Und jede Nacht ein Feiertag

10. November 2008, 17:00
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Länger als Tel Avivs Badesaison sind die Nächte: Die werden zum Tag. Das Bauhaus-Viertel ist dann mehr heiße als "Weiße Stadt"

Studieren, schwimmen, surfen. Genau in der Reihenfolge verbringt Eldar seinen Tag. "Morgens: Uni. Am Nachmittag aber muss man raus", präzisiert der Biologiestudent aus Tel Aviv. Raus und sofort hinein ins Meer - bis Ende November und dann wieder ab März ist das möglich -, die Badesaison in der Wirtschaftsmetropole dauert länger als anderswo am Mittelmeer.

Eldar braucht nur wenige Minuten von seiner Studentenwohnung im Norden der Stadt bis zum Hilton Beach, der nach dem gleichnamigen Luxushotel-Kasten benannt wurde. Einer Phalanx der Tourismusindustrie gleich bilden die Hotels vom Norden bis nach Jaffa im Süden eine Häuserfront hinter den breiten, feinsandigen Mittelmeerstränden. Nur von der festungsartigen US-Botschaft, der putzigen französischen Vertretung, dem Opera Tower und dem Textile House wird sie unterbrochen.

Doch es sind nicht die Hotels der führenden, internationalen Ketten, die die Skyline Tel Avivs dominieren. Es sind vielmehr die Bürotürme zahlreicher Banken, Dienstleister oder Industrieholdings, die mit ihren Repräsentanzen Wirtschaftsgröße zur Schau stellen. Unter den beinahe 400.000 Einwohnern Tel Avivs liegen neben den Studenten auch die Banker gerne am Strand - eine Finanzkrise erscheint da nur mehr halb so wild.

Für Touristen ist es stets befremdlich, dass überall in der Stadt Soldatinnen und Soldaten anzutreffen sind. In den Cafés machen sie Pause oder warten auf einen Bus an Haltestellen, immer dabei ist die Waffe. Das wird entspannt gesehen in Tel Aviv. Bei 30 Grad im Schatten zieht ein Soldat in der Mittagspause schon mal seinen Kampfanzug aus, legt die Maschinenpistole unter die Strandliege und springt ins Meer am Hilton Beach. Dieser Strand ist nie so voll wie die anderen, der kleine Regelverstoß daher auch nicht so auffällig. Weiter im Süden am Trumpeldor oder am Ge'ula Beach könnten die Vorgesetzten eine kurz verwaiste Waffe schon eher sehen.

Karrieren und Kühlboxen

An diesen Stränden will man ohnehin anderes sehen - und gesehen werden. Hier tummeln sich "Beach Boys" und die dazu passenden Surfer oder diejenigen, die auf eine Modelkarriere hoffen und entdeckt werden wollen. Aber auch Familien mit ihren Kindern und Kühlboxen machen dort Pause. Besonders am Sabbat, also samstags, sind die Strände der Stadt überfüllt. Dabei nehmen es die meisten mit den Sabbatregeln der religiösen Juden in Tel Aviv längst nicht so genau. Am Sabbat muss der Körper zur Ehre Gottes ruhen, doch die modernen Israelis lassen ja zumindestens die Seele baumeln.

Für alle, die es strenger sehen, gibt es in fast jedem Hotel oder größeren Gebäude einen Sabbat-Aufzug. Ein Schild weist dann samstags darauf hin, dass dieser spezielle Lift nur mit Engelsgeduld zu benutzen ist. Weil das Drücken des Knopfes Arbeit wäre, hält der Aufzug in jedem Stockwerk von allein. Die Maschine weiß dabei freilich nicht, in welcher Etage der Gast aussteigen möchte - bei einem Hotel mit 25 Ebenen kann das eine lange Fahrt werden.

