Psychedelischer Herbst

5. November 2008, 17:00
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Trüffel, Malvasier und Olivenöl sind drei gute Gründe, Istrien wegen seines Hinterlandes zu besuchen, findet Luzia Schrampf

Die Verfärbungen der istrischen Vegetation im Herbst beeindrucken nachhaltig: knallrote Büsche neben immer noch sattgrünen Bäumen, dazwischen wieder dottergelbes und orangefarbenes Strauchwerk unter blitzblauem Himmel. Dass von manchen Punkten aus das Meer im Hintergrund glitzert, macht die Sache nicht weniger kitschig.

Das Farbenspiel ist berauschend. Dabei hat man von den Pilzen und dem Rest der lokalen Kulinarik noch nicht einmal probiert. Die istrische Trüffel ist der Stolz der Region. In der Qualität soll die "Tuber magnatum pico" jener im Piemont in nichts nachstehen. Gerne werden Besucher an Tests erinnert, die ihr dieselbe DNA-Struktur wie der piemontesischen bescheinigen. Die Marke "Tartufo vero" verweist jedenfalls auf Lokale, die sich durch pfleglichen Umgang mit den weißen Knollen auszeichnen. Reges Treiben rund um die Trüffel hat sich bei Zigante in Livade etabliert. Neben einem Restaurant und drei schicken Hotelzimmern gibt es einen Shop und ein Trüffelfest im Oktober und November direkt vor der Haustür.

Istrien kommt einem zum Thema herbstliches Reisen und Kulinarik nicht als Erstes in den Sinn. Zu leicht weist man der Halbinsel an der nördlichen Adria nur Camping, FKK und Mittelklassehotels zu. Umag, Poreè, Novigrad oder Rovinj, die heute gar nicht mehr so kleinen Fischerorte entlang der Küste mit ihren charmanten historischen Ortszentren, sind bekannt attraktive Reiseziele. Das Hinterland Istriens lebt dagegen erst seit der Entdeckung des kulinarischen Tourismus vor etwa zehn Jahren richtig auf. Zu dessen Feinheiten gehören kleine, familiär geführte Restaurants und Hotels, die in vielerlei Hinsicht ein anspruchsvolles Umfeld bieten. Auch alte Häuser, die komfortabel renoviert wurden, werden vermietet. Falls den Gästen nach Bewegung ist, gibt es meist einen Pool oder Wander- und Radwege wie jenen entlang der Trasse der historischen Parenzana-Bahn, die zu k.u.k. Zeiten die Versorgung nach Wien sicherstellte.

Agrotourismus

Das San Rocco in Brtonigla war ursprünglich ein istrisches Bauernhaus mit Nebengebäuden und wurde mit Gefühl und Rücksicht auf den Baustil der Gegend zu einem Vier-Sterne-Haus umgebaut. Familie Fernetich vermietet zwölf Zimmer im Sinne des gehobenen Agrotourismus und führt ein kleines, hoch dekoriertes Restaurant mit einem bestens gerüsteten Weinkeller.

Heutige Wein-Freuden verdankt man der Tatsache, dass sich immer mehr Winzer aus den Kooperativen lösen und solo auf Qualität hinarbeiten. Die Weinkultur basiert auf der weißen Malvasier-Traube und dem roten Teran, den zwei lokalen Sorten neben den ubiquitären Cabernet und Merlot. Aus den früher leider allzu oft mäßigen, weil mostigen Tropfen wurden klare, frische Weine mit dem typischen milden, südlichen Charakter. Teran gehört in seiner schönsten Ausprägung zum Typus fruchtbetonter, mittelkräftiger Rotwein, der hervorragend zu Prsut passt, luftgetrocknetem Rohschinken, einer weiteren Spezialität der Gegend. Das Weingut Kabola in Kremenje wird ab 2009 sogar biodynamisch zertifiziert. Dort stößt der geneigte Weinfan übrigens auf den duftigen Momjaner Muskateller, eine weitere lokale Spezialität.

Selbst den Mittelklasse-Bettenburgen aus den 60er-Jahren, zwischen den historischen Fischerorten direkt an der Küste gelegen, versuchen die Betreiber heute durch Renovierung und Upgrading so etwas wie Charme abzutrotzen. Was abhängig von den architektonischen Grundgegebenheiten mehr oder weniger gut gelingt. Frühstücksräume mit Größe und Anmutung einer Bahnhofshalle werden etwa durch besonders schöne Aussichten aufgewertet.

Olivenöl ist einer der wichtigsten wiederentdeckten kulinarischen Schätze der Halbinsel. Bis vor wenigen Jahren wurde es für den Hausgebrauch hergestellt. Um die Bäume kümmerte man sich nicht sehr intensiv, man erntete, ohne groß darüber nachzudenken, sobald die Früchte zu Boden fielen und die Olivenfliege meist bereits einigen Schaden angerichtet hatte. Seit man erkannte, dass aus diesen Gegebenheiten auch hervorragendes Olivenöl entstehen kann, lassen sich die ambitionierten Produzenten in Kursen schulen und machen sich mehr Gedanken über Pflege der Bäume und Erntezeitpunkt. Der Erfolg ist daran abzulesen, dass istrisches Olivenöl heute im internationalen Vergleich immer öfter sehr gut abschneidet. Inmitten des atemberaubenden Farbenspiels des istrischen Herbsts bilden die Olivenbäume in ruhigem Graugrün übrigens die optischen Ruhepole. Alles in allem viele Gründe, um nicht nur des Meeres wegen hinzufahren. (Luzia Schrampf/DER STANDARD/Rondo/31.10.2008)

Informationen:
Anreise:
z. B. nächstgelegene Flughäfen Ronchi dei Legionari
oder Ljubljana oder direkt per Auto
Allg. Info:
www.istra.hr
Gourmet-Info:
www.istria-gourmet.com
Hotels: z. B.
www.san-rocco.hr
www.zigantetartufi.com
www.villaanette.hr
Restaurants:
z. B. Damir e Ornela in Novigrad (nur auf Reservierung!)
Monte in Rovinj
Marino in Momjan
Weingüter:
z. B. Moreno Coronica
Olivenöl z. B. Claudio Ipsa

  • Das Bergdorf Motovun.
    foto: wikipedia.org/ulrich prokop

    Das Bergdorf Motovun.

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    grafik: der standard
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