Bringt es Holgersson schonend bei!

7. November 2008, 17:00
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In der südlichsten Provinz Schwedens, in Schonen, ziehen Nils Gänse mit dem Rotkraut davon. Das Martinigans-Ritual ist hier stark verwurzelt

Es war ein zahmer Gänserich, der den daumengroßen Wichtel auf dem Rücken über Schweden trug. Selma Lagerlöf, die spätere schwedische Literaturnobelpreisträgerin, schrieb die Wunderbare Reise des Nils Holgersson mit den Wildgänsen 1901 noch als Lehrerin, ließ sie im äußersten Süden in Schonen beginnen und in Lappland enden. Denn diese Erzählung - heute noch der beste Schweden-Reiseführer - sollte ein länderkundliches Buch für Schulkinder sein. Vielleicht können wir nun endgültig klären, ob es Zufall ist, dass die berühmteste Gans Schonens Martin heißt.

Kennenlernen wird man die Tiere im November nämlich vorwiegend als Martinigans. Ganze Legionen von - freilich domestizierten - Gänsen kommen in Schonen gerade wieder auf den Tisch, denn hier verschwand die Gänsezucht nicht so wie im übrigen Schweden Ende des 18. Jahrhunderts mit der Wechselwirtschaft. Fast jedes schonische Gasthaus bietet die Mårten Gås, die Martinigans, mittlerweile auch den ganzen Monat über an. Doch berühmt für dieses Festessen, das traditionellerweise am 10. November, dem Vorabend des Martinitages, zelebriert wird, ist Skanörs Gästis, ein Gasthaus im kleinen Ort Skanör im äußersten Süden des Landes zwischen Malmö und Trelleborg. Das Ganslessen ist dort ein stundenlanges Ritual, zu dem die Schlemmer längst nicht mehr nur aus dem eigenen Land kommen. Hier scheint es weniger Gründe für ein schlechtes Gewissen zu geben: Die schonischen Gänse leben frei, werden nicht zwangsgefüttert und ernähren sich nur von Getreide und Gras, denn auf den brachliegenden Feldern gibt es reichlich Platz.

Aus der Wildgansperspektive

"'Was ist denn das da unten für ein großes, gewürfeltes Tuch?', sagte der Junge vor sich hin, ohne von irgendeiner Seite eine Antwort zu erwarten. Aber die Wildgänse um ihn herum riefen sogleich: 'Äcker und Wiesen!'" So heißt es zu Beginn von Lagerlöfs Buch. Wer heute im Flugzeug über das Land gleitet, hat das gleiche Bild vor Augen: Die Karos auf dem Tuch sind die Getreideäcker und Rübenfelder, die Gärten und Gehöfte, die Wälder und Heiden mit ihren Seen und die Parks mit ihren Schlössern.

Zu Letzteren gehört auch Schonens einziges Rokokoschloss, das aus einer Mönchsgründung hervorgegangene Övedskloster am Ufer des Vombsees. Dieser Platz ist für Schonen so bedeutend, dass Selma Lagerlöf in ihrer Geschichte von der Reise des Nils Holgersson die Wildgänse deren erste Nacht hier verbringen lässt. Fast tausend Schlösser und Herrensitze liegen über Schonen verstreut, sie alle sind mit Histörchen verbunden.

Vom anderen, urbanen Patchwork konnte Lagerlöf ihren Schülern noch nichts erzählen: So hat ausgerechnet Schonens doch recht ländlich geprägte Hauptstadt, Malmö, mit dem Kunstmuseum und der Kunsthalle eine der besten Sammlungen skandinavischer moderner Kunst. Seit dem Jahr 2000 ist die Stadt durch die 18 Kilometer lange Öresundbrücke auch wieder enger mit Dänemark verbunden - schwedisch ist Schonen ja erst seit etwas mehr als dreihundert Jahren. Der erneute Brückenschlag zu den Nachbarn mag nicht nur Reisenden entgegenkommen, sondern auch der zumindest unterschwelligen Nostalgie so mancher Schoninger, die sich immer noch mehr nach Kopenhagen als nach Stockholm hingezogen fühlen.