Wie auch immer, Sabbat ist Wochenende, und entsprechend viel ist bereits am Freitagabend los. Wer sich nicht auf der Strandpromenade verabredet hat, trifft sich am Rothschild Boulevard. Der beginnt bei der großen Synagoge, endet am Nationaltheater und führt mitten durch die "Weiße Stadt" mit ihren berühmten Gebäuden im Bauhaus-Stil der 1930er-Jahre. Vertriebene Deutsche brachten die Architektur mit, seit 2003 zählen die Gebäude zum Weltkulturerbe der Unesco. Aber deshalb ist man heute nicht gekommen: In der Mitte dieser Prachtstraße befindet sich eine Allee zum Flanieren. Mode-, Designer- und Schmuckgeschäfte reihen sich hier aneinander, weitere in der Allenby-, der Ben-Yehuda- und der Dizengoff-Straße.

Newe Zedek feiert weiter

Am Rothschild Boulevard Nummer 16 fing alles an: Hier rief Ben Gurion vor 60 Jahren, genauer gesagt am 14. Mai 1948, die Unabhängigkeit des Staates Israels aus. Da war Tel Aviv noch ein kleiner Siedler-Ort, aber bereits älter als der Staat selbst. Im Jahr 2009 wird man das einhundertjährige Bestehen der Metropole, die rund um den heutigen Stadtteil Newe Zedek groß wurde, feiern können. Tel Aviv bleibt also auch im kommenden Jahr in ihrem Element: "Jerusalem betet, Haifa arbeitet und Tel Aviv feiert", merken die Einwohner gerne über die Aufgabenteilung unter den Städten Israels an.

Das Newe-Zedek-Viertel ist gewissermaßen heute die Altstadt. In der Gründerzeit eher heruntergekommen, entwickelte es sich immer mehr zu einer schicken Gegend mit luxuriösen Wohnungen, Clubs und Restaurants. Wegen der Meeres-Doraden oder des Petrusfisches aus dem Jordan kommt man hierher. Doch schon die reichhaltigen Vorspeisen wie Petersilien-Salat oder die zu Humus verarbeiteten Kichererbsen schmecken vorzüglich zum ofenfrischen Fladenbrot. Hinzu kommen italienische Nudelgerichte, Sushi und freilich viele Spezialitäten, die sich aus der Küche eingewanderter russischer Juden speisen.

Doch die wirkliche Altstadt von Tel Aviv bleibt Jaffa. Hier hat sich Nir Zook mit seinem Restaurant Cordelia auf kulinarisches Neuland begeben. Der durch eine Zeitungskolumne in der Yediot Aharonot und durchs Fernsehen bekannt gewordene Koch, bedient sich in seinem unkonventionellen Lokal der unterschiedlichen Kulturströmungen, die seit 60 Jahren das Land bereichern. Französische Menüs mit arabischen Variationen bietet Zook in seinem renovierten Lokal im Altstadtviertel Jaffas etwa an. Sein Kir Royal mit Granatapfelsaft wird besonders geschätzt, ist er doch der ideale Vitaminschub für einen nächtlichen Clubausflug.

Der kann dann gleich nebenan im Theater Club beim Uhrenturm in der Jerusalem Avenue beginnen. Hier wird auch regelmäßig Live-Musik geboten, die - ebenfalls aus dem Fernsehen bekannte - Sängerin Maya Simantov tritt in diesem Club recht häufig auf, und die Menge jubelt ihr frenetisch zu. Die rund 10 Euro Eintritt sind da eine gute Investition in den Lokalkolorit.

Ist vom Vitaminschub noch was übrig, steuert man das Café Barzilai in der gleichnamigen Straße an. Hier treffen sich die Schönen oder einfach nur die Behübschten, jedenfalls aber alle, für die die Party noch nicht zu Ende sein soll. Aufstehen müssen sie ohnehin erst, wenn die Studenten schon längst wieder am Hilton Beach liegen. (Nicolas van Ryk/DER STANDARD/Printausgabe/8./9.11.2008)

  • Seit der Umstellung auf den Winterflugplan fliegt Austrian zweimal täglich direkt von Wien nach Tel Aviv, El Al bedient die Strecke fünfmal wöchentlich. Ein Ticket kostet ab € 500 hin und retour inklusive aller Gebühren, ein Taxi vom Flughafen bis zum Stadtzentrum von Tel Aviv umgerechnet rund € 10. Eine Pauschalreise kommt oft günstiger, das Info-Portal Israeltours vermittelt solche - ohne selbst Veranstalter zu sein - und hat Tipps parat für Reise-Bausteine oder Reisen auf eigene Faust. Die Einreise ist ohne Visum möglich, der Reisepass muss aber noch sechs Monate gültig sein.
    foto: tourism israel

