrung zu versuchen.

Im 19. Jahrhundert, mit der industriellen Revolution, wurde Thanksgiving zu einer Reise in eine verlorengegangene, bäuerliche und großfamiliäre Vergangenheit. Das ist es bis heute. Ein Volk, das mittlerweile ein gutes Fünftel seiner Mahlzeiten im Auto und allein einnimmt, reist tausende Kilometer kreuz und quer durch den Kontinent, um sich auf traditionelle und rituelle Weise, im Rahmen der Familie, zu Tisch zu setzen.

Bis heute kein Konsumfest

Doch auch die Legende der friedlichen und nutzbringenden Wilden, die dem Thanksgiving-Mythos zugrunde liegt, hat für manchen Wissenschafter eigentlich urmitteleuropäische Wurzeln. Der italienische Anthropologe Piercarlo Grimaldi etwa zieht Parallelen zu alten, inneralpinen Bräuchen zum Jahreszeitenwechsel: "Eine immer wiederkehrende Gestalt bei alpinen Dorffesten ist der Wilde Mann. Er ist meistens mit Blättern, Stroh und Haaren bedeckt und gibt Verirrten wichtige Hilfe zum Überleben in der Natur.

Die Bewohner profitieren zwar von seinen Kenntnissen, doch meistens endet das Fest damit, dass sie seiner spotten, ihn beleidigen und dadurch zurück in die Abgeschiedenheit treiben." Amüsant: So gesehen, würden sich alle guten Amerikaner, wenn sie sich am kommenden Donnerstag zum Thanksgiving-Dinner setzen, in Wahrheit einem aus dem Mittelalter stammenden, in den österreichisch-italienisch-slowenischen Alpen entstandenen Volksglauben hingeben.

Bemerkenswert ist auch, dass Thanksgiving allem Kommerz zum Trotz bis heute kein Konsumfest ist. Es geht einzig darum, mit seinen Lieben bei Tisch zu sitzen und ein zeremonielles Mahl zu teilen, so wie damals, als die amerikanische Gesellschaft noch eine rurale war und Essen noch untrennbar mit Natur verbunden - allerdings nur fast. Denn der Freitag nach Thanksgiving ist die einzige in Amerika bekannte Version des bei uns so populären Fenstertags. Und dieser wird traditionell für eines genutzt: um Weihnachtseinkäufe zu tätigen. (Georg Desrues/Der Standard/rondo/21/11/2008)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der Thanksgiving-Braten und die Freiheit. Truthähne gibt es in den USA bis heute auch in freier Wildbahn.

Share if you care.