Wirbelwind in Unterhosen

7. November 2008, 17:00
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Steve Aoki, DJ, Inhaber eines Indie-Musiklabels und Produzent, startet nun eine eigene Modelinie - Mareike Müller traf das Multitalent

Er legt Platten auf. Das wird überbewertet, sagen manche. Allerdings gibt es auch andere Gründe, warum um Steve Aoki, den 30-jährigen US-Amerikaner mit japanischen Wurzeln, nicht nur in seiner Heimat Los Angeles solch ein Tamtam gemacht wird.

Da wäre zum einen der Promifaktor: die enge Freundschaft mit Lindsay Lohan, Schauspielerin und Skandalliebling des Boulevards. "Sie ist ganz anders als alle Menschen, die ich kenne", erzählt Aoki, während er nach dem Modeshooting in Wien auf dem Studiosofa sitzt, seine Knie wippen nervös. Vor drei Jahren lernte er Lohan auf ihrer Geburtstagsparty kennen, er war als DJ geladen, Lohan legte gemeinsam mit ihm auf: "Ihr Musikgeschmack ist wirklich erstaunlich."

Zum anderen wäre da die Tatsache, dass Aoki in Sachen Musik breitaufgestellt ist. Mit seinem unabhängigen Musiklabel "Dim Mac Records" hat er Indierock-Größen hervorgebracht, Bands wie Bloc Party, The Rakes, The Kills, Klaxons. Als DJ mischt Aoki unter dem Pseudonym "Weird Science" Snoop Dogg, Bloc Party und Peaches neu, unter seinem eigenen Namen aka DJ Kid Millionaire remixt er Timbaland oder Duran Duran. Neuerdings schreibt er auch eigene Electro-Songs.

"Unbottoned Tour"

Bleibt für die Modeauskenner noch der Hinweis auf Aokis Streetweardesigns für diverse Surfer- und Skaterlabels wie WESC, Ksubi, Kr3W, Supra; bislang entwarf der DJ Kopfhörer, Hoodies, Shirts, Schuhe und Brillen. Auf der Welle des Nu-Disco-Hypes um Justice und andere vom Label Ed Banger schwimmt Aoki mit seinem Electrostyle jedenfalls erfolgreich mit. So erfolgreich, i i dass sich Levi's für die Neuauflage seiner 501-Jeans und die "Unbottoned Tour" nicht nur Mr. Oizo aus dem Ed-Banger-Stall schnappte, den französischen Musiker und Werbefilmer Quentin Dupieux, der für das Jeanslabel das gelbe Maskottchen Flat Eric erfand, sondern auch Steve Aoki mit seiner dezidierten Modeaffinität.

Auf dem Wiener Konzert der Levi's-Clubtour im Fluc trat Aoki als Dritter auf. "Leider", sagt er und zieht dramatisch die Augenbrauen hinauf, fuchtelt mit den Händen in der Luft herum. "Immer bin ich als Schlussact gebucht. Dabei würde ich gern mal als Erster auftreten, wenn die Massen fiebern und jeder bereit ist für die Energie, für den Tanz." Dennoch war auch um 2.30 Uhr morgens das Fluc noch gut gefüllt, um Aokis laute, unruhige, zappelnde, hochenergetische Beats mit Begeisterung entgegenzunehmen. "Ich hab nicht so viel gesehen", behauptet Aoki derweil. "Ich hab meine Haare immer so geschwungen" - er wirbelt seine mehr als schulterlangen Haare kräftig im Kreis.

Der Asiate mit den großen Ohren

Warum sich im Leben des Rastlosen ("Ich bin 300 Tage im Jahr unterwegs, arbeite von überall aus.") so viel um Musik dreht, erklärt er uns so: "Es klingt wie ein Klischee. Aber als Kind war ich der Außenseiter, der Asiate mit den großen Ohren, den niemand akzeptierte. Erst als ich mich einer Skatergruppe anschloss, die Hardcore-Musik hörte, ging es ab. Von da an war Musik alles für mich." Und wie kam der Sprung zur Mode? Das hat mit seiner Schwester Devon zu tun. Sie ist Model, lief mit 14 für Lagerfeld, Bruder Steve bekam viel mit von der Welt der heute 26-Jährigen. "Dennoch haben wir lange jeder unser eigenes Ding gemacht. Jetzt aber werden Devon und ich im Frühjahr eine Modelinie herausgeben."

Über die will er noch nicht viel verraten. Es wird allerdings nicht, wie seine Shirts aus dem Label Dim Mak Collection, eine kalifornische Sonne-Strand-Freizeitmode werden, sondern, deutet Aoki mehr an, als dass er konkret würde: "Sehr raffiniert, im mittleren Preissegment." Wenn er sagt, er könne immer noch kaum glauben, dass Leute mögen, was er designt - "das ist verrückt" -, dann wirkt der hinter den Turntables so lässige DJ wie ein kleiner Junge, der sich freut, nicht mehr zu den Außenseitern zu gehören.

120 Platten brachte Aokis kleines Label in elf Jahren heraus, es veröffentlicht längst nicht mehr nur Indierock. Mit den kanadischen "MSTRKRFT" hat Dim Mak nun eine Band mit harten Electronikbeats im Portfolio wie auch Electropunk von "The Bloody Beetroots" und andere Dancemusik. Warum der Wechsel? "Zeit verändert sich, mein Geschmack ändert sich. Ich finde, Electro-Musik ist heutiger. Doch auch wenn die Ästhetik anders ist. Eins ist bei Punkrock und Electro gleich, und darauf kommt's an: die Energie." Sagt's, und stemmt sich samt den klobigen Gummistiefeln in den Kopfstand. (Mareike Müller/Der Standard/rondo/07/11/2008)

 

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    Erst als ich mich einer Skatergruppe anschloss, die Hardcore-Musik hörte, ging es ab. Von da an war Musik alles für mich.

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