"Wir leben Sex and Shopping"

13. November 2008, 17:00
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Jahrzehntelang stand Nino Cerruti für Mode und Glamour - Mittlerweile kümmert er sich um Interieur - Der Doyen über Eleganz, sein Designhaus "Baleri" und die Zukunft der Menschheit

DER STANDARD: Was stört Sie an modernem Design?

Nino Cerruti: Dass die Dinge einem immer vermitteln wollen: Wenn du das nicht verstehst, bist du blöd. Es geht immer mehr darum, dem Konsumenten einen Komplex einzureden. Wenn etwas anders ist, ist es per se positiv. Das stimmt überhaupt nicht.

DER STANDARD: Wie entwickelt man das Selbstbewusst-sein, sich für oder gegen etwas zu entscheiden?

Cerruti: Sehr oft ist die kontinuierliche Konfrontation mit den ästhetischen Phänomenen eine komplette Überforderung. Es ist beinah unmöglich, zu allem eine fundierte Meinung zu haben, sich zum Beispiel mit Künstlern intensiv auseinanderzusetzen, bei den Designern zu wissen, wie deren Entwicklung war und warum sie etwas so umsetzen, wie sie es tun. Also passt man sich aus Sicherheit dem generellen Trend an.

DER STANDARD: Widerspricht das nicht dem vorherrschenden Gefühl, dass wir alle Individualisten sind?

Cerruti: Es hat noch nie eine Zeit gegeben, die diesbezüglich weniger individualistisch war.

DER STANDARD: Sprechen wir also über kulturelle Identitäten: Bis in die 90er-Jahre galten Italiener als modisch kaum nachahmbar - besonders die Männer. Heute kann man sie an einem Flughafen nicht mehr von anderen unterscheiden.

Cerruti: In irgendwelchen Sportswear- Klamotten herumzurennen vermittelt die Illusion von individueller Freiheit und Lässigkeit. Aber ein Flughafen voll von Männern in grauen Anzügen ist auch kein Ausdruck von Individualität. Das war nur eine andere Uniform, die von einem männlichen Prinzip geleitet wurde: Wir müssen uns innerhalb der Regeln verhalten. Versuchen Sie heute einmal, jemandem eine Regel zu vermitteln. Er wird sofort opponieren. Das Ergebnis ist sichtbar. Die Regel ist, keine Regeln zu haben. Ich will gar nicht eine Periode besser als die andere hinstellen. Aber ich mag eine Form von Harmonie, die früher herrschte und die es heutzutage nicht mehr gibt.

DER STANDARD: Hat Harmonie etwas mit einem moralischen Konsens zu tun?

Cerruti: Mit Sicherheit. Aber wer heute moralisch auftritt, kriegt sofort das Label "oldfashioned" verpasst. Deshalb werden auch so viele neue Ansichten sofort übernommen, nur damit man die alten Prinzipien über Bord werfen kann. Wir leben "S&S" - "Sex and Shopping". Gebt den Menschen Sex und Shopping, und sie denken, es fehlt ihnen an nichts.

DER STANDARD: Andererseits verzeichnen Museen Besucherrekorde, und die Kunst boomt.

Cerruti: Gut daran ist, dass es eine Begeisterung gibt für Dinge, die nicht trivial sind. Aber das ist einer der sehr raren Momente, der ein bisschen Hoffnung gibt.

DER STANDARD: Bisher war dieses Gespräch ziemlich deprimierend - es geht ganz schön bergab ...

Cerruti: Es sind einfach nur wahnsinnig schwierige Zeiten, und ich fühle mich zuweilen ein wenig isoliert bei der vorherrschenden Stimmung.

DER STANDARD: Wie begründen Sie den allgemeinen Shopping-Wahn?

Cerruti: Es ist eine Frage der eigenen Proportionen. Heute ersetzt man den ganzheitlichen Menschen durch das, was er macht, welchen Job er hat und wie viel Macht damit verbunden ist. Produkte haben angefangen, uns zu dominieren und ein Eigenleben zu entwickeln. Das Gefühl, das damit einhergeht, ist Gier.

DER STANDARD: Ein Phänomen des Spät-Kapitalismus?

Cerruti: Richtig. Aber gerade in Europa hat der Kapitalismus den meisten eine bessere Ausbildung ermöglicht und somit die Möglichkeit, ganz unterschied- lichen Interessen nachzugehen. Die momentane Krise ist eine ökonomische Krise, die für mich ein Krieg ist. Ohne dass ein Gewehrschuss fällt.

DER STANDARD: Was ist Ihre Vision?

Cerruti: Es wird lange genug dauern, dass es Gegenden, in denen Menschen leiden, besser gehen wird. Was natürlich zu hoffen ist. Aber wenn alle den gleichen Lebensstandard wie in Europa haben, ist die ökologische Katastrophe perfekt. Es gibt zu viele Menschen auf der Welt. Und es wird kein politisches System geben, das dieses Dilemma lösen kann.

DER STANDARD: Wenn ich Ihnen richtig folge, ist der grassierende Individualismus eine der neuen Todsünden?

Cerruti: Leider. Und das ist ein falsches Signal der Amerikanisierung. Jeder kann es schaffen - das ist ein Mythos, den jeder Einzelne mit Frustration bezahlt. Aber wir glauben immer noch an die Message. Der französische Philosoph André Malraux hat ganz richtig gesagt: Das 21. Jahrhundert wird ein spirituelles werden, oder es wird das Ende. Unsere Spiritualität basiert immer noch auf dem Gedanken, dass Frauen glücklich werden, wenn sie sich noch eine Handtasche kaufen.

DER STANDARD: Mit all diesem Wissen und diesen Gedanken: Wie können Sie da in einer Industrie arbeiten, die unterstützt, was Sie gefährlich finden?

Cerruti: Ich habe versucht, auf eine Art und Weise zu arbeiten, dass eine wunderbare Zusammenarbeit in der Firma möglich ist. Darauf bin ich sehr stolz. An vielen Punkten ist das vielleicht nicht effektiv genug, aber es erfüllt alle, die hier arbeiten. Ich versuche, gute Produkte anzubieten, die im Kontext stehen zu dem, was ich wichtig finde, und die meinen Respekt vor den Möglichkeiten ausdrücken. Mir gibt das das Gefühl, zu meinen Überzeugungen stehen zu können. Mit allen dazugehörigen Nachteilen, denn die Business-Welt führt einen ganz eigenen Krieg. Für mich ist Familie ein hoher Wert. Mein Vater starb, als ich 19 war. Ich habe ab diesem Zeitpunkt das gemacht, was normalerweise ein Familienoberhaupt tut.

DER STANDARD: Das bringt mich zu einer sehr pragmatischen Frage: Sie haben das Designhaus "Baleri" gekauft. Wie kam es dazu?

Cerruti: Mich faszinieren neue Aufgaben. Mich stimulieren Situationen, die viel Einsatz und Kreativität erfordern. Mich hat der Gedanke bewegt, dass ich in der Mode nah am Menschen war und jetzt mit Baleri die Umgebung von Menschen beeinflusse.

DER STANDARD: Im "Baleri"-Shop findet man viele Entwürfe von sehr verschiedenen Designern. Ist die Abkehr vom monothematischen Designer-Diktat auch ein Trend?

Cerruti: Bis vor zehn, 15 Jahren waren die Mode- labels alle von den Designern dominiert, die das Label trugen. Gucci war für einige Jahre Tom Ford. Dann gab es einen Generationswechsel, und die Namen traten hinter die Brands zurück. Heute wissen doch die wenigsten, wer die Gucci-Chefdesignerin ist. Im Produktdesign gab es bis vor kurzem keine Stars, und auch heute ist es noch kein Allgemeinwissen, Sessel Designern zuordnen zu können. Das ändert sich gerade. Die Produktdesignwelt war immer sehr offen für Kollaborationen.

DER STANDARD: Warum haben Sie nicht eine neue Firma gegründet?

Cerruti: Es gab eine gut funktionierende Basis, und bald wird das Unternehmen zu Baleri-Cerruti. Denn internationa gesehen ist Baleri beinah unbekannt, Cerruti dagegen ein eingeführter Name.

DER STANDARD: Was charakterisiert die Marke?

Cerruti: Sie ist zeitgemäß, elegant, aber immer mit einem gewissen Witz. Aber es gibt keine komischen Formen aus dem Tierreich, die zu Möbeln werden. Vieles ist für Singles. Die verändern gerne und oft ihr Umfeld und sind offen für Inspirationen. Es geht in vielen Lebensbereichen nicht mehr darum, rein funktionale Möbel zu gestalten, sondern um Möbelstücke, die eine Atmosphäre schaffen.

DER STANDARD: Mich haben die Objekte ein bisschen an Armani-Casa erinnert. Sehr italienisch, elegant.

Cerruti: Ganz ehrlich, das kann ich nicht verifizieren, denn die Möbel von Armani sind das Beste von Armani. Was Eleganz betrifft, möchte ich noch erwähnen, dass auch Redekunst eine Form von Eleganz darstellt. Man hört einfach viel lieber einem Menschen zu, der die Sprache beherrscht. Doch jeder verbindet mit "schön" etwas anderes, sonst wären diese eigenartigen Tierchenmöbel nicht so erfolgreich. (Andreas Tölke/Der Standard/rondo/14/11/2008)

Nino Cerruti, Jahrgang 1930, übernahm mit zwanzig Jahren das 1881 gegründete Unter- nehmen Cerruti. 1967 eröffnet er ein Haute- Couture-Haus für Herrenmode in Paris, 1977 folgt die erste Damenkollektion. Seine Entwürfe waren auch in Hollywood sehr beliebt, er entwarf unter anderem für die Filme "Basic Instinct" und "Prêt-à-Porter". 2001 wurde die Firma verkauft. 2007 stieg er bei der Möbelfirma "Baleri" ein. 2008 wurden die ersten Entwürfe von ihm abgesegnet.

www.baleri-italia.com

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    Nino Cerruti bezeichnet die momentane ökonomische Krise als Krieg ohne Schüsse.
    Seine Visionen sind düster. Selbst Teil des Wirtschaftssystems, setzt er vor allem auf gute Zusammenarbeit und Respekt.

  • Die Modewelt vermisst er nicht. In mehr als drei Jahrzehnten habe er seinen Beitrag geleistet und so gut wie wirklich alles erledigt, sagt er. Mit den Möbeln von "Baleri" will er nun in die Wohnzimmer der Menschen.
    foto: hersteller

    Die Modewelt vermisst er nicht. In mehr als drei Jahrzehnten habe er seinen Beitrag geleistet und so gut wie wirklich alles erledigt, sagt er. Mit den Möbeln von "Baleri" will er nun in die Wohnzimmer der Menschen.

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