Alter Schotte, neu

23. November 2008, 17:00
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Karo sticht in dieser Saison: kaum ein Modemacher, der jetzt nicht auf das quaderförmige Muster setzt - Dass Karo aber nicht gleich Karo ist, weiß Mareike Müller

Ganz schön zäh, dieses Karo: Schon in prähistorischer Zeit verwendete man Stoffe mit dem auffälligen Muster, das durch das Verweben verschiedenfarbiger Fäden entsteht. Etwa in der Hallstadtkultur vor fast 3000 Jahren: in Salzminen in Salzburg fanden sich gut erhaltene Fetzen mit Karo. In Schottland ist das Muster seit dem 16. Jahrhundert bekannt und seit gut zwanzig Jahren hat es bei den großen Modehäusern immer mal wieder Saison. In diesem Herbst/Winter besonders - von Yamamoto bis Ralph Lauren, von der Krawatte bis zu den Ankle-Boots.

Dass Karo trotz seines Alters nicht altbacken aussehen muss, beweisen Kollektionen mit starker Leuchtkraft, wie bei Vivienne Westwood Red Label, wo Karo in Orange knallt, oder die Neon-Karos bei Matthew Williamson, dem Ex-Pucci-Chefdesigner. Bei House of Holland ließ Henry Holland seine Muse, das strohblonde Rock-'n'-Roll-Model Agyness Deyn, in superkräftigem Blaukaro auf den Laufsteg - samt passender Augenklappe und Hirschgeweih.

Alles Karo: Tartan, Glencheck, Pepita

Karo ist eben schön vielseitig, nicht nur farblich. Das eigentlich nur Viereck bedeutende Muster tritt in unterschiedlichen Ausprägungen auf: Als Tartan, das Schottenkaro, 96 unterschiedliche Tartans sind bekannt. Als Glencheck, das klassische englische Karo, bei dem über feinem Karomuster ein kontrastfarbenes Überkaro verläuft, mit nebeneinanderliegenden Streifen. Als Pepita, kleine Blockkaros mit diagonalen Verbindungen.

Als Schmuckelement fungiert das Karo als Raute - siehe Burlingtonstrümpfe. Und bei Burberry dient das Karo traditionell als Innenfutter und Markenzeichen. Was für Christopher Bailey zur Herausforderung wurde, als er 2000 bei Burberry als Chefdesigner anfing: Das Label hatten Fußballhooligans als das ihre vereinnahmt, besonders seine Schals und Mützen. Bailey schaffte es, die Marke wieder in bessere Kreise zu führen, besonders den klassischen Burberryschal machte er mit übergroßem Karomuster und in Riesenlänge zu einem hippen Accessoire jenseits von Schlägertypen.

Zwischen Adel und Punk

Ein Blick in des Karos Historie verrät, wie es mal rebellisch daherkam, mal als Symbol der britischen Upperclass vereinnahmt wurde. Einst war das Plaid, ein gemusterter Wollstoff, der Dress der schottischen Highlander. Zum adeligen Clanmuster entwickelte sich Tartan Ende des 17. Jahrhunderts, wenig später, in diversen Aufständen gegen die Engländer, trugen die Schotten Karo als Zeichen der Rebellion.

Bis die englische Königin Victoria ihre Liebe zu Schottland entdeckte, 1848 Balmoral Castle als Urlaubsdomizil kaufte - und das Schottenmuster auf die modische Landkarte Restenglands brachte. Zum Clanmuster des Vereinigten Königreichs erhob Victoria dann das "Royal Stewart Tartan", das leuchtend rote, bis heute wohl bekannteste Schottenmuster.

In den 1970er-Jahren schuf Vivienne Westwood das passende Outfit für die Punkband Sex Pistols: Fetzen schottischer Karomuster und Militärkleider fügte sie mit Sicherheitsnadeln zusammen, plötzlich fand sich das Karo in der Jugendkultur wieder, als Zeichen der Auflehnung gegen das Establishment. Bis heute resultiert die Langlebigkeit des Karos wohl in seiner Vielseitigkeit, wie es so changiert zwischen Punk, Holzfällertum und Adel. Tartan war immer schon Yin und Yang, heißt es im Buch "Tartan. Romancing the plaid" (siehe oben), auch bei den Schotten, wo es einerseits Unabhängigkeit und Heldentum symbolisiert, andererseits für die Uniformität des schottischen Militärregiments steht.

In Adelskreisen auf Landpartien

Wenn in den kommenden Tagen "Wiedersehen mit Brideshead" in die Kinos kommt, die Neuverfilmung des Romans von Evelyn Waugh (lief in UK in den 1970erJahren als legendäre TV-Serie mit Jeremy Irons), wird das ein oder andere Karo auch wieder zu sehen sein. Man bewegt sich schließlich in Adelskreisen, in Oxford, auf Landpartien.

Im Film, der auch ein Film über Herrenmode ist, fallen dandyhafte Sätze wie "Nachmittags im Smoking? Das tun doch sonst nur die Tiere!". Fürs Karo gibt es solche Regeln nicht - nicht mehr. Denn seit dieser Saison mischt man Karos mit lockerer Hand, wie Dolce & Gabbana, die rote Karokleider zu blaukarierten Jacken und Strumpfhosen in grünem Karo kombinieren.

Sollte es beim Karomix eine Regel geben, dann diese: je eigener, desto besser. So wirkt's nicht kleinkariert. (Mareike Müller/Der Standard/rondo/21/11/208)

Nach der Lektüre dieses prachtvollen Buches bleiben keine Fragen mehr offen. Sachkundig klären Jeffrey Banks und Doriade de la Chapelle in "Tartan. Romancing the Plaid" (Rizzoli New York, EURO 56,99) über das Karomuster (englisch: Tartan) und dessen prominente Träger auf. Reichbebildert zeigt das Buch den karierten Siegeszug auf: vom schottischen Clanmuster hin zum immer wieder Lieblingsmotiv der Modedesigner (links: Linda Evangelista).

  • Karo als Zeichen der Auflehnung gegen das Establishment in den 70er Jahren.
    foto: hersteller

    Karo als Zeichen der Auflehnung gegen das Establishment in den 70er Jahren.

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