Abstecher ins Vespanest

19. November 2008, 17:00
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Garbatella im Süden Roms ist Wohnviertel geblieben. Was liegt näher, als dort ein Hotel in Form einer persönlichen Wohnanlage zu errichten

Liebes Tagebuch ... Dieser Spielfilm von Nanni Moretti mag ja in erster Linie durch die Biografie des Regisseurs selbst führen. Dass Moretti in seinem Film als Hauptdarsteller auf einer Vespa auch einen perfekten Guide für den Süden Roms abgibt, wird in Garbatella klar.

Zu dünn sind die Kapitel der Reiseführer bis heute über dieses rund acht Metro-Minuten südlich vom Kolosseum gelegene Viertel. Und seine Gässchen wohl tatsächlich so eng, dass die Protagonisten nur mit zwei Rädern oder zu Fuß weiterkommen. Eine Liebeserklärung en passant - eben von der Vespa aus - macht Moretti dieser Gegend ohne aufdringliche Sehenswürdigkeiten, die erst ab den 1920er-Jahren mit solchem Antlitz entstand.

Als "città giardino" war diese Gartenvorstadt für die städtische Arbeiterklasse errichtet worden - als eine, die allerdings aus dem bisschen Grün noch immer ein Geheimnis der Hinterhöfe macht. Ostentativ hinausgebrüllt werden östlich der Via Ostiense nur die durchwegs linken Parolen: mit den omnipräsenten Graffiti auf Garbatellas Fassaden. Letztere decken historisch ein wesentlich breiteres Spektrum ab.

Viele verschiedene Architekten waren es, die hier sehr heterogene neue Häuserblocks errichteten, behutsam eingebettet sind sie aber alle in das Ensemble aus den bestehenden mittelalterlichen, Renaissance- und Barock-Strukturen. Zumindest einen Erneuerer kann man beim Namen nennen, da er gleich zweimal Augenfälliges im Viertel hinterließ: Als Vertreter der expressionistischen "Römischen Schule" verewigte sich hier der Architekt Innocenzo Sabbatini mit dem Teatro Palladium, das seit den 1920er-Jahren als offenes Kulturzentrum geführt wird. Etwas weiter nördlich, an der Piazza Michele da Carbonara, verrät Sabbatini mit seiner Albergo Rosso mehr über die eigentliche Bestimmung des Viertels: Geschlafen wird hier nach langen Arbeitstagen - heute wie früher auch in seiner karminroten Wohnburg, die sehr an den Wiener Karl-Marx-Hof erinnert.

Dort, wo Morettis Vespafahrt auf den breiten Straßen vor den Toren des Expo-Viertels endet, wurde gerade ein neueres Kapitel der Wohnlichkeit aufgeschlagen: Von außen erinnert das Hotel Pulitzer - ganz dem Viertel verpflichtet - an die großen, wenngleich bereits viel eleganteren Wohnhäuser an der Viale Marconi. Mit Absicht, denn schließlich will man dem Gast bedeuten: Hier wird gewohnt und nicht genächtigt. Dass das Konzept auch mit insgesamt 83 Zimmern funktioniert, liegt an ihrer stylischen und dennoch heimeligen Ausgestaltung zu kleinen Studios.

Und an der Lage. Wäre Moretti bis hierher gefahren (und wäre das Hotel schon gebaut gewesen), er hätte Rom im zweiten Filmkapitel nicht in Richtung Lipari verlassen müssen, um eine Insel der Ruhe zu finden. "Deshalb haben wir das Pulitzer hierhergebaut und nicht wie das Schwesterhotel in Barcelona mitten ins Zentrum", bestätigt Hotelmanagerin Meritxell Bañon, die schon zuvor das Haus in der katalanischen Hauptstadt betreute. Ein ruhiges Hotelzimmer in Rom sei nämlich mindestens so schwierig zu finden wie freundliches Personal. Dass die Managerin bei ihrer Suche erfolgreich war, bekommen die Gäste schon an der Rezeption zu spüren: Wie man sich im Viertel (auch ohne Vespa) zurechtfindet, wird einem fürsorglich und bis ins letzte Detail erklärt, auch wenn es die meisten Angestellten gar nicht glauben können, dass der Weg bis zum Kolosseum gar nicht mehr interessiert.

Als zu große Belohnung mag man es empfunden haben, einen halben Tag lang die Schätze der begrünten Innenhöfe im Garbatella-Viertel entdeckt zu haben, ohne auch nur einem einzigen Rom-Touristen begegnet zu sein. Dass das mittlerweile ohnehin bereits gefragte Wohnquartier noch auf die andere Straßenseite der Via Ostiense schielt, hat natürlich einen Grund: Direkt an der Metro-Station Garbatella - allerdings bereits im Ostiense-Viertel - reihen sich Tür an Tür die schicken Clubs und feinen Trattorie. Die Bewohner von Garbatella werden ihre Vespas wohl demnächst auch auf der eigenen Seite der Via Ostiense vor solchen Türen parken können. (Sascha Aumüller/DER STANDARD/Printausgabe/15./16.11.2008)

  • Ein Labyrinth aus Innenhöfen charakterisiert das römische Garbatella-Viertel, eingefasst von vespatauglicheren Boulevards.
    foto: aumüller

    Ein Labyrinth aus Innenhöfen charakterisiert das römische Garbatella-Viertel, eingefasst von vespatauglicheren Boulevards.

  • Das Hotel Pulitzer.
    foto: hotel pulitzer

    Das Hotel Pulitzer.

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