    Seit der Umstellung auf den Winterflugplan fliegt Austrian zweimal täglich direkt von Wien nach Tel Aviv, El Al bedient die Strecke fünfmal wöchentlich. Ein Ticket kostet ab € 500 hin und retour inklusive aller Gebühren, ein Taxi vom Flughafen bis zum Stadtzentrum von Tel Aviv umgerechnet rund € 10. Eine Pauschalreise kommt oft günstiger, das Info-Portal Israeltours vermittelt solche - ohne selbst Veranstalter zu sein - und hat Tipps parat für Reise-Bausteine oder Reisen auf eigene Faust. Die Einreise ist ohne Visum möglich, der Reisepass muss aber noch sechs Monate gültig sein.

  • Über das Staatliche Israelische Verkehrsbüro (Go Israel) können nicht nur Reiseinformationen eingeholt werden, sondern auch Hotels gebucht werden. Die Tel Aviv Hotel Association bietet im Web das umfassendste Verzeichnis für Unterkünfte in Tel Aviv. Die Häuser der großen Ketten Hilton, Sheraton, Intercontinental, Dan, Carlton, Radisson und Crown Plaza haben jedenfalls den Vorteil, alle direkt am Strand zu liegen - online findet man auch saisonale Sonderangebote. Der Tel Aviv City Guide listet im Web eine fast komplette Übersicht von Restaurants, Bars und Clubs und zusätzliche touristische Informationen.
    foto: tourism israel

    Über das Staatliche Israelische Verkehrsbüro (Go Israel) können nicht nur Reiseinformationen eingeholt werden, sondern auch Hotels gebucht werden. Die Tel Aviv Hotel Association bietet im Web das umfassendste Verzeichnis für Unterkünfte in Tel Aviv. Die Häuser der großen Ketten Hilton, Sheraton, Intercontinental, Dan, Carlton, Radisson und Crown Plaza haben jedenfalls den Vorteil, alle direkt am Strand zu liegen - online findet man auch saisonale Sonderangebote. Der Tel Aviv City Guide listet im Web eine fast komplette Übersicht von Restaurants, Bars und Clubs und zusätzliche touristische Informationen.

  • Die Tel Aviv Foundation gibt einen ersten Überblick darüber, wie im Jahr 2009 das hundertjährige Bestehen der Stadt zelebriert wird. Unterdessen wird aber in den Trendlokalen der Stadt nicht nur am Wochenende gefeiert. Eine Auswahl empfehlenswerter Clubs sind: Theatre Club, Café Barzilai, Dome, HaMosad und Home Club. Der Eintrittspreis liegt umgerechnet zwischen 10 und 20 Euro. Wer schicke Bars einer Disco vorzieht, für den kommt im Hafenviertel die Buddha Bar (das ist die israelische Ausgabe der gleichnamigen Pariser Bar) infrage oder Tel Avivs älteste Schwulenbar Evita, die bereits als Institution gilt.
    foto: tourism israel

    Die Tel Aviv Foundation gibt einen ersten Überblick darüber, wie im Jahr 2009 das hundertjährige Bestehen der Stadt zelebriert wird. Unterdessen wird aber in den Trendlokalen der Stadt nicht nur am Wochenende gefeiert. Eine Auswahl empfehlenswerter Clubs sind: Theatre Club, Café Barzilai, Dome, HaMosad und Home Club. Der Eintrittspreis liegt umgerechnet zwischen 10 und 20 Euro. Wer schicke Bars einer Disco vorzieht, für den kommt im Hafenviertel die Buddha Bar (das ist die israelische Ausgabe der gleichnamigen Pariser Bar) infrage oder Tel Avivs älteste Schwulenbar Evita, die bereits als Institution gilt.

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