Im Jahr 2005 schließlich wurde der Kleinstadt ein neues Wahrzeichen verpasst, das man bei der omnipräsenten Mårten-Gås-Tradition in Schonen eigentlich nur als Gänsehals deuten kann. 190 Meter ragt der "Turning Torso" des spanischen Architekten Santiago Calatrava seither als größter Wolkenkratzer Skandinaviens in den Himmel. Genutzt wird er zwar ausschließlich als Wohngebäude, aber seit der Errichtung hat sich auch das gesamte Viertel Västra Hamnen, also der Westhafen, zu einer schicken Flaniermeile entwickelt.

Internationale Bausteine

Erstaunlich ist dieser Kontrast aber vor allem deshalb, weil sich die drittgrößte Stadt Schwedens etwa mit ihrem Lilla Torget, dem kleinen Markt, noch immer eine bilderbuchhafte Kleinstadtidylle bewahren konnte. Und bei einem Blick über die Dächer der Stadt weckt der Kirchturm von St. Petri sogar Erinnerungen an eine andere Stadt. Tatsächlich ließen sich deutsche Kaufleute, die seit dem dreizehnten Jahrhundert in Malmö lebten, die Kirche nach dem Vorbild der Lübecker Marienkirche bauen. Gleich neben dem Lilla Torget breitet sich der große Bruder aus, der Markt Stortorget. Er ist einer der schönsten des Landes. Hier steht übrigens das 1860 - bereits im holländischen Renaissancestil - neu gestaltete Rathaus und in seiner Nähe das Kramer Haus, das wiederum mit seiner prächtigen Fassade daran erinnert, dass Malmö im sechzehnten Jahrhundert neben Kopenhagen die größte Stadt Dänemarks war. Naiv war Nils Holgerssons Beobachtung eines "großen, gewürfelten Tuchs" also keineswegs. (Christoph Wendt/DER STANDARD/Printausgabe/1./2.11.2008)

Informationen:
www.visitsweden.com

  • Kopenhagen (wiewohl in Dänemark) ist der beste Zielflughafen, um nach Schonen zu kommen - er wird von Austrian, SAS und Sky Europe ex Wien angeflogen. Auf ein eigenes Auto ist man in der Region nicht unbedingt angewiesen - mit dem Around the Sound-Ticket um rund EURO 20 können beide Seiten des Öresund zumindest mit dem Zug und mit der Fähre abgeklappert werden. Die gelben Regionalbusse verkehren mehrmals täglich zwischen Malmö und Skanör. 
Weitere touristische Informationen unter: www.skane.com
    foto: skane.com/gunnar magnusson

    Kopenhagen (wiewohl in Dänemark) ist der beste Zielflughafen, um nach Schonen zu kommen - er wird von Austrian, SAS und Sky Europe ex Wien angeflogen. Auf ein eigenes Auto ist man in der Region nicht unbedingt angewiesen - mit dem Around the Sound-Ticket um rund EURO 20 können beide Seiten des Öresund zumindest mit dem Zug und mit der Fähre abgeklappert werden. Die gelben Regionalbusse verkehren mehrmals täglich zwischen Malmö und Skanör.

    Weitere touristische Informationen unter: www.skane.com

  • Aus dem Hotelprojekt im Wohnturm "Turning Torso" wurde nichts, die Stadt bietet aber zahlreiche andere Unterkünfte, die auf der Website der Stadt Malmö gelistet sind. Unpraktisch für den Städtetrip, aber empfehlenswert zum Umfallen nach dem Ganslessen ist das Hotel Gässlingen direkt in Skanör. Das Restaurant des Hauses ist von solcher Qualität, dass man ruhigen Gewissens das Gourmentpackage in Anspruch nehmen kann (pro Person und Nacht EURO 150 im Doppelzimmer).
    grafik: der standard

    Aus dem Hotelprojekt im Wohnturm "Turning Torso" wurde nichts, die Stadt bietet aber zahlreiche andere Unterkünfte, die auf der Website der Stadt Malmö gelistet sind. Unpraktisch für den Städtetrip, aber empfehlenswert zum Umfallen nach dem Ganslessen ist das Hotel Gässlingen direkt in Skanör. Das Restaurant des Hauses ist von solcher Qualität, dass man ruhigen Gewissens das Gourmentpackage in Anspruch nehmen kann (pro Person und Nacht EURO 150 im Doppelzimmer).

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