Schlaf gut, 1968

22. November 2008, 17:00
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Das Jubiläum zum Jahr 1968 legt sich schlafen - Grund genug für Volker Albus, sich mit der Matratze auseinander zusetzen, einem der damals wichtigsten Wohnobjekte

Es dürfte keinem entgangen sein: Das Jahr 1968, genauer das Phänomen '68, feierte heuer einen runden Geburtstag. Und natürlich wurden anlässlich dieses Erinnerungsmarathons auch wieder die poppigen Designikonen dieser Jahre beschworen: der Sacco von Gatti, Paolini und Teodoro, der voluminöse, ehrfürchtig "Donna" genannte Sessel UP5 von Gaetano Pesce und einige mehr.

Aber die Jahre um 1968 stehen nicht nur für das markante, bis in unsere Tage aktuelle Einzelstück. Auch was die Erfindung neuer Wohnformen anbelangte, setzte sich in dieser Zeit ein Umwälzungsprozess in Gang, dessen signifikanteste Ausprägungen längst zu selbstverständlichen Grundlagen unserer Wohnkultur geworden sind: Sowohl die "Wohngemeinschaft", die "WG", als auch die "Wohnlandschaft" sind aus der heutigen Vorstellung vom Wohnen nicht mehr wegzudenken.

Ihren Ursprung allerdings, und das kommt in den "offiziellen" Retrospektiven meist zu kurz, ihren Ursprung hatte diese Ver-Lagerung des braven Wohnzimmers nicht in den Ateliers der Designer, sondern in den Einraumwohnungen der sich von ihren Eltern lösenden Jugend. Und für die, das kann gar nicht deutlich genug gesagt werden, war Design, zumal das Design der Sechziger, so wie wir es heute kennen, absolut kein Thema. Im Gegenteil: Sowohl das persönliche Erscheinungsbild als auch die Hintergrundszenarien öffentlicher Treffpunkte waren vor allem von der Ablehnung eines offiziellen Gestaltungswillens gekennzeichnet. Über die Kleidung, die Langhaar-Frisur, über den generell "lässigen" Habitus artikulierte diese Generation einzig und allein eines: ihr Bekenntnis zur Entstaltung.

Bodenhaftung

Und dementsprechend sahen auch ihre Wohnungen aus. Im Allgemeinen behielt die gesellschaftskritische Jugend Bodenhaftung. Wäre es dabei nur um ökonomische Erwägungen gegangen, hätte man ebenso das heimische Jugendzimmer plündern oder den Sperrmüll durchwühlen können. Dieser Quellen bediente man sich allerdings eher selten, waren die dort zu entdeckenden Trouvaillen doch in höchstem Maße gesellschaftlich kontaminiert. Somit gab es eigentlich nur zwei Elemente, die frei waren: die Matratze und die wo auch immer herkommende Kiste.

Die Ausbreitung dieser beiden Versatzstücke begründete sich aus der Ablehnung alles Bürgerlichen sowie der Option, sich mittels jeden verfügbaren "Bausteins" einen gänzlich offenen Lebensbereich zu schaffen, der nicht durch irgendwelche Mobilien verhaltensweisend präformiert war. Für die kalten Tage bot sich mit der Matratze ein ideales Ersatzteil, mit dem sich die sommerfrischen Freiheiten in die eigenen vier Wände verlagern ließen. Wie die Wiesen und Plätze war sie einfach immer und überall verfügbar.

Die Matratze war das Rasenstück der juvenilen Wohnkultur. Zwar transformierte sich auch in dieser Auslegeware ein bestimmter Verhaltenskodex, bestimmt aber folgten die Matratzen-Arrangements keinem der tradierten Wohn-verhaltensmuster, wie man sie von den elterlichen Funktionsbereichen, dem Wohn-, Schlaf- oder Esszimmer, kannte. Kam man in einen Raum mit einer oder mehreren Matratzen, wusste man ziemlich genau, auf welcher Wellenlänge der oder die lag.

Couchgarnitur der Adoleszenz

Insofern war die Matratze eine Art Chiffre für einen bestimmten Lebensstil. Sie war sozusagen die Couchgarnitur der Adoleszenz - allerdings ohne Fernseher. Hier waren keinerlei Wohnfunktionen strukturiert, hier war das Zusammensein eben nicht auf das mehr oder weniger korrekte aufrechte Sitzen beschränkt, hier gab es schlichtweg keine positionierenden Vorgaben außer der eines jede Form des Hockens und des Liegens erlaubenden weichen Bodenbelags.

Kein Wunder also, dass man in einer derart konventionsfreien Zone Tage und Nächte, ja ganze Wochen verbrachte. Und diese Zeitläufte waren nicht nur von einer gesellschaftspolitischen Aufklärungsarbeit und einer sich daraus ergebenden reformbewegten Lebensführung durchdrungen. Vielmehr waren es der in jener Zeit weitverbreitete Konsum weicher Drogen wie Haschisch und Marihuana sowie ein libertär ausgelebter Sexualitätsdrang, die der sturmdrängenden Generation die entscheidenden Genuss- und, damit verbunden, die das Zusammenleben beeinflussenden Kommunikationsparameter lieferten.

Entspannte Stimmung

War so ein Dreiblatt erst einmal gezündet - und das geschah in gewissen Kreisen eigentlich andauernd - bedurfte es zum körperlichen Miteinander nur noch eines tiefgründigen Blicks und des wohldosierten Einsatzes gut einstudierter Handgriffe. Man war einfach neugierig auf das andere Geschlecht, Aids war kein Thema. Aber auch wenn "physisch" nichts lief: Rausch und Rock war allen zugänglich, sie hingen förmlich in der von Rotem Libanesen oder Schwarzen Afghanen geschwängerten Luft - aber eben nur in diesen durch das Liegen dominierten "domestic landscapes".

Dagegen lief in Räumen ohne solche Lagerstätten überhaupt nichts. Zwar wurde auch hier das eine oder andere "piece" geraucht, eine richtig entspannte Stimmung wollte in solchen Wohnungen jedoch nie so recht aufkommen. Da konnten noch so viele Poster an der Wand hängen, die Anlage noch so perfekt ausgesteuert sein: Allein schon der Blick auf die möblierten Realitäten riefen unweigerlich die Verhältnisse in Erinnerung, von denen man sich zu lösen versuchte. Und nicht nur assoziativ blockierten solche Wohnungen die Entfaltungskräfte. Allein schon die Wertigkeit der Möbel stellte sich als längst verabschiedeter Verhaltenscode permanent in das entspannte Miteinander: bloß keinen Fleck machen, bloß keine Glut, bloß keine Spur, die auf dieses eine Mal, dieses Ausscheren aus dem Immernormalen hinweisen könnte.

Mit den Matratzen war das damals völlig anders. Meistens waren diese erst gar nicht bezogen; sie waren genauso roh wie der sonnenerwärmte Asphalt oder der grüne Teppich der städtischen Parkanlagen. Flecken, Brandlöcher und Brösel waren ganz einfach da oder nicht, oder sie kamen in die nächste Tüte - und lösten sich derart recycled in nebulösem Wohlgefallen auf. Es war nicht die schlechteste Zeit. (Volker Albus/Der Standard/rondo/21/11/2008)

Volker Albus (Jg. 1949) ist als Architekt, Designer, Autor (form, hochparterre, Domus u. a.) und Ausstellungsmacher tätig. Seit 1994 lehrt er als Professor für Produktdesign an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe.

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