Nicht zaudern

14. November 2008, 10:27
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Du willst sogar den Herbst auf eine kleine, banale Herbstlichkeit reduzieren

Leslie konzentrierte sich darauf zu glauben, dass nach dem November der Oktober kommt. Oder sie redete sich ein, dass derzeit gar nicht November war. "Das hier ist eindeutig ein März", plauderte sie vor sich hin. Und Leslie lag nicht einmal so falsch, denn die Welt lag unter einem hellblauen Frühlingshimmel, der Asphalt strahlte warm, und nichts verrottete. "Es ist offensichtlich. Wir nähern uns geradewegs dem April", erklärte sie. Weihnachten hatte Leslie bereits abgeschrieben. "Geht heuer leider nicht, passt nicht zum Wetter", sagte sie altklug zu ihren Freundinnen.

Zora hielt erstens nichts davon, Feste auszulassen, und zweitens nichts von Unentschlossenheit: "Der soll sich endlich entscheiden. Dieser Herbst zaudert mir zu viel." Sie verstand Leslies Liebe zur Beliebigkeit nicht.

"Du bist ja sogar gegen das autonome Subjekt in deiner postmodernen Zögerlichkeit", schimpfte Zora. Leslie wurde ungehalten: "Und deine innere Ordnung, dieser banale Fortschrittsglaube ist reine Angst! Du fürchtest die Unsicherheit der Freiheit, Zora. Du willst sogar den Herbst auf eine kleine, banale Herbstlichkeit reduzieren. Vielleicht will der Herbst aber mittlerweile nicht mehr so. Und schon gar nicht mit dir!"

Leslie hatte sich beim Spazierengehen mit Kastanien aufmunitioniert. Als sie aber begann, Zora damit zu beschießen, antwortete Zora mit Kastanienigeln. Yvonne stellte sich dazwischen und meinte, die Sache sei ohnehin entschieden, der Herbst schon längst da. "Wenn ihr endlich hinschauen würdet, würdet ihr überall den Abbau von Chlorophyll sehen, die Pflanzensäfte sind definitiv auf dem Rückzug." (Adelheid Wölfl/Der Standard/rondo/14/11/2008)

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    Die Pflanzensäfte sind definitiv auf dem Rückzug.